Die Partystimmung in den besten Moskauer Kreisen ist passé. Champagner und Kaviar werden beim Geldadel immer öfter ersetzt durch heimischen Wodka und die traditionellen gefüllten Teigtaschen. Das opulente Leben der superreichen Russen ändert sich nach Jahren ungebremsten Wachstums dramatisch. Es scheint, als habe Moskau als ungekrönte Glitzerhauptstadt Europas ausgedient.

Vor zwölf Monaten lebten nach Angaben des Magazins «Forbes» 74 Milliardäre in der russischen Kapitale, nun ist deren Zahl auf 27 zusammengeschmolzen. Vor allem das öffentliche Zurschaustellen des Reichtums sei nicht mehr en vogue, berichtet das Blatt. Gefeiert werde mittlerweile in den eigenen vier Wänden. Entsprechend schwach ist die Nachfrage nach Privatjets und Yachten jenseits der 500 000-Dollar-Marke.

Die Umsätze in den teuersten Restaurants der Stadt haben sich praktisch halbiert. Teure Luxusboutiquen wie jene von Alexander McQueen oder Stella McCartney schliessen demnächst ihre Niederlassungen in Moskau mangels Umsatz. Die 25 reichsten Russen haben im letzten Jahr innerhalb von nur sechs Monaten insgesamt 230 Mrd Dollar verloren, was vornehmlich auf die eingebrochenen Bewertungen ihrer Firmenbeteiligungen zurückzuführen ist. Diese wiederum waren in Zeiten des Rohstoffbooms stark gestiegen und sind mit den steil nachlassenden Notierungen weltweit drastisch im Wert gefallen.

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Die Mahnung aus dem Kreml

Besonders hart getroffen hat es etwa den Rohstoffbaron Roman Abramowitsch, dessen Vermögen von rund 23 Mrd Dollar sich mittlerweile mehr als halbiert haben soll. Auch Baulöwe Oleg Deripaska sieht seine Felle davonschwimmen - Verluste an den Aktienbörsen zwangen ihn zum Notverkauf von Beteiligungen, etwa am deutschen Hochtief-Konzern.

Die Arbeitslosigkeit steigt in Russland mittlerweile dramatisch an und hat mit einer Quote von 8,5% den höchsten Stand seit vier Jahren erreicht. Im vergangenen Jahr hatte sich die Zahl der Russen, die sich selbst als «arm» bezeichnen, auf 14% verdoppelt, wie ein Moskauer Meinungsforschungsinstitut herausfand.

«Wenn andere hungern, kann man seinen Reichtum nicht ohne Weiteres feiern», stellt Boris Teterev fest, der die Niederlassung von Rolls-Royce Motor Cars in Moskau seit der Eröffnung im Jahre 2004 leitet. Teterev, dessen Vermögen auf 200 Mio Dollar geschätzt wird, rechnet im laufenden Jahr mit einem Drittel weniger Umsatz in seinem Autohaus. Nur die Hälfte dieses Rückgangs erwartet die Industrievereinigung Altagamma mit Sitz in Mailand für den russischen Luxusmarkt in diesem Jahr insgesamt.

Protzen mit Reichtum war in den Boomzeiten durchaus gesellschaftlich akzeptiert, sagt der 38-jährige Millionär Roman Trotsenko, Gründer und Besitzer des Flughafenbetreibers Novaport. Derzeit entwickle sich aber «ein neuer Lebensstil». Trotsenkos Vermögen wird vom Wirtschaftsmagazin «Finans» auf 70 Mio Dollar geschätzt.

Auch die Politik spielt offenbar eine Rolle bei der neuen Bescheidenheit in der russischen Oberschicht. Staatspräsident Dmitri Medwedjew hatte im März die reichsten Mitbürger des Landes aufgerufen, sich weniger um ihren persönlichen Konsum, sondern vielmehr um ihre Geschäfte zu kümmern, um die Wirtschaftkrise zu meistern. Medwedjew nannte die Krise «einen Test der Reife», und das staatliche Fernsehen und Radio rief gar eine «Anti-Glamour-Revolution» aus.

Vielfach nur Fassade

Derzeit misst die russische Politik den Sozialausgaben höchste Priorität bei. Die Oligarchen wollen es sich ganz offensichlich nicht mit dem Kreml verderben. Das Wohlwollen der Politiker bietet nicht zuletzt Schutz vor Gläubigern aus dem Westen. «Die Privatjets sind noch da, aber die Namen der Besitzer sind jetzt weggekratzt», sagt der Rechtsanwalt Alexander Dobrovinsky, der unter anderem die ehemalige Ehefrau des Stahlmagnaten Alexej Mordashow in deren Scheidungsprozess vertrat.

In vielen Fällen sei die Bescheidenheit allerdings nur eine Fassade, sagt Autohändler Teterev. «Wer Geld verloren hat, gibt nun vor, besonders im Trend zu liegen. Aber wer Geld hat, der wird seinen Fahrer und seine Putzkolonne nicht verlieren.»