Als Sie 2006 Swisscom-Präsident wurden, stand das Unternehmen strategisch gesehen vor einem Scherbenhaufen. Der Bundesrat hatte einen Firmenkauf in Irland untersagt. Wie haben Sie das damals erlebt?

Anton Scherrer: Das Ganze begann Ende 2005, als Swisscom die irische Firma Eircom akquirieren wollte. Zur gleichen Zeit legte der Bundesrat die Zielsetzungen für Swisscom neu fest. Neu war die Auflage, dass Swisscom kein Unternehmen kaufen darf, das einen Grundversorgungsauftrag hat - also kam Eircom plötzlich nicht mehr in Frage.

Sie mussten sich nach neuen Kaufmöglichkeiten umsehen.

Scherrer: Wir haben damals mit einer neuen Geschäftsleitung - Carsten Schloter hatte Jens Alder an der Konzernspitze abgelöst - und verschiedenen neuen Verwaltungsräten eine neue Strategie entwickelt. Wir fragten uns, was diese neue Strategie erreichen sollte. Swisscom hatte in den Jahren zuvor jährlich 200 bis 300 Mio Fr. an Umsatz abgeben müssen und der operative Gewinn schrumpfte. Wir wollten diesen Schrumpfungsprozess stoppen und Lösungen finden, die ein nachhaltig profitables Wachstum für Swisscom ermöglichen. Daraus ist dann die sogenannte Drei-Säulen-Strategie entstanden.

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Diese Säulen zielen aufs Maximieren, Erweitern und Expandieren. Was bedeutet das konkret?

Scherrer: Beim Maximieren geht es ums bestehende Kerngeschäft im Inland. Hier sollen mit neuen Diensten, einer Verbesserung der Infrastruktur und dem Ausbau des Kundenservices zusätzliche Umsätze generiert werden. Zugleich gilt es, laufend Massnahmen zu treffen, damit die Swisscom fit bleibt. Unter dem Stichwort Erweitern entstanden vor allem das Fernsehangebot Bluewin TV, aber auch mobile Breitbanddienste oder unsere Beteiligung an Cinetrade. Es geht hier darum, wegbrechenden Umsatz mit Neugeschäften zu kompensieren. Und in der Säule Expansion wollen wir neue Wachstumsmöglichkeiten suchen.

Nach dem Verbot, Eircom zu kaufen, schwenkten Sie sehr rasch auf die italienische Fastweb ein.

Scherrer: Bereits im August 2006 haben wir Vorabklärungen zu Fastweb getroffen. Der Abschluss war dann im Mai 2007. Uns bot sich die Chance, bei einer Pionierfirma im Breitbandgeschäft einzusteigen.

Aber warum konkret hat man sich für Fastweb entschieden? Das Engagement war mit 7 Mrd Fr. nicht gerade billig, und das Unternehmen hatte zu diesem Zeitpunkt noch nie Gewinne geschrieben.

Scherrer: Wir haben gesehen, dass dieses Geschäft nachhaltig wachsen wird. Wir rechneten damit, dass sich spätestens in zwei, drei Jahren auch ein Nettogewinn einstellen würde - und bereits 2008 wurde dies erreicht. Das Risiko stuften wir als berechenbar ein. Wir haben abgeklärt, was man eben abklären muss, und bis jetzt hat uns unser Plan recht gegeben.

Bis jetzt?

Scherrer: Jetzt haben wir wirtschaftlich schwierige Zeiten, aber der Telekom- Markt ist bisher von der Krise wenig betroffen. Im Rahmen der Ergebnisse des 1. Quartals haben sowohl Swisscom wie auch Fastweb die Aussichten fürs laufende Jahr bestätigt.

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Aber trotzdem: Angenommen, durch die Krise gibt es plötzlich Rückschläge. Wie gross ist das Risiko, dass Ihnen die Politik plötzlich dreinredet? Beim Engagement in Malaysia etwa ist Swisscom auf Druck viel zu früh ausgestiegen.

Scherrer: Diese Projekte muss man langfristig sehen. Fastweb ist ein Bestandteil von Swisscom. Da reicht eine Delle nicht aus, um das Ganze in Frage zu stellen - wobei ich damit nicht gesagt habe, dass es bei Fastweb derzeit eine solche Delle gibt.

Swisscom hat sich im Rahmen ihrer neuen Strategie früh dafür entschieden, auf den Servicebereich zu setzen. Eine solche Strategie ist teuer. Was gab den Ausschlag für diesen Entscheid?

Scherrer: Wir haben die Neuorganisation von Swisscom konsequent auf die Kunden ausgerichtet. Die neue Struktur wurde in nur einem Jahr, also in Rekordzeit umgesetzt. Dank dieser neuen Organisation ist Swisscom fit für die Herausforderungen der Zukunft. Das Ziel, als Marktführer den besten Kundenservice zu liefern, war eine Folge dieser neuen Strategie.

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Dieser Entscheid bedeutet auch, dass Swisscom tendenziell viele Mitarbeiter im Servicebereich beschäftigt. War das auch eine Vorgabe des Bundes?

Scherrer: Das steht nicht im Zusammenhang mit den Zielen des Bundes, nein. Für Swisscom ist der gute Service ein Differenzierungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz. Durch neutrale Befragungen von aussen wird laufend überprüft, wo wir hier stehen. Es ist sowohl für Privat- wie auch für Geschäftskunden entscheidend, dass sie bei Problemen Hilfe bekommen.

Wie oft berät der VR über die Strategie?

Scherrer: Wir hinterfragen die Strategie jährlich, sie wird rollend überarbeitet. Der VR behandelt im Februar und März eines Jahres die Schlüsselfragen und überlegt sich, ob weitere Fragen zu stellen sind. Danach übergibt er die Themen an die Geschäftsleitung zur Bearbeitung. Im Sommer kommt die Geschäftsleitung mit einem strategischen Entwurf, in dem die Punkte des VR wie auch eigene Punkte der Geschäftsleitung enthalten sind. Dann muss über die wichtigsten strategischen Stossrichtungen entschieden werden, bevor der Businessplan und das Budget für das nächste Jahr erstellt werden können. Dieser Businessplan wird dann vom VR gegen Ende des Jahres abgesegnet.

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Wie zufrieden sind Sie bisher mit der Umsetzung der heutigen Strategie?

Scherrer: Sehr zufrieden. Die Strategie läuft jetzt drei Jahre, und die Ergebnisse im Markt sind sehr gut. Oberste Priorität hat jetzt die Weiterentwicklung von Fastweb. Aber auch mit Blick aufs Schweizer Geschäft können wir feststellen: Wir haben die Umsatz- und Margenerosion mit neuen Geschäften wettmachen können. Das war früher nicht so. Die neue Strategie trägt also ganz klar Früchte.

Der Erfolg von Swisscom ruft jetzt aber den Regulator und die Konkurrenz auf den Plan - das sind Faktoren von aussen, die Sie nicht beeinflussen können.

Scherrer: Wenn wir weniger erfolgreich wären, hätten wir mit dem Regulator sicher weniger Probleme. Es kann uns aber niemand verbieten, dass uns der Kunde will. Wenn Sie genau hinschauen, haben wir vor allem im freien Markt Erfolg. Im Mobilfunk etwa haben wir den höchsten Marktanteil, da gibt es keine Regulierung und drei voneinander unabhängige Infrastrukturen.

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Warum ist Swisscoms Marktanteil gerade auch im Mobilfunk so hoch?

Scherrer: Wir sind bestrebt, dem Kunden mehr zu bieten, als er erwartet. Es ist nicht der Preis allein, der entscheidend ist. Wir bieten Service, Sicherheit und Verlässlichkeit. Ein guter Service wird gewünscht, und das ist unsere Stärke am Markt.

In einem Bereich hat Swisscom bezüglich Strategie ihre Meinung aber geändert, und zwar bei Glasfasern. Noch vor wenigen Jahren sagten Swisscom-Vertreter öffentlich, es sei nicht nötig, in Glasfasern zu investieren. Jetzt, wo die Elektrizitätswerke hier aktiv wurden, tun Sie es doch.

Scherrer: Das ist ein laufender Prozess, und wir haben die Situation neu beurteilt. Swisscom glaubte lange an die VDSL-Technologie, also Glasfaser bis ins Quartier. Hier sind wir schon weiter, als die meisten wissen. Glasfaser in die Haushalte ist noch der letzte Schritt. Hier steht Swiss-com ganz klar für ein liberales System ein, an dem jeder teilhaben kann. In der Schweiz gibt es nun Scharmützel von links bis rechts, aber das beirrt uns nicht. Ich finde es gut, dass sich die Elektrizitätswerke in diesem Bereich engagieren. Ich bin guten Mutes, dass wir uns auch mit den Mitbewerbern finden.

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Ihre Konkurrenten wollen aber nicht in ein eigenes Netz investieren. Was sagt das nun über die Attraktivität des Schweizer Marktes aus?

Scherrer: Es sagt vor allem etwas aus über die Aktionäre, die hinter Sunrise und Orange stehen. Das Multifasernetz, wie es jetzt gebaut wird, lädt ein zum Mitmachen, und dabei können auch die Kosten für die einzelnen Unternehmen reduziert werden. Es ist absolut realistisch, dass hier noch weitere Anbieter investieren. Das können auch Unternehmen sein, die heute noch nicht in der Schweiz aktiv sind. Wir werden sehen, was noch kommt.

Sie können gemäss Statuten bis 2013 Swisscom-Präsident bleiben. Was sind Ihre Ziele?

Scherrer: Es ist für mich wichtig, dass wir weiterhin gut arbeiten können im VR und auch zusammen mit dem Management. Die richtigen Menschen sind dabei entscheidend. Sie sind wichtiger als die Strategie. Die Menschen machen die Strategie. Mein Ziel ist es, hier auch künftig meinen Beitrag zu leisten.

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Würden Sie es persönlich begrüssen, wenn Coop-Chef Hansueli Loosli, der ja neu in den Swisscom-Verwaltungsrat gewählt worden ist, dereinst Ihr Nachfolger würde?

Scherrer: Das ist im Moment nicht das Thema. Aber Hansueli Loosli wurde in den VR gewählt, weil er wirklich einen einzigartigen Leistungsausweis hat und für das Amt als Swisscom-VR sehr motiviert ist.