WACHSTUMSTRENDS.

Nicht mehr die USA, dafür Europa und die Schwellenländer sollen die Weltwirtschaft 2008 voranbringen. Die Wachstumsschwäche in Übersee wirkt zwar auch in anderen Märkten als Bremse, aber die asiatischen Emerging Markets sorgen für den zusätzlichen Schub, der ein Abgleiten in die weltwirtschaftliche Stagnation verhindert. Über die Schwächeperiode in den USA gehen die Meinungen bei den Chefökonomen und Analysten auseinander. Für Horace Brock, Chef von Strategic Economic Decisions und Berater der Gutzwiller Fonds Management, hat die Immobilienkrise einen Einfluss auf das Bruttoinlandprodukt, aber die starken Auftriebskräfte in der übrigen Wirtschaft sollten für ein Wachstum von über 1% sorgen.

Keine Rezession

Während eine Mehrzahl der Konjunkturbeobachter von einem Wachstum in dieser Grössenordnung ausgeht, glaubt Martin Hüfner, Chefökonom Aquila Investment, dass die US-Wirtschaft in den ersten beiden Quartalen 2008 «bestenfalls an einer Rezession vorbeischrammen» wird. Auch Klaus Kaldemorgen, Chef bei der Fondsgesellschaft DWS, sorgt sich über den wirtschaftlichen Zustand in den USA, der ihn an ähnliche Entwicklungen in Japan zu Beginn der 90er Jahre erinnert: «Rückläufige Inlandnachfrage, fallende Zinsen, schwache Währung und ein starker Export: Das haben wir schon einmal bei einer bedeutenden Wirtschaftsmacht gesehen.» Den fundamentalen Schwächebefund teilt Alfred Roelli, Leiter Research bei Pictet: «Die USA könnten vorübergehend in eine Rezession geraten.» Wenn die Wirtschaft in Übersee früher lahmte, zog das jeweils auch die übrigen Weltregionen in den Abwärtsstrudel. Mit der Globalisierung hat sich das geändert. «Die europäische und damit auch die Schweizer Abhängigkeit von der amerikanischen Nachfrage ist schwächer geworden», konstatiert Thomas Straubhaar, Wirtschaftsprofessor und Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Vergleiche mit 1998 belegen diese These. Damals trugen die USA noch die Hälfte zum globalen Wirtschaftswachstum bei. Jetzt liegt dieser Anteil bei 16,5%, während Europa mit einem Anteil von 15,8% dicht dahinter folgt und Asien mittlerweile 31,3% zum Wachstumsschub beisteuert. Nebst Asien steht Europa im Begriff, einen grösseren Binnenmarkt aufzubauen. Das stimmt Martin Hüfner für den alten Kontinent optimistisch: «Sein Wachstum wird zwar etwas geringer werden, aber bei weitem nicht so stark zurückgehen wie in den Vereinigten Staaten.» Europa wird von John Greenwood, Chefökonom beim Vermögensverwalter Invesco, ebenfalls positiv beurteilt: «Die Dynamik der inländischen Kaufkraft sollte reichen, um für ein anhaltendes Ausgabenwachstum in der Eurozone zu sorgen.» Die günstigen Wachstumsprognosen gelten auch für die Schweiz. Weil aber der Konjunkturzyklus gemäss einer Einschätzung des Wirtschaftsdachverbandes Economisuisse den Höhepunkt überschritten hat, fallen die Schätzungen für das nächste Jahr mit 1,6% anstelle der 2,7% für 2007 deutlich tiefer aus. Andere Konjunkturbeobachter sind optimistischer und rechnen auch 2008 mit Wachstumsraten für das Bruttoinlandprodukt von über 2% (siehe Tabelle).

Zins-Talsohle erreicht

Bei den Zinsen wirkt die Finanzkrise voraussichtlich noch bis tief in die 1. Hälfte 2008 nach. Diese Unsicherheit fordert die Zentralbanken heraus, mit gezielten Leitzinsreduktionen für mehr konjunkturelle Stabilität zu sorgen. Alfred Roelli gibt sich jedoch überzeugt: «Die Zinssenkungen werden nicht von Dauer sein.» Aus seiner Sicht ist die Zinstalsohle jetzt durchschritten. Deshalb dürften die Interventionen der Notenbanken nicht von Dauer sein. Kommt dazu, dass die US-Notenbank die Kredite wegen der verschärften Immobilienkrise nicht beliebig verbilligen kann. Ziehen die Notenbankiers in den wichtigen Industrieländern nicht nach, bringt dies den Dollar zusätzlich unter Druck. Martin Hüfner geht davon aus, dass sich das Blatt spätestens in der 2. Hälfte 2008 wendet. Haben die USA die Talsohle erreicht, wird sich der Dollar gegenüber dem japanischen Yen und dem chinesischen Renminbi abwerten.

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