Wie sind die Vorbereitungen zur Strommarktöffnung in Ihrem Unternehmen fortgeschritten?

Heinz Karrer: Die Axpo-Gruppe ist für den offenen Strommarkt gerüstet. Wir werden unseren Kunden auch im liberalisierten Markt Strom und Dienstleistungen zu in internationalem und nationalem Vergleich äusserst wettbewerbsfähigen Konditionen anbieten. Auch sind wir in den Vorbereitungen zur Ausgliederung unserer Übertragungsnetze in eine eigenständige Gesellschaft weit fortgeschritten und werden diese rechtzeitig, gemäss Gesetz spätestens auf Beginn des neuen Geschäftsjahres am 1. Oktober 2008, vollziehen.

Giovanni Leonardi: Liberalisierte Strommärkte sind für Atel als internationales Stromhandelsunternehmen schon seit rund 15 Jahren Alltag. Wenn jetzt der Markt in der Schweiz geöffnet wird, so erachten wir dies als wichtigen, schon lange fälligen Schritt. Als früher Verfechter der schweizerischen Strommarktöffnung ist unser Unternehmen bereits weitgehend auf diesen Schritt vorbereitet, weil wir die Systeme und Erfahrungen in Europa nutzen können. Selbstverständlich wollen wir unseren Marktanteil in der Schweiz steigern. Wir haben unsere Verantwortung auch in der Branche über die Mitarbeit in übergreifenden Gremien wahrgenommen.

Kurt Rohrbach: Die BKW FMB Energie AG hat ihre Prozesse und Systeme im Hinblick auf die Strommarktöffnung in allen Geschäftsbereichen nahezu vollständig angepasst. Im Rahmen der Entflechtung hat sie die buchhalterische und organisatorische Trennung der verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette ? Erzeugung, Übertragung, Verteilung, Handel und Vertrieb ? vollzogen.

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Hans Schweickardt: Es handelt sich um die grösste Änderung in der Branche in den letzten zehn Jahren. Das Stromversorgungsgesetz (StromVG) schreibt einige obligatorische Änderungen vor, so zum Beispiel die juristische Trennung der Transportaktivitäten von Produktion, Trading und Energieverteilung, um einen diskriminierungsfreien Netzzugang zu gewähren oder die Bildung einer einzigen Regelzone Schweiz. Die betroffenen Gesellschaften müssen diese Trennung bis zum 1. Januar 2009 realisieren. EOS hat bereits 2007 eine Netzgesellschaft gegründet und die Beteiligungen am schweizerischen Transportnetz per 1. Januar 2008 in diese Gesellschaft übertragen. Diese stellt bereits seit Anfang Jahr in Zusammenarbeit mit der Swissgrid die Energietransportbedürfnisse in der Westschweiz sicher.

In welchem Umfang und in welchen Bereichen hat das Unternehmen im Vorfeld der Marktöffnung noch Investitionen getätigt?

Karrer: Axpo investiert laufend Millionenbeträge in Kraftwerke und in die weitere Infrastruktur. Diese Investitionen kommen einerseits der Versorgungssicherheit zugute, anderseits stärken sie die Position von Axpo als führendes Schweizer Stromversorgungsunternehmen ? heute wie auch im liberalisierten Markt von morgen. Da die Marktöffnung mit der Entwicklung und Anpassung von Prozessen verbunden ist, sind erhöhte Anforderungen an die Informatik der Stromunternehmen und damit auch entsprechende Investitionen gefordert.

Leonardi: Atel investiert nicht speziell im Hinblick auf die Strommarktöffnung. Vielmehr investieren wir zur langfristigen Sicherstellung der Schweizer Stromversorgung entlang der bundesrätlichen Energiepolitik. Wir tun dies weiterhin in Stromhandel, in Produktion und in Stromübertragung. Drei Beispiele: Wir haben 200 Mio Fr. zur Förderung, zum Bau und zum Erwerb von Kleinwasserkraftwerken in der Schweiz bereitgestellt. Parallel dazu wurden rund 100 Mio Fr. für ein hocheffizientes Gas-Kombikraftwerk mit Dampfnutzung im Unterwallis investiert. Und für 15 Mio Fr. erneuert die Atel Netz AG ein knapp 9 km langes Teilstück einer 380-kV-Übertragungsleitung am Zugersee. Unsere Beratungsfirma Teravis richtet sich mit ihren Dienstleistungen vorwiegend an Unternehmen in der Strombranche.

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Rohrbach: Ersatz- und Neuinvestitionen in Netz und Produktion wurden plangemäss in einer Grössenordnung von rund 100 Mio Fr. getätigt, sofern nicht durch Einsprachen oder Ähnliches blockiert. Um unsere Aufgaben auch unter den neuen Marktregeln erfüllen zu können, mussten wir eine Vielzahl von Prozessen und Systemen ? insbesondere im Energiedatenmanagement ? anpassen oder neu einführen. Diese wurden so ausgestaltet, dass sie als Kooperations- und Vertriebsplattformen auch Partnern zur Verfügung gestellt werden können.

Schweickardt: Wie andere Energieunternehmen müssen auch wir die nötigen Vorbereitungen treffen und die entsprechenden Systeme beschaffen oder anpassen, um die Überführung der Regelzone an die Swissgrid sicherzustellen, um am neuen Regelenergiemarkt teilnehmen zu können, um unsere Bilanzgruppen zu führen, um den Kraftwerkseinsatz entsprechend den neuen Marktbedingungen zu gestalten und im neuen System schlussendlich die Energielieferungen abzurechnen und zu fakturieren. EOS ist in dieser Beziehung ein Spezialfall, da wir bereits im Jahre 2002 unseren Aktionärskunden einen freien Netzzugang gegeben haben und Netznutzungsgebühren und Energiekosten seit diesem Zeitpunkt getrennt verrechnet haben. Diese Erfahrung erleichtert uns und allen Unternehmen in der Schweiz die Aufgabe wesentlich. EOS wird für diese Vorbereitung zwischen 4 bis 6 Mio Fr. investieren müssen.

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Wie werden sich aus Ihrer Sicht nach der Strommarktöffnung die Strompreise entwickeln?

Karrer: In der Schweiz profitieren Bevölkerung und Wirtschaft derzeit von vergleichsweise tiefen Strompreisen. Künftig werden wir unabhängig von der Marktöffnung ? analog der internationalen Tendenz ? jedoch mit deutlich anziehenden Preisen rechnen müssen. Hauptgründe hierzu sind die steigende Nachfrage nach Energie bei gleichzeitig knappen Produktionskapazitäten, die Verteuerung der Rohstoffe, Mehrkosten aus der Liberalisierung und die laufende Erhöhung von Abgaben. Die Marktöffnung wird mittel- und langfristig innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingung für eine erhöhte Transparenz und Effizienz sorgen.

Leonardi: Ein Ansteigen der Strompreise erweist sich mit und ohne Strommarktöffnung als unvermeidlich. Denn der wirksamste Wettbewerb nützt nichts, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt. Produktions- und Lieferengpässe beim Strom führen zu einem Anstieg der Preise. Diesen Effekt werden die Stromendkunden in unserem Land bereits in naher Zukunft zu spüren kriegen. Die Strommarktöffnung wird die Preise ausserdem durch neue gesetzliche Abgaben zusätzlich beeinflussen. Atel versucht mit Bauprojekten, den Produktionsengpass zu entschärfen und der Preiserhöhung entgegenzuwirken.

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Rohrbach: Über die kurzfristige Preisentwicklung will ich nicht spekulieren. Der Ausbau der Produktionskapazitäten hält leider nicht mit der steigenden Nachfrage Schritt. Deshalb ist auch in der Schweiz die europaweite Tendenz nach oben nicht zu stoppen ? weder mit Kunstgriffen in den Verordnungen, noch mit einem Zurückdrehen des Rades. Die Anpassung an den Markt wird höchstens verzögert, um später umso schlimmer zu spüren zu sein.

Schweickardt: Die Strompreisentwicklung in der Schweiz wird in erster Linie von den Strompreisen in Europa abhängen. Die Grenzen der Schweiz sind seit mehreren Jahren bereits für den Elektrizitätshandel offen und insofern war dieser Einfluss bereits spürbar, der hat sich aber bei den bisherigen Verträgen mit Fixpreisen nicht durchschlagen können. Die Marktöffnung bedeutet für die Netzbenutzung und die Energielieferung ein totaler Systemwechsel, der auch komplizierter wird. Die neu benötigten Netzdienst-leistungen müssen von Swissgrid zu inzwischen wesentlich gestiegenen Marktpreisen eingekauft werden. Dazu kommt noch, dass die momentan in der Schweiz praktizierte Politik der «Energieknappheit» ? keine Bewilligungen für neue Produktionseinheiten, kein vernünftiger Netzausbau ? zur Folge hat, dass die Nachfrage sich unaufhaltsam der Kapazitätsgrenze nähert. Beide Fakten führen zu nachhaltig steigenden Preisen.

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In welcher Form werden die Konsumenten von der Strommarktöffnung profitieren?

Karrer: Die Marktöffnung bringt den Konsumentinnen und Konsumenten vor allem Transparenz und freie Wahl des Stromlieferanten. Sie erhalten anstelle der bisherigen summarischen Rechnung von ihrem jeweiligen Lieferanten eine detaillierte Abrechnung, welche die Kosten für den Strom, für dessen Transport im Netz sowie die diversen Gebühren und Abgaben einzeln ausweist. Grosse Strombezüger mit einem Jahresverbrauch von mindestens 100 Megawattstunden können ab 1. Januar 2009 ihren Stromlieferanten frei wählen. Alle anderen Konsumenten sollen diese Wahlfreiheit ab 1. Januar 2014 erhalten.

Leonardi: Es wird wichtig sein, die Endkunden auf dem Weg in die Marktöffnung mit neuen, innovativen Produkten und Dienstleistungen zu begleiten. Mit einem zuverlässigen Partner können die Stromkonsumenten vielfältig profitieren. Ein weiterer Nutzen ist die Transparenz, welche die Marktöffnung schaffen wird. Die neu geschaffene unabhängige staatliche Regulierungsbehörde ElCom wird unter anderem die Strompreise überwachen.

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Rohrbach: In erster Linie profitiert die Volkswirtschaft von einem neuen marktnäheren Versorgungssystem, in welchem Wettbewerb und damit Effizienz zum Tragen kommen.

Schweickardt: Der Konsument mit einem Verbrauch grösser 100 MWh wird den Lieferanten wählen können. Er wird diesen nur wechseln, wenn er einen Lieferanten findet, der ihm ein günstigeres Angebot macht. Er wird dieses Angebot nur wählen, wenn die Preisdifferenz grösser ist als die Zusatzkosten des neuen Netzbenutzungssystems aufgrund der Marktöffnung. Er wird sich wohl überlegen, ob er nicht im System der gebundenen Kunden bleiben will, wo angemessene Tarife mehr oder weniger gewährleistet sind, oder ob er in die Freiheit gehen will, wo er zu 100% dem Marktpreis ausgesetzt ist. Denn es gilt das Prinzip «Einmal frei, immer frei» ? und es gibt keinen Weg zurück ins Wahlmodell. Die Preis- und Tarifberechnungen liegen noch nicht für alle Netzebenen vor. Daher ist es momentan schwierig zu sagen, welchen Einfluss der Systemwechsel auf die gebundenen Kunden haben wird. Je nach Situation wird es sicher an gewissen Orten Tariferhöhungen geben.

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Welche Rolle wird in der Zukunft die nationale Netzgesellschaft Swissgrid spielen?

Karrer: Die Swissgrid ist die Schweizer Übertragungsnetzbetreiberin. Sie sorgt für einen sicheren, zuverlässigen, diskriminierungsfreien und wirtschaftlichen Betrieb des schweizerischen Höchstspannungsnetzes (Spannungsebenen 380 kV und 220 kV). Ebenso gewährleistet sie einen reibungslosen Ablauf im Stromaustausch zwischen der Schweiz und dem europäischen Umland.

Leonardi: Mit Swissgrid hat die Schweiz einen Netzbetreiber geschaffen, der als zentrale Ansprechstelle den grenzüberschreitenden Stromaustausch koordiniert. Mit der Umsetzung von Stromversorgungsgesetz und Verordnung werden die Verantwortlichkeiten von Swissgrid im Schweizer Strommarkt ausgebaut. Swissgrid wird diverse Dienstleistungen auf dem Markt beschaffen. Atel wird sich deshalb als Dienstleister für das Transportnetz weiter profilieren und positionieren.

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Rohrbach: Swissgrid hat mit der Übernahme der Betriebsführung des Schweizer Übertragungsnetzes und der damit zusammenhängenden Aufgaben die gesamte Betriebsverantwortung über das Schweizer Höchstspannungsnetz übernommen und steht als junge Firma vor der Riesenherausforderung, Systeme und Prozesse in Rekordzeit auf die neue Marktordnung auszurichten. Gleichzeitig muss Swissgrid zusammen mit dem Regulator die Position der Schweiz als Liberalisierungs-Nachzüglerin im internationalen Verbundsystem zu verteidigen versuchen. Nach dem Einbringen der Anlagen wird sie ihre ganze Kraft in einen rechtzeitigen und auf betriebswirtschaftlichen Kriterien beruhenden Ausbau des Höchstspannungsnetzes stecken müssen.

Schweickardt: Swissgrid wird mittelfristig, wie dies im Gesetz vorgeschrieben ist, der nationale Netzbetreiber werden. Sie soll auch Eigentümer des von ihr betriebenen Netzes sein.

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