Die Schwellenländer wurden im Gefolge der globalen Finanzkrise stärker abgestraft als die Industriestaaten. Im Vergleich zu den Index-Höchstständen vom vergangenen Herbst büssten die Aktienmärkte in dieser Region rund 17% ein, während die Börsen in den entwickelten Nationen lediglich um knapp 10% nachgaben. Auch wenn die Korrektur markant ausgefallen ist, lässt sie sich trotzdem nicht mit früheren Einbrüchen in den Emerging Markets vergleichen, als die Notierungen ins Bodenlose abstürzten. Dies wird als Zeichen einer wachsenden wirtschaftlichen Stabilität interpretiert. Die Schwellenländer sind für Investoren berechenbarer geworden und davon profitieren jene Regionen, die bisher nicht an erster Stelle auf dem Radarschirm der Fondsmanager erschienen. Mit dem Anstieg des Ölpreises und den höheren Infrastrukturausgaben haben die Länder des Middle East und von North Africa (Mena) jüngst an Bedeutung gewonnen.

Bisher sorgten allerdings die Regierungen in zahlreichen Nationen dieser Zone für eine mehr oder minder konsequente Abschottung ausländischer Investoren. Kapitalverkehrskontrollen und teils horrende Gewinnsteuern schreckten die institutionellen und privaten Anleger ab. «Jetzt steigen die ausländischen Direktinvestitionen infolge der zunehmenden Liberalisierung in den Mena-Märkten», sagt Oliver Bell, Senior Investment Manager bei Pictet Asset Management in London. Die Marktkapitalisierung hat sich in den ölreichen Mitgliedstaaten des Golfkooperationsrats (GCC) sowie anderen ausgewählten Ländern in Nahost und Nordafrika, wie Jordanien, Ägypten, Marokko und Tunesien, seit 2002 mehr als vervierfacht.

Die Mena-Region ist innerhalb des MSCI Emerging Markets Index mit einem Anteil von 1,3% klar untervertreten. Dominant sind traditionell Ägypten, Marokko und Jordanien, dagegen fehlen die wirtschaftlich einflussreichen GCC-Staaten vollständig. Gestützt auf die aktuelle Marktkapitalisierung, wie sie Ausländern heute offen steht, müsste die Region mit deutlich über 5% im Index enthalten sein. Allerdings lässt sich nicht übersehen, dass gewisse Märkte weiterhin für ausländische Investoren ganz oder teilweise geschlossen bleiben. Dazu gehören Saudi Arabien mit einer kompletten Abschottung sowie Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate, die nur zur Hälfte zugänglich sind. Oliver Bell gibt sich optimistisch, dass sich speziell in Saudi Arabien die Kapitalmärkte für ausländisches Geld innerhalb der nächsten zwei Jahre empfänglicher zeigen.

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Leistungsbilanzüberschuss

Das Wachstum wird durch die reichlichen Leistungsbilanzüberschüsse in den Ölstaaten des mittleren Ostens angetrieben. Diese Gelder fliessen in eigene Infrastrukturprojekte und solche der Nachbarländer. Die Bonanza mit Erdöl und -gas ist kein kurzfristiges Phänomen. Rund zwei Dittel der weltweiten Ölreserven und knapp die Hälfte der Gasvorräte befinden sich in dieser strategisch wichtigen Region. Entsprechend weit vorausschauend sind die Vorhaben für Strassen, öffentliche Verkehrsmittel und Schulen. Allein Saudi-Arabien will bis 2024 über 600 Mrd Dollar in die Infrastruktur investieren und in der gleichen Zeitperiode plant Dubai Ausgaben von 200 Mrd Dollar. Die hohen liquiden Mittel aufgrund der Rohölverteuerung sorgen derzeit für eine grosszügige Anschubfinanzierung. «Mit der stärkeren Liberalisierung und mehr Transparenz erhöhen sich die Investmentmöglichkeiten für einheimische und ausländische Anleger», gibt sich Joe Kawkabani, Managing Director des regionalen Asset-Managers Algebra Capital, überzeugt.

Infrastrukturprojekte

Die Infrastrukturprojekte basieren auf einem Rohölpreis pro Fass zwischen 30 und 50 Dollar. Selbst wenn sich die Notierung für das schwarze Gold von heute deutlich über 100 Dollar wieder etwas zurückbilden sollte, sind die wirtschaftlichen Ausbaupläne in der Mena-Region deswegen nicht gefährdet. Kommt dazu, dass die 300-Millionen-Bevölkerung zu den jüngsten weltweit zählt. In Ägypten etwa treten alljährlich rund 600000 junge Leute neu in den Arbeitsprozess ein.

Der Selektionsprozess gestaltet sich für die Fondsmanager jedoch schwierig. Bei den börsengängigen Titeln dominieren einige wenige Staaten wie Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten, Katar und Marokko. In den einzelnen Sektoren nehmen die Financials fast die Hälfte ein, während die Aktien von Telekommunikationsfirmen und der Industrie mit deutlichem Abstand auf den nächsten Rängen folgen. Oliver Bell sieht gute Chancen, dass sich künftig bei der Länderverteilung und in den Sektoren eine bessere Diversifikation ergeben wird. Momentan werden im Raum Nahost und Nordafrika rund 300 Unternehmen beobachtet.