Der Rückblick auf ein Jahrzehnt beweist es. Das Geschäft mit den Langzeitprognosen war selten so fragwürdig. Selbst renommierte Adressen scheitern regelmässig mit dem Blick in die Zukunft. Mit Bezug auf 2010 lagen die Propheten besonders krass daneben.

Die Liste der einst angekündigten Errungenschaften ist lang - auf die allermeisten warten wir noch. Die Nasa wollte mit Astronauten zum Mars aufbrechen. Die europäische Weltraumbehörde ESA beabsichtigte, eine Raumstation auf dem Mond zu betreiben. Erich von Däniken und seine Geldgeber erwarteten eine halbe Million Besucher im «Mystery Park» bei Interlaken. Die ersten Autos mit Autopilot und Joystick anstelle des Lenkrads sollten in diesem Jahr vom Band laufen. «Tempo 50»-Schilder müssten innerorts automatisch die Geschwindigkeit vorbeifahrender Autos drosseln. Wir sollten Bio-Monitore am Arm tragen, die uns aktuelle Daten über unseren Gesundheitszustand liefern. Patienten müssten nicht mehr auf neue Organe warten, weil Tiere als Ersatzteillager für Menschen gezüchtet werden.

Flut von Fehlprognosen

Vor allem die Jahrtausendwende hatte die Zukunftsforscher, Wirtschaftsexperten und Hellseher zu allerlei kühnen Voraussagen inspiriert. Von den unzähligen Prognosen für das erste Jahrzehnt bewahrheitete sich jedoch kaum eine. Die Ölförderung schrumpft nicht seit Jahren, und der Windstrom überholte den Atomstrom nicht, wie das einst Ökolobbyist und Nationalrat Rudolf Rechsteiner vorausgesagt hatte. Statt 34 Millionen, wie von Verkehrsexperten vorausgesagt, muss der Flughafen Zürich nur rund 22 Millionen Passagiere bewältigen, statt 420000 Flugbewegungen nur rund 260000.

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In der Regel überschätzten die Experten das Tempo der Entwicklung. Bei der Handy-Nutzung lagen hingegen die Annahmen der Experten viel zu tief: «Im Jahr 2010 werden 2 Millionen Einwohner der Schweiz im Besitz eines Handys sein», sagte Booz, Allen & Hamilton in einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom) voraus. Heute gibt es gut 9 Millionen Mobiltelefon-Anschlüsse.

Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe

Gefährlich werden Fehlprognosen, wenn sie in Kombination mit Wunschdenken und Grössenwahn zur Grundlage für Entscheide von Regierungen und Unternehmen werden. Die steilen Prognosen der Internet-Euphorie haben so zu Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe geführt. Die blinde Verlängerung der Wachstumstrends liess die bonusgetriebenen Banker die Risiken vollkommen vergessen. Am Ende kollabierten ganze Grossbanken und stürzten die Weltwirtschaft in eine Rezession. Leere Hochhäuser und Ferienresidenzen in Dubai, Geisterstädte in den USA und in Spanien werden uns noch lange an unsere blinde Trendgläubigkeit und den Übermut nach der Jahrtausendwende erinnern.

Dennoch will die Gesellschaft auf Prognosen nicht verzichten. Sie können Unsicherheit reduzieren, Chancen und Risiken der Zukunft aufzeigen, zum Nachdenken anregen - oder vielleicht einfach nur unterhalten.