FIBRE TO THE HOME. Die Schweiz mitsamt Europa befindet sich sozusagen im Dornröschenschlaf: Asien ist uns in Bezug auf Glasfasernetze für die Datenübertragung weit voraus. Die Region übertrifft den Rest der Welt bei weitem, gemessen am Anteil der Haushalte mit Glasfasernetzen bis ins eigene Haus, dem Fibre to the Home (FTTH). Hier hängen zwischen 16,3% (Japan) und 21,2% (Hongkong) der Haushalte an FTTH. In den weltweiten Schlusslichtern Holland und den USA liegt der Anteil dagegen gerade eben mal bei rund 1%. Die Zahl der FTTH-Haushalte in der Schweiz liegt nach Einschätzung verschiedener Experten ebenfalls in dieser Grössenordnung.

Glasfaser als Standortvorteil

Dabei sind hochpotente Breitbandnetze – deren leistungsfähigste sind derzeit die Glasfasernetze – ein handfester Volkswirtschaftsfaktor. So erklärt der Zürcher Stadtrat Andres Türler: «Das Glasfaserprojekt ewz.zürinet stärkt einerseits den Wirtschaftsstandort Zürich. Der Anschluss einer Liegenschaft ans Netz steigert andererseits deren Wert.» Die Zürcher Elektrizitätswerke (EWZ) haben als erste in der Schweiz mit einem Glasfasernetz für Private begonnen und ihre Pläne letzte Woche vorgestellt – im Sommer soll der Betrieb losgehen. Die EWZ werden in den nächsten sechs Jahren mit einem Rahmenkredit von 200 Mio Fr. 13000 Haushalte und 4000 Firmen anschliessen. Die Wiener Stadtverwaltung ist bereits etwas weiter. Hier läuft seit 2001 das Projekt «blizznet»: Bis 2009 will Wienstrom mit einem Investitionsvolumen von 10 Mio Euro 50000 Haushalte mit FTTH versehen. «In einer vernetzten Wirtschaft steigt der Bedarf der Unternehmen, mit Partnern zu kommunizieren. Und Betriebe gehen zunehmend dazu über, Tätigkeiten aus ihren eigenen Geschäftsräumen auszulagern und sie an freie Dienstnehmer oder über Teleworking an die eigenen Mitarbeitenden zuhause zu übergeben. Daher wird für Standortentscheidungen die Frage nach Breitbandinfrastruktur immer wichtiger», sagt Alfred Vavrousek, Breitbandkoordinator der Stadt Wien. Die Erfahrungen aus urbanen Pilotprojekten hätten zudem gezeigt, dass bei einer leistungsfähigen Kommunikationsinfrastruktur vermehrt Unternehmen aus dem Hightech-Bereich angesiedelt werden können.Die Industrievereinigung FTTH Council Europe untersucht derzeit ausserdem, inwiefern die Pendlerrate bei guten Breitbandverbindungen sinken kann. «Genaue Zahlen stehen noch nicht fest. Aber schon jetzt ist klar, dass ein Effekt messbar sein wird», sagt Geschäftsführer Hartwig Tauber.

Weiter Horizont

Trotz dem eindeutigen Nutzen haben sich viele Telecom-Anbieter erst zögerlich beim Aufbau von FTTH-Netzen beteiligt. Erst dieses Jahr hat France Télécom als erster Telekom-Anbieter einen FTTH-Rollout gestartet: Das Unternehmen will mit einem Investitionsvolumen von 270 Mio Euro in den nächsten beiden Jahren 150000 bis 200000 Kunden mit FTTH ausstatten.Entscheidend für die langwierige und teure Entwicklung von FTTH-Netzen in Europa waren bislang vor allem Infrastrukturanbieter wie Stromanbieter oder Gemeinden. «Sie tätigen allgemein Investitionen für Zeiträume von 10 bis 15 Jahren, wogegen börsenkotierte Telecom-Anbieter eher kurzfristig mit einem Investitionshorizont von drei bis vier Jahren rechnen müssen», so Tauber weiter. Infrastrukturanbieter seien überall dort eingesprungen, wo die vertikale Integration des FTTH durch Telecom-Anbieter nicht funktioniert hat; so in Schweden, Finnland, Island und Dänemark. Auch die jetzt laufenden Projekte in Wien und Zürich entsprechen diesem Modell. Charakteristischerweise werden diese Netzwerke durch die Infrastrukturanbieter erstellt. Bewirtschaftet werden sie jedoch nach dem Prinzip des Open Access von verschiedenen Service-Providern.Gemeinden und private Infrastrukturanbieter werden laut dem FTTH Council auch weiterhin Glasfasernetze aufbauen. «Für die öffentliche Hand stellt FTTH nicht bloss einen Standortvorteil, sondern nicht zuletzt auch einen Servicefaktor dar, der für E-Government zunehmend an Bedeutung gewinnt», sagt Tauber. Für private Infrastrukturanbieter wiederum bedeute die Investition in FTTH einen strategischen Positionierungsentscheid. Für Telecom-Anbieter sei es dagegen oft interessanter, bereits existierende Glasfasernetze zu nutzen, statt eigene aufzubauen.

Anzeige

Existierende Leitungen genutzt

Tatsächlich ist es für Infrastrukturanbieter häufig einfacher als für Telecom-Unternehmen, Glasfaserleitungen zu verlegen. Denn diese Unternehmen können von ihren bereits existierenden Leitungen profitieren. So nutzt man in Wien beispielsweise die bestehenden Abwasserkanäle, Fernwärmeleitungen und Stromzuführungen. Ausgrabungen sind dagegen kaum nötig. Auch das Zürinet stützt sich gemäss Türler auf das eigene dichte Netz von Leitungen und nutzt Synergien beim Leitungsbau.

Inhalte sind nötig

Ebenso müssen die Wasserwerke Zug AG (WWZ) kaum neue Leitungen verlegen. Auch der zugerische Elektrizitäts- und Telekommunikationsprovider will in den nächsten drei bis fünf Jahren rund 40000 Haushalte mit FTTH ausrüsten. Dabei kann er sich auf sein ausgebautes Hybrid- Fibre Coax-Fernsehkabelnetz (HFC) stützen. «Der Ersatz unserer letzten Coax-Meile durch Glasfaser kann allmählich vonstatten gehen, da es sich eben nicht um den Bau eines zusätzlichen Netzes handelt», sagt WWZ-Direktor Hajo Leutenegger. Zusätzliche Festnetze würden dagegen absatzunabhängige zusätzliche Kosten verursachen.Herauskristallisiert hat sich allerdings, dass es für Infrastrukturanbieter im Gegensatz zu Telekom-Unternehmen nachteilig sein kann, sich als Provider zu betätigen. So scheiterte das FTTH-Projekt der Services Industriels de Genève (SIG) wegen der immensen Kosten, die nicht zuletzt wegen dem Angebot eigener Telekommunikationsinhalte entstanden. «Für eine einzige Agglomeration kann man den Dienst gar nicht kostendeckend anbieten», erläutert Johann Widmer von der Schweizer Sektion des Verbands Triple Play Alliance in München. Es fehle dafür in der Regel die kritische Masse an Kunden und an genügend breitem Know-how.Und auch in Wien harzte das Blizznet-Projekt, solange die Stadt sich auch als Internetprovider betätigte. Erst die Umwandlung zum reinen Netzwerkbetreiber und die Öffnung des Netzes für Open-Access-Partner brachte das Glasfasernetz wieder vom Fleck. Der Knackpunkt: Es müssen attraktive Inhaltsangebote her, die das Breitbandpotenzial tatsächlich rechtfertigen. Zum Mailen allein würde nämlich auch eine analoge Telefonleitung genügen.

Anzeige