Senator Joe Lieberman versuchte es mit gutem Willen. «Wir sollten mehr leidenschaftliche Briefe an die schicken, die wir lieben», erklärte der amerikanische Politiker vor kurzem öffentlich. Er will so die defizitäre Post in den USA retten, die darunter leidet, dass immer weniger Briefe verschickt werden.

Die Schweizerische Post setzt nicht auf Liebesbriefe, sondern auf modernste Technik. Sie bestellte dazu 18 Maschinen bei Siemens zur sogenannten Gangfolgesortierung, die bis 2013 schweizweit im Einsatz stehen sollen. Sie werden die Briefe automatisch in die richtige Reihenfolge bringen, damit die Briefträger sie dann ausfahren können. Was früher Menschen erledigten, machen künftig die modernen Maschinen von Siemens.

Während der gelbe Riese von Modernisierung, Effizienzsteigerung und Kundenfreundlichkeit spricht, warnt die Gewerkschaft Syndicom vor einem «Kahlschlag» in der Belegschaft, der zu einer «Prekarisierung» der Briefträger führe. Der Einsatz der neuen Maschinen zwinge viele, einen «Zweit- und Drittjob» zu suchen.

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Mehr Maschinen für tiefere Kosten

Distrinova heisst das Projekt der Schweizerischen Post zur Optimierung der Postzustellung. Seit nunmehr zehn Jahren sinkt die Menge der adressierten Briefe jährlich um zwei Prozent. Deshalb versucht der gelbe Riese die Kosten über eine Maschinisierung zu senken. Auf dem Spiel stehen rund 270 Vollzeitjobs.

Die Angst vor dem Stellenabbau macht die Pöstler nun kreativ. Neue Geschäfte sollen die Jobs der Briefträger retten. Um die Post besser auszulasten, raten die Gewerkschaften, die Briefträger sollten künftig Hundefutter ausliefern. Peter Heiri vom Personalverband Transfair sagt: «Solche alternative Dienstleistungen sollen vermehrt gefördert werden, um die Auslastung in der Zustellung zu verbessern.»

Damit fordern die Angestellten, was sie einst selbst kritisierten. 2006 führte die Post ein Pilotprojekt mit dem amerikanischen Tierfutterhersteller Pedigree durch. Zwei Wochen lang nahmen die Briefträger auf ihre Touren insgesamt 50000 Pedi­gree-Packungen à 3 Kilogramm mit. Sie sollten das Gratisfutter an ihre Kunden mit Hunden verteilen und erhielten dafür 2.50 Franken pro Sack. Oder vier Minuten Zeitguthaben. Sie wurden intern instruiert, wie sie das Hundefutter den Kunden anpreisen sollten.

Diese Werbeaktion stiess auf heftigen Protest. Ein Briefträger äusserte sich damals anonym in einer Zeitung und schimpfte: «Die Kläffer, die uns das Leben schwer machen, müssen wir jetzt auch noch beglücken.» Auch die damalige Pöstlergewerkschaft Kommunikation war empört: Die Aktion sei ein Missbrauch des Vertrauens, das die Kunden in ihren Postboten setzen, sagte der damalige Vizepräsident Giorgio Pardini. Doch die Zeiten haben sich geändert, heute tönt es anders. Die Gewerkschaft Kommunikation ist nun Teil der fusionierten Grossgewerkschaft Syndicom. Der drohende Stellenabbau wegen Distrinova hat zu ­einem Umdenken der Gewerkschafter geführt.

Grosskunde Nespresso

Heute sagt Syndicom-Funktionär Heinz Suter: «Wir unterstützen Bestrebungen, die Auslastung der Zustellung zu verbessern.» Konkret könne das heissen, dass Briefträger Produkte wie Autobahnvignetten verkaufen. Oder sie übernehmen soziale Aufgaben und schauen zum Beispiel bei älteren Menschen vorbei und informieren Angehö­rige, wenn etwas ungewöhnlich ist. Schliesslich sei auch denkbar, dass die Briefträger «aktiv Produkte von Dritten verkaufen», sagt Suter – also Hundefutter.

Bei der Geschäftsleitung der Post stos­sen solche Vorschläge auf Wohlwollen. Sprecher Mariano Masserini sagt: «Die Post sucht aktiv nach neuen Kunden, wir stehen laufend in Verhandlungen.»

Mit dem Kaffeehersteller Nespresso hat sich der Staatskonzern zumindest vor­übergehend einen grossen Kunden gesichert. In mehreren Kantonen läuft derzeit ein gemeinsamer Pilotversuch: Die Pöstler liefern den Nespresso-Kunden nicht nur den Nachschub an Kaffee, sondern sammeln auf ihren Briefträgertouren auch die verbrauchten leeren Kapseln ein. Nespresso-Chef Pascal Hottinger ist zufrieden: «Die bisherige Zwischenbilanz ist positiv.» Nespresso erwarte einen deut­lichen Anstieg der Rücklaufquote innerhalb der nächsten ein bis zwei Monate.

Geht es gar um 350 Stellen?

Gestartet ist das Pilotprojekt im März in den Städten Basel und Zürich. Inzwischen holt die Post die leeren Kaspseln auch in den Kantonen Basel-Stadt, Baselland, ­Zürich und Wallis ab. Laut Nespresso-Chef Hottinger sei der Versuch mit der Post logistisch so konzipiert, «dass die Dienstleistung auf die ganze Schweiz ausgedehnt werden kann – nicht nur in den Ballungszentren, sondern auch in weniger dicht besiedelten Gebieten». Doch ob dies in die Praxis umgesetzt wird, steht noch in den Sternen. Der Entscheid sei abhängig von den Resultaten in den schon lancierten Kantonen. «Noch ist es zu früh, dazu was zu sagen», so Hottinger.

Trotz Nespresso, Pedigree, Vignetten – ein Stellenabbau bei den Briefträgern wird sich kaum verhindern lassen. Die 18 ­Siemens-Maschinen zur automatischen Briefsortierung im Wert von je 300000 bis 400000 Franken werden laut Post zulasten von 270 «Personaleinheiten» eingeführt. Die Gewerkschaften ihrerseits rechnen aber gar mit 350 Vollzeitstellen, die geopfert werden, und damit mit 500 «Köpfen», die von der Automatisierung betroffen sein werden. Derzeit beschäftigt der gelbe Riese über 15000 Briefträger, 70 Prozent davon in Vollzeit.

Die Gewerkschaft Syndicom befürchtet, dass die Hälfte der Stellen in der Briefzustellung in Teilzeitjobs umgewandelt werden. Sie fordert deshalb eine Reduk­tion der Arbeitszeit für Briefträger um fünf Stunden pro Woche – bei gleichbleibendem Lohn. Dafür sollen die Briefträger am 17. September in Bern auf die Strasse gehen. Die Gewerkschaft hat zur Grosskundgebung aufgerufen.

Der Personalverband Transfair distanziert sich von der Kundgebung und wünscht sich eine «moderate Kürzung» der Wochenarbeitszeit um ein bis zwei Stunden. Die Post verspricht «lokale Lösungen und flankierende Massnahmen». Es werde wegen Distrinova zu keinen Entlassungen kommen, beteuert Post-Sprecher Masserini. Die ersten Betroffenen der Sortierungsmaschinen werden in Städten und Agglomerationen zu finden sein.

 

Die Post

Rentabler Staatsbetrieb Die 1849 gegründete Post ist mit 45000 Vollzeitstellen eines der grössten Unternehmen der Schweiz. Ertragsperle des Konzerns mit einem Jahresumsatz von 8,7 Milliarden Franken ist die rasch wachsende Finanzsparte Postfinance. Das ehemalige Kern­geschäft Briefpost ist dagegen seit Jahren rückläufig. 2010 erzielte die zu 100 Prozent dem Staat gehörende Post dennoch einen Gewinn von 910 Millionen Franken.

(kgh)