Die Finanzkrise verunsichert die Menschen. Steigt deswegen die Nachfrage nach Versicherungsprodukten?

Urs Berger: Die Versicherungsbranche verhält sich nicht gerade antizyklisch, ist aber sicherlich zyklisch verschoben. Entsprechend spüren wir im Moment, dass die Kunden, besonders Unternehmen, verstärkt auf eine optimale Versicherungsdeckung achten. Dieser Trend wird aber nicht ewig andauern. Längerfristig werden auch wir einen Rückgang im operativen Geschäft hinnehmen müssen.

Also kann davon ausgegangen werden, dass die Mobiliar am 23. April 2009 ein gutes Jahresergebnis vorlegen wird?

Berger: Versicherungstechnisch gesehen haben wir uns sehr gut entwickelt. Nach der Krise in den Jahren 2000/01 haben wir uns verstärkt darauf konzentriert, die Produktivität zu steigern und mehr Prämieneinnahmen zu generieren. Unser Ziel war es, aufkommende Schäden allein durch die Prämien decken zu können, ohne dabei eine Quersubventionierung durch Kapitalmarkterträge machen zu müssen. Das ist uns nun sehr gut gelungen. Damit sind wir in der Lage, in dieser schwieriger Situation weiterhin gezielte Investitionen zu tätigen.

Mussten Sie auch Entlassungen vornehmen, um die Kostensätze überhaupt senken zu können?

Berger: Nein, in den vergangenen drei Jahren haben wir Personal aufgebaut. Wir haben aber darauf geachtet, effizienter zu arbeiten. Zudem haben wir einiges in der Schadensprävention unternommen. Und nicht zuletzt spielte uns im vergangenen Jahr auch ein wesentlich tieferes Elementarschadenaufkommen in die Hände. Entsprechend hat sich die Schadenskostenquote - also die Schadenaufwendungen und weitere Kosten im Verhältnis zu den Prämieneinnahmen - wesentlich verbessert.

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Wie hat sich das Finanzergebnis entwickelt?

Berger: Die Zuspitzung an den Finanzmärkten hat uns leider nicht verschont. Entsprechend müssen auch wir Abschreibungen vornehmen, auch auf langfristigen Anlagen.

Im Januar fliessen den Versicherern jeweils sehr viele Prämieneinnahmen zu. Bestehen derzeit überhaupt Möglickeiten, diese erhöhte Liquidität sinnvoll anzulegen?

Berger: Würden wir das Geld derzeit unter das Kopfkissen legen, würden wir sicherlich nichts verlieren, aber langfristig auch keine solide Rendite sicherstellen können. Unser Problem liegt darin, dass wir eine Risikostruktur haben. Darin fahren wir beispielsweise in der Lebensversicherung durchschnittlich achtjährige Risiken, welche auf der Aktivseite abgebildet werden müssen. Wir können aber nicht alles in zehnjährige Staatsanleihen investieren, wenn wir auch kurzfristig liquid sein müssen, um allfällige Schäden zu begleichen. Entsprechend schwierig ist es derzeit, den richtigen Anlagemix zu finden. Wenn wir jetzt Fehler machen, rächt sich dies im nächsten oder übernächsten Jahr.

Einige Versicherer haben sich in der Vergangenheit auch als Investmentgesellschaft versucht. Was halten Sie persönlich davon?

Berger: Versicherer haben sehr viel liquide Mittel in ihren Büchern stehen. Daher ist es nachvollziehbar, warum einige Firmen gewagt haben, ihre Gelder ohne ein Finanzinstitut direkt am Markt zu platzieren. Ich persönlich bin aber absolut dagegen und halte es für äusserst fahrlässig, dass man das Versicherungsgeschäft durch ein riskantes Anlagegeschäft gefährdet. So ist Letzteres nicht unsere Kernkompetenz, und daher bedarf es einer sauberen Trennung der beiden Geschäftsfelder.

Sie haben erwähnt, dass Sie aufgrund der Krise längerfristig auch im operativen Geschäft Rückschläge hinnehmen müssen. Welche Bereiche bereiten Ihnen besonders Kopfzerbrechen?

Berger: Es ist festzustellen, dass in Zeiten der Krise die Menschen zunehmend krank werden. Entsprechend müssen wir mehr Leistungen bezahlen, was sich besonders auf den Ertrag in der Kollektiv-Krankentaggeldversicherung niederschlägt. In der Personenversicherung spüren wir nach und nach die wachsende Anzahl an Arbeitslosen. In diesem Bereich dürfte es wohl bald zu einer Prämienerhöhung kommen.

Wird es auch noch in anderen Bereichen zu einer Erhöhung der Prämiensätze kommen?

Berger: Nein, das denke ich nicht. Denn die meisten Versicherer konnten im operativen Geschäft solide Zahlen für das vergangene Jahr ausweisen. Entsprechend werden die Prämiensätze auch im laufenden Jahr weiterhin unter Druck bleiben.

Führt die Krise allenfalls zu einer Konsolidierungswelle auf dem Versicherungsplatz Schweiz?

Berger: Die einzelnen Gesellschaften weisen nach wie vor starke Eigenmittel auf, mit welchen sie auch in den nächsten Jahren gut allein über die Runden kommen dürften. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich gewisse Gesellschaften wieder verstärkt auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und damit einzelne Versicherungsportefeuilles abstossen. Möglich sind aber Konsolidierungen unter den Krankenkassen.

Einzelne Schweizer Versicherungsgesellschaften haben neben ihrem Ausflug als Investmentgesellschaft auch durch getätigte Akquisitionen für Kopfschütteln gesorgt. Konnte sich die Mobiliar daraus einen Vorteil verschaffen?

Berger: Wir spüren, dass wir aufgrund unserer Genossenschaftsform für den Kunden als sicher und bodenständig gelten. Das ist in der jetzigen Marktsituation sicherlich von Vorteil. Allerdings kann ich nicht sagen, dass deswegen nun vermehrt Kunden von der Konkurrenz zu uns wechseln. Was wir aber feststellen, ist eine erhöhte Kundentreue. Das liegt auch daran, dass uns stets viel an der Kundenbetreuung liegt, während andere Versicherer mehr Wert auf die Renditegenerierung legen.

Wird die Kundentreue allenfalls durch die kontinuierlich wachsende Anzahl von unabhängigen Finanzvertrieben und Brokern gefährdet?

Berger: Die Bedeutung von neutralen Vertrieben wird in Zukunft sicher zunehmen. Daher setzt auch die Mobiliar auf mehrere Vertriebswege über eine sogenannte Multi- Channel-Strategie, also auf den Vertrieb über unterschiedliche Absatzkanäle. Allerdings ist der Schweizer Versicherungsmarkt vor allem durch den Ausbau von Generalagenturen historisch gewachsen. Entsprechend wird es auch in Zukunft der jeweilige Versicherer sein, der die Kundenrisiken beurteilt und sich Überlegungen macht, wie sich die Risiken der Kunden in Zukunft ändern und mit welchen Produkten diese abgesichert werden können. Damit werden die einzelnen Agenturen der wichtigste Absatzkanal bleiben.

Nach wie vor nicht gelöst ist die Aufnahme einer Erdbebendeckung im sogenannten Elementarschaden-Pool, an dem die Mobiliar massgeblich beteiligt ist. Nun wurde auch noch das Nachbarland Italien von einem heftigen Erdbeben getroffen. Welche Schritte wurden bis anhin unternommen?

Berger: Die Abklärung, ob mit der Erdbebendeckung eine weitere Naturgefahr im Elementarschaden-Pool aufgenommen werden kann, wurde von den Versicherern durchgeführt. Jetzt braucht der Vorstoss vor allem Verbündete, wie beispielsweise den Hauseigentümerverband, die Kantone und so weiter. Allerdings zeigen sich diese derzeit nicht besonders erfreut über die Idee. Das, obwohl man ja den Versicherer nachsagt, dass sie gut lobbyieren können.

Woran liegt es, dass der Vorstoss auf derart wenig Unterstützung in der Öffentlichkeit stösst?

Berger: Ich glaube, es liegt vor allem an der schwindenden Solidarität innerhalb der Schweiz. Die meisten fragen sich, warum sie für etwas bezahlen sollen, was sie nicht betrifft. So sind gerade mal die Regionen Basel und Wallis von Erdbebengefahr bedroht. Und in diesen Zeiten ist niemand dafür bereit, für mögliche Schäden anderer aufzukommen.

Kann also davon ausgegangen werden, dass das Projekt scheitern wird?

Berger: Wenn der Vorstoss nicht auf breitere Zustimmung stösst, kann das Projekt kaum umgesetzt werden, ausser der Bund verordnet es. Ich persönlich bin aber nicht sicher, ob dies Sinn machen würde.

Seit mehreren Jahren tritt die Mobiliar immer wieder mit der gleichen Werbekampagne auf, der sogenannten Schadenskizze. Hat es sich damit nicht langsam «ausgeschmunzelt»?

Berger: Ich überlege mir auch immer wieder, ob es langsam nicht an der Zeit ist für eine neue Werbekampagne. Allerdings haben wir Untersuchungen durchführen lassen, wobei man verschiedenen Testpersonen ein kariertes Blatt vorlegte mit dem Satz «Kennen Sie eine Versicherung?». Über 50% der Testpersonen erkannten darin die Mobiliar wieder. Daher müssen wir wohl noch eine Zeit lang mit dieser Werbekampagne leben (lacht).