Die Finanzkrise und der Kurseinbruch an den Börsen haben die Anleger verunsichert. Wird jetzt vor allem Liquidität gehalten oder bestenfalls in einen Geldmarktfonds investiert?

Beat Wittmann: Die jüngsten Statistiken zeigen, dass die verfügbaren Mittel vor allem den Geldmarktfonds zuflossen. Alle anderen Anlagekategorien, wie etwa Strategie-Aktienprodukte haben Terrain verloren. Nach den Boomjahren an den Aktienmärkten stehen nun die Investoren praktisch Gewehr bei Fuss. Trotzdem, der Anlagebedarf bei den privaten und institutionellen Anlegern ist nach wie vor hoch. Derzeit werden die Risiken gemieden, obwohl wir seit Beginn des 2. Quartals im Jargon der Zentralbanken wieder «orderly markets» haben.

Das Sicherheitsbedürfnis hat mit den Turbulenzen an den Finanzmärkten aber nochmals zugenommen. Werden nun speziell Anlageprodukte mit einem Kapitalschutz forciert?

Wittmann: Wir schlittern mit einer schönen Regelmässigkeit alle vier bis fünf Jahre in eine Finanzmarktkrise. Das wird sich in Zukunft nicht ändern. Entsprechend schwankt das Anlegerverhalten zwischen Angst und Gier, je nachdem, ob es an den Märkten gerade abwärts oder aufwärts geht. Die Abneigung gegenüber Verlusten hat sich mit der Kreditkrise verstärkt. Als Anbieter wollen wir Produkte offerieren, die allwettertauglich sind. Für risikofähige Anleger ist ein Engagement in Aktien im jetzigen Umfeld sehr attraktiv. Alle Titel werden in Krisensituationen unabhängig von ihrer Qualität zuerst einmal abgestraft. Solche Opportunitäten wollen wir nutzen. Wir haben deshalb bereits Ende Februar eine Reihe von Aktienprodukten lanciert, zu einem Zeitpunkt, als die Stimmung eher in Richtung «Weltuntergang» tendierte. Deshalb hielt sich die Nachfrage damals in Grenzen, und es gilt nun, mit diesen Absolute- oder Relative-Return-Produkten mittelfristig eine ansprechende Performance zu liefern.

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Die Absolute-Return-Fonds wurden geschaffen, um Verluste zu vermeiden. Sind diese Produkte bei den äusserst volatilen Aktienkursen besonders attraktiv?

Wittmann: Diese Vehikel müssen in erster Linie zu den persönlichen Bedürfnissen des Investors passen. Im jetzigen wirtschaftlichen Umfeld sind die Anleger generell defensiv eingestellt. Das begünstigt den Kauf von Kapitalschutzprodukten. Bei einem anhaltend positiven Trend an den Aktienmärkten, wie er zwischen 2003 und 2007 zu beobachten war, dominieren demgegenüber die Relative-Performance-Produkte. Ein Anbieter muss immer über beide Anlageinstrumente verfügen. Es ist sinnvoll, die defensiven Absolute-Return-Strategien je nach Einschätzung der Lage opportunistisch mit strukturierten Produkten zu ergänzen.

Bei den strukturierten Produkten droht vielen Anlegern wegen den tiefen Notierungen die Auslieferung von Aktien. Ist dies ein Signal, dass nun entsprechend weniger Zertifikate auf den Markt kommen?

Wittmann: Die Finanzindustrie steckt immer in einem Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage. In den Boomjahren liessen sich viele Anleger bei diesen strukturierten Produkten von einem Zinscoupon in zweistelliger Prozentgrösse blenden. Die Abwärtsrisiken wurden dabei vollständig ignoriert. Trotzdem werden solche Finanzvehikel auch künftig auf Interesse stossen. Gleichzeitig aber wird sich der Fokus auf andere Instrumente ausweiten, wie etwa aktiv gemanagte Zertifikate. Wichtig ist aber, dass jedes Produkt im gesamten Portfoliomix auch wirklich Sinn macht.

Das Angebot an strukturierten Produkten hat sich im vergangenen Winter massiv vermindert.

Wittmann: Ja, aber seit ein paar Wochen registrieren wir wieder eine steigende Nachfrage.

Gehen die Anleger davon aus, dass der Aktienmarkt nun Boden gefunden hat?

Wittmann: Durchaus, wir werden aber nicht die gleiche Entwicklung wie in den letzten Jahren sehen. An den Kapitalmärkten ist es wesentlich selektiver geworden. Zudem wird viel stärker nach Produktetypen und -klassen diversifiziert.

Inwiefern verschmelzen die strukturierten Produkte mit den Anlagefonds?

Wittmann: Ich sehe wenig Konkurrenz zwischen diesen beiden komplementären Finanzinstrumenten. Der Kern des Anlageschaffens ist eine frühzeitige Erkennung der Anlageopportunitäten. Danach gilt es, ein Portfolio optimal zu strukturieren. Dazu gehören je nach Bedürfnis Einzeltitel, Anlagefonds oder Zertifikate.

Warum sind die gemanagten Fonds im jetzigen Umfeld ein aktuelles Thema?

Wittmann: Es werden nicht mehr alle Aktien über einen Leisten geschlagen. Die einzelnen Titel reagieren wieder unmittelbarer auf die Quartalsabschlüs-se. Das Stock Picking wird attraktiv und eröffnet den Fondsmanagern gute Chancen.

Weshalb soll ein Anleger nicht auf Indexfonds umsteigen?

Wittmann: Gewisse Indexfonds machen zeitweise durchaus Sinn. Wenn jemand davon ausgeht, dass sich beispielsweise der Swiss Market Index (SMI) wegen den Globalisierungsgewinnen der Industrie in den nächsten sechs Monaten nach oben bewegt, dann spricht nichts gegen einen Kauf des SMI-Index. Man muss aber eine klare Meinung zu einer bestimmten Marktentwicklung haben. Auf einen globalen Index zu setzen, bringt dagegen wenig, weil derart breit gestreute Durchschnittswerte über ein aktives Management klar zu überbieten sind.

Warum stemmen sich die Vermögensverwaltungsbanken gegen diese passive Anlagestrategie?

Wittmann: Wir bieten diese Indexprodukte nicht selber an, aber wir setzen sie regelmässig ein. Für die Bank Julius Bär ist Aktien Research eine Kernkompetenz. In unserer Asset-Allokation spielen diese Produkte aber je nach Land, Sektor oder Thema ebenfalls eine Rolle.

Die Financials haben an den Aktienmärkten überdurchschnittlich nach unten korrigiert. Sind solche Themenfonds jetzt für den Einstieg besonders interessant?

Wittmann: Absolut, aber nur ein aktiver Ansatz ist sinnvoll. Mit einem Banken-, Versicherungs- oder Financials-Index wird einfach alles gekauft. Nur mit dem Engagement in ausgewählten Titeln ist eine gute Performance zu erzielen.

Wo muss dieses Stock Picking in einem globalen Rahmen geschehen?

Wittmann: Zunächst gilt es die Grobunterscheidung zwischen den Industrienationen und den Schwellenländern zu treffen. An den Rändern vermischt sich das. Länder wie Russland oder Brasilien haben den Investment-Grade-Status erreicht. Gewisse Emerging Markets kann man direkt spielen. Russland ist strategisch ein guter Ort für Ressourcen, Metalle und Energie. Die steigende Kaufkraft beim chinesischen Konsumenten lässt sich aber auch indirekt über europäische Luxusgüterfirmen kaufen. Die Aktienbewertungen müssen allerdings innerhalb einer vertretbaren Bandbreite liegen.

Die Schwellenländer haben teilweise massiv eingebüsst. Sind die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China ganz generell Ihre Favoriten?

Wittmann: Wir betrachten die Schwellenländer nicht einfach als Anlagekategorie. In den vergangenen drei Jahren gab es je nach Regionen erhebliche Performance-Unterschiede. Nimmt man die wichtigsten Emerging Markets Asien, Lateinamerika und Osteuropa, dann hat die südamerikanische Region mit Abstand am besten abgeschnitten. In Asien stellt sich die Frage, ob es zu einer gewissen Korrektur bei den Rohstoffen kommt, die überfällig ist. Der entscheidende Faktor für eine nachhaltige Entwicklung in den einzelnen Schwellenländern ist der Aufbau einer tauglichen Infrastruktur. Unserer Meinung nach wird Asien in dieser Hinsicht die wettbewerbsfähigste Region sein.

Die Rohstoffpreise sind jüngst extrem nach oben geschnellt. Ist da noch Potenzial vorhanden?

Wittmann: Wir sind bei den Rohstoffen positiv eingestellt. Das hängt damit zusammen, dass die Hälfte der Weltbevölkerung über die letzten fünf Jahre hinweg in dieses industrialisierte Wirtschaftssystem eingetreten ist. Es findet eine Urbanisierung statt mit den entsprechenden Investitionen in die Infrastruktur.

Zu den Modethemen gehört der Klimawandel. Alle sprechen von nachhaltigen Anlagen, aber die Performance bewegt sich kaum über den konventionellen Investments. Wie unterscheiden Sie die kurzfristigen Moden von den langfristigen Trends?

Wittmann: Einfach ein aktuelles Thema zu verfolgen, ergibt noch keine Performance. Dazu zähle ich etwa Solarzellen oder Biofuels. Ich bezweifle, dass bei diesen politisch forcierten Energieträgern eine nachhaltige Rendite möglich ist.

Rückt beim tiefen Dollarkurs auch ein Engagement in US-Aktien wieder in den Vordergrund?

Wittmann: Ja, Assets in Dollar sind attraktiv. Die Bewertungen der US-Aktien sind im historischen Vergleich durchaus interessant. Andererseits gilt es aber zu beachten, dass der Dollar gegenüber anderen Währungen stetig an Wert verliert. Er hat seinen Status als einzige Reservewährung verloren. Wir gehen in Riesenschritten auf eine multipolare Welt zu.