Auf Anhieb hätte man ihn kaum wiedererkannt. Als Peter Kurer sich unlängst an einem Spätsommerfest wieder einmal in die Öffentlichkeit wagte, trug er einen Bart, die Haare etwas kürzer und eine elegante Brille. Die äussere Verwandlung war perfekt. Genauso überraschend waren wenige Wochen später seine Äusserungen in einer Diskussionsrunde des Efficiency-Club in Zürich. Was er sagte, war so ziemlich das Gegenteil dessen, was er in früheren Zeiten, als eher glückloser Verwaltungsratspräsident der schlingernden UBS, vertreten hatte.

An dem Abend sprach er von der zerstörerischen Risikokultur exorbitanter Banker-Boni. Er plädierte für massiv höhere Eigenmittel bei den Grossbanken, und er bezeichnete Eigenkapitalrenditen von 25%, wie man sie bei der UBS in besseren Zeiten für geradezu selbstverständlich gehalten hatte, als gesamtwirtschaftliche Gefahr. Dass sich selbst oberste Manager nicht immer ganz treu bleiben, mag in der menschlichen Natur liegen. Es gibt aber wohl noch profanere Gründe für derlei Meinungspirouetten.

Der eine ist sicher, dass in einer Welt, in der die Kollateralschäden der Finanzkrise dermassen angewachsen sind, mit den Massstäben von gestern ganz offensichtlich kein Staat mehr zu machen ist - besonders nicht, und das ist wohl ein zweiter Grund, wenn jemand nach seinem Scheitern sozusagen die gesellschaftliche und auch die berufliche Wiedergutmachung seiner Person sucht. Und gerade dies scheinen nun sehr viele Top-Manager zu wollen, wie sich in den letzten Wochen und Monaten fast schon inflationär gezeigt hat. Jeder auf seine Art: Kurers Resozialisierungsversuch - ein Beispiel unter vielen.

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Weiche Landung bei Swiss Re

Letzte Woche meldete sich auch Thomas Wellauer zurück. Er übernimmt per sofort den Posten eines Chief Operating Officer beim Rückversicherungskonzern Swiss Re. Der frühere McKinsey-Mann machte in den 1990er-Jahren im Windschatten seines Förderers Lukas Mühlemann eine steile Karriere in der Finanzbranche, zunächst als CEO der Winterthur-Versicherung, später als Chef der Division Financial Services bei der Credit Suisse. Als jedoch die Grossbank in der Börsenkrise von 2001 und wegen ihrer fatalen Allfinanz-Strategie 2002 knapp am Konkurs vorbeischrammte, gehörte Wellauer zu den ersten Top-Shots, die gehen mussten. In der Folge wechselte er in die Chemie- und Pharma-Branche, erlangte dort aber nie wieder die Aura von früher.

Einmal Top-Manager, immer Top-Manager. Diese Devise gilt offenbar auch für Wellauer, der es nun auf operativer Ebene «nochmals packen will», wie die «Neue Zürcher Zeitung» weiss, während er für die Swiss Re ganz einfach die «Geschäftsabläufe optimieren» soll, wie es im smarten Business-Jargon heisst. Wellauer kommt in einen Konzern, der als Auffangbecken für gefallene Top-Shots dient: Mathis Cabiallavetta fand hier Aufnahme im Verwaltungsrat, nachdem er bei der UBS wegen Handelsverlusten und des Debakels um den Hedge-Fonds LTCM seinen Hut hatte nehmen müssen. Oder mit David Blumer amtet ein Ex-Credit-Suisse-Banker in der Swiss-Re-Konzernleitung, der nach einer wenig berauschenden Performance bei der Grossbank in Ungnade gefallen war. Und jetzt Wellauer. Damit zeigt sich klar: Auch im Jahr 2010 spriesst der so oft schon totgesagte Zürcher Wirtschaftsfilz noch prächtig, und Walter Kielholz, der frühere Präsident der Credit Suisse und heutige Chairman der Swiss Re, gibt den Strippenzieher, der den gestrauchelten Managern den Weg zurück in die Teppichetage ebnet.

Verantwortung übernommen

Einen ganz anderen Pfad in die breite Öffentlichkeit wählte Peter Wuffli. Der frühere CEO der UBS verliess im Juli 2007 überraschend die Bank - bis heute unter mysteriösen Umständen, nachdem er als Präsident des Verwaltungsrats in letzter Minute übergangen worden war. Gut drei Jahre später bringt Wuffli ein Buch mit dem Titel «Liberale Ethik» auf den Markt. Offensichtlich liegt auch ihm einiges daran, das Image des gestrauchelten UBS-Bankers abzuschütteln.

In seinem Werk übernimmt Wuffli zwar eine gewisse Verantwortung für den Fehlkurs der UBS. Der Text lässt sich an gewissen Stellen aber auch als Rechtfertigung auslegen. Wenn Wuffli etwa argumentiert, dass die Verfehlungen im US-Vermögensverwaltungsgeschäft von einer kleinen Einheit vier Hierarchiestufen unter ihm erfolgten, entlässt ihn das jedoch nicht aus der damaligen Verantwortung. Offiziell wollte Wuffli gegenüber der «Handelszeitung» keine Stellung nehmen.

Wufflis Schicksal, aber auch sein Bedürfnis, ein Buch zu schreiben, weist erstaunliche Parallelen zur Biographie seines Vaters Heinz Wuffli auf. Auch dieser machte eine steile Bankkarriere und scheiterte auf dem Höhepunkt als Präsident der Generaldirektion der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) am fehlbaren Verhalten von Mitarbeitern mehrere Hierarchiestufen weiter unten. Zur Erinnerung: 1977 trieb der Leiter der SKA-Filiale in Chiasso, Ernst Kuhrmeier, mit kriminellen Machenschaften die Bank in die Bredouille. Im Gefolge eines Machtkampfes an der Spitze der SKA fiel dann Heinz Wuffli die Rolle des Bauernopfers zu, und er musste zurücktreten.

Der Sturz aus dem Establishment war für die ganze Familie ein Schock, wie Peter Wuffli später verschiedentlich erklärt hat. In der Folge griff auch Heinz Wuffli zur Feder und skizzierte in mehreren Büchern den Rahmen eines verantwortungsvollen Handelns als Unternehmer und Manager; ohne sich damit aber in der Öffentlichkeit je wieder vollständig rehabilitieren zu können.

Demgegenüber hat sich Peter Wuffli karrieremässig bereits re-orientiert. Als Verwaltungsrat des Zuger Vermögensverwalters Partners Group ist er noch mit der Finanzbranche verbunden, doch sein grösstes Engagement gilt nun seiner Stiftung Elea, die gemäss eigenen Angaben unternehmerische Visionen und Ideen in Entwicklungsländern fördert.

Dass er mit seinem Buch einen Diskussionsbeitrag zu Fragen liefern will, die alle etwas angehen, mag löblich sein. Ob er als reflektierender Intellektueller das Image des überambitionierten Bankers in der Öffentlichkeit jedoch ablegen kann, ist nicht so gewiss. Allzu sehr noch lastet das UBS-Debakel in der Schweizer Bevölkerung wie ein dräuender Phantomschmerz nach.

Wie stark der Wunsch nach professioneller Rehabilitierung in den Köpfen der Banker geistert, zeigt sich in diesem Jahr extrem. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass sich nicht ein weiterer ehemaliger Top Shot zurückmeldet. Dabei hätten sie es rein pekuniär gar nicht nötig. Die meisten Spitzenbanker sind finanziell gut gebettet. Trotzdem wollen sie wieder ans Licht.

Eine Rückkehr in Raten

Zurück im Geschäft ist mittlerweile auch Martin Liechti. Der frühere Chef der amerikanischen Vermögensverwaltung der UBS kam zu ungewollter Popularität, als er 2008 auf Durchreise in den USA von den Behörden verhaftet und zum Kronzeugen im Verfahren gegen die Schweizer Grossbank instrumentalisiert wurde. Unvergessen bleibt, wie er mit einer elektronischen Fussfessel in den Vereinigten Staaten festgehalten wurde und dann vor dem Senatsausschuss aussagen sollte. Doch er schwieg. Vor kurzem nun gründete er in Zürich eine eigene Beratungsfirma namens Parkside Advisors, die gemäss eigenen Angaben in der Unternehmensentwicklung und im interimistischen Management agiert. Über weitere Einzelheiten mag sich Liechti derzeit nicht äussern.

Eine Rückkehr in Raten vollzieht inzwischen auch Raoul Weil. Der einstige Global-Wealth-Management-Chef wurde von der UBS freigestellt, nachdem die US-Justizbehörden im Zuge des eskalierenden Steuerstreits mit der Schweiz Anklage gegen ihn erhoben hatten. Noch ist der Rechtsfall hängig, doch Teile der Klage wurden bereits abgewiesen. Die Chancen stehen nicht schlecht. Unlängst betätigte sich Raoul Weil als Berater dreier Finanzinstitute unter dem Dach der stark wachsenden Reuss Private Group, eines Schweizer Unternehmens, das Dienstleistungen für unabhängige Vermögensverwalter anbietet und von dem früheren UBS-Kadermann Adriano Lucatelli geleitet wird.

Klar ist, dass Raoul Weil wieder im Finanzbusiness Fuss fassen will. Solange die Rechtsstreitigkeiten in den USA bestehen, ist sein Aktionsradius aber begrenzt. Darum will er sich auch nicht öffentlich äussern. Damit zeigt sich ein weiteres Merkmal der ambitionierten Rückkehrer: Vorläufig sprechen sie nicht und wenn doch, dann nur in wohldosierten Portionen. Anders wird es sein, wenn die neuerliche Erfolgsstory gesponnen ist. Dann werden sie wieder so redselig wie früher.