Eigentlich müssten die USA Kanadas Wirtschaft mit sich in die Tiefe reissen: Sie kauften 2007 für über 80 Mrd Dollar Güter von den Kanadiern, die damit 35% ihres Bruttoinlandprodukts (BIP) erwirtschafteten. Trotzdem litt Kanada bisher kaum unter dem schwächelnden Nachbarn. Für 2009 erwartet die Bank of Canada ein BIP-Wachstum von respektablen 2,4%.

Ein Grund für den Optimismus ist der Roffstoffreichtum des zweitgrössten Landes der Erde. Neben gewaltigen Vorkommen an Ölsand, der dank hohem Ölpreis mittlerweile ebenfalls profitabel gefördert wird, gehört Kanada zu den führenden Produzenten von Mineralien und Metallen. Riesige Vorkommen an Uran, Nickel, Aluminium, Zink, Kupfer, Gold und Diamanten sorgen dank stark wachsender Nachfrage für eine florierende Bergbauindustrie.

Das lockt führende Bergbaukonzerne nach Kanada, darunter auch XStrata mit Sitz in Zug. Aufgrund der hohen Nickelreserven ist vor allem die Sparte XStrata Nickel aktiv ? insgesamt sieben Minen sind in Betrieb oder in Entwicklung. Was nach wenig klingt, bedeutet mehrere Milliarden Dollar an Investitionen.

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Externes Wachstum nötig

Das zeigt das Beispiel der Nickelmine Rim South: Das Feld in Sudbury im Bundesstaat Ontario, rund 350 km nördlich der Wirtschaftsmetropole Toronto gelegen, entdeckte XStrata 2001. 2009 soll die Mine, zu 100% in Besitz von XStrata, die Produktion aufnehmen und jährlich 14,5 Mio t Erze fördern. Laut Gregg Snyder, Chefgeologe von Nickel Rim South, investierte XStrata bisher rund 1 Mrd Dollar. Bei einer Kapitalrendite von 12% wird die Gewinnschwelle nach drei Jahren erreicht ? allerdings kalkulierte XStrata mit einem tieferen Nickelpreis. Hält sich das aktuelle Preisniveau, wird Nickel Rim South, die rund 13 Jahre in Betrieb bleibt, deutlich früher profitabel.

XStrata, hinter MMC Norilsk, Vale und BHP Billiton der viertgrösste Nickelproduzent der Welt, setzt laut Snyder weiter auf externes Wachstum. Organisch ist dies kaum möglich, da fast alle weltweiten Vorkommen bekannt und verkauft sind. Geht es allerdings um die Förderung der immer schwerer erreichbaren Reserven, sind milliardenschwere Investitionen nötig, was vergleichsweise kleine Produzenten oft nicht im Alleingang bewältigen. Auf solche Firmen hat es XStrata abgesehen ? zuletzt erwarben die Schweizer im August 2006 den kanadischen Nickelförderer Falconbridge. Doch auch XStrata gilt als Übernahmekandidatin: Der Konzern, der 2007 rund 28,5 Mrd Dollar umsetzte und geschätzte 80 Mrd Dollar wert ist, soll von der brasilianischen Vale ? mit einem Umsatz 2007 von 32,2 Mrd Dollar hinter BHP Billiton die Nummer zwei ? umworben werden.

Im Schlepptau von XStrata profitieren auch Zulieferer wie ABB vom kanadischen Bergbauboom. Neben Siemens ist ABB das einzige Unternehmen, das schlüsselfertige Förderanlagen bietet. Die Schweizer haben in Kanada die Nase vorn: Fast alle Anlagen für die Förderschächte, die in Betrieb oder geplant sind, werden von ABB geliefert. Die Pipeline ist mit einer hohen einstelligen Projektzahl derzeit gut gefüllt. Ein mittelgrosses Projektvolumen beläuft sich normalerweise auf einen mittleren zweistelligen Millionen-Dollar-Betrag. Liefert ABB weitere Lösungen, wie Strom-Unterstationen, wächst das Projektvolumen rasch auf über 100 Mio Dollar. Um die Projektvolumina weiter zu erhöhen, sieht Veli Matti Reinikkala, CEO der ABB-Sparte Prozessautomation, Akquisitionsmöglichkeiten auf der Produktseite. «Heute kaufen wir Komponenten für unsere Messtechniklösungen zu», erklärt er. «Mit einer Akquisition könnten wir unsere Wertschöpfungskette verlängern und so Mehrwert generieren.»

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Sicherheitsaspekt wichtig

Gebremst werden könnten Firmen wie XStrata und ABB durch den Fachkräftemangel. ABB begegnet dem Problem mit der Ausweitung ihrer Personalaktivitäten. «Da wir unsere Kostenbasis fortlaufend in Niedriglohnländer verschieben, fokussieren wir uns auf den Nachwuchs, der in aufstrebenden Ländern wie Indien, China, Tschechien, Ägypten und Mexiko von vergleichsweise guten Hochschulen ausgebildet wird», erklärt Reinikkala und ergänzt: «Diese Fachkräfte sind hoch motiviert und auch bereit, in anderen Ländern zu arbeiten.» Sie könnten die Lücken schliessen, die Mitarbeiter in westlichen Ländern hinterliessen, die in Rente gingen.

XStrata wirbt mit dem Sicherheitsaspekt. Je sicherer die Minen, desto eher sind Fachkräfte interessiert. Wie beim Projekt Nickel Rim South: Seit rekordverdächtigen 3,7 Jahren verzeichnet die Mine, wo rund 200 Angestellte in einer Tiefe von 1100 bis 1800 m arbeiten, keinen Personenschaden mehr.

 

 

NACHGEFRAGT


«Unsere Märkte wachsen auch 2009»

Veli Matti Reinikkala, CEO der ABB-Sparte Prozessautomation, ortet erste dunkle Wolken am Horizont.

Der Auftragsbestand Ihrer Division lag im 1. Quartal auf Rekordniveau. Haben Kunden in der Zwischenzeit Projekte storniert?

Veli Matti Reinikkala: Nein, bisher nicht.

Was, wenn die Preise einbrechen?

Reinikkala: Sehr wenige gehen davon aus, dass die Preise in absehbarer Zeit kräftig nachgeben.

Und falls das nicht so ist?

Reinikkala: Auch ein deutlich tieferer Ölpreis hat keinerlei Auswirkungen auf unser Geschäft. Selbst dann wird noch genug Geld verdient, um die Investitionen auf hohem Niveau mindestens stabil zu halten.

Wie hat sich Ihre Preismacht entwickelt?

Reinikkala: Der Automationsmarkt ist nach wie vor sehr kompetitiv, Preiserhöhungen sind nur schwierig durchzusetzen. Unsere Verhandlungsposition hat sich im Vergleich zu früheren Jahren etwas verbessert; allerdings nicht markant.

Vor zehn Jahren war das Automationsgeschäft für viele Konzerne ein Verlustbringer.

Reinikkala: Das stimmt. In der Zwischenzeit hat sich die Profitabilität aber stark verbessert, weil wir alle effizienter arbeiten. ABB Process Automation etwa hat den Umsatz in den vergangenen Jahren deutlich gesteigert, während sich der Personalbestand unterproportional entwickelt hat.

Wie wird 2009 für Ihre Sparte?

Reinikkala: Nicht viel anders als 2008: Die Mehrheit unserer Märkte wird weiter wachsen. Lediglich der Bereich Zellstoff und Papier, der 2007 gut 10% zum Spartenumsatz beisteuerte, nimmt an dieser Party nicht teil. Denn die westliche Papierindustrie ? Nordamerika und Westeuropa ? befindet sich aufgrund massiver Überkapazitäten in einem rezessionsähnlichen Zustand. China hingegen baut weiter aus, Indonesien und Südamerika investieren ebenfalls.

Wie geht ABB mit der Marktschwäche im Westen um?

Reinikkala: Wir fokussieren uns auf das Servicegeschäft, sprich: Wir helfen den Unternehmen, ihre Effizienz zu steigern.

Alle übrigen Geschäftsbereiche werden dagegen zulegen?

Reinikkala: Davon gehen wir aus. Am stärksten entwickeln sich die Bereiche Öl und Gas. Deutlich gewachsen ist auch der Bereich Metall- und Mineralienindustrie.

Was heisst das für ABB?

Reinikkala: Das wird sich weisen. Auf jeden Fall können wir bis 2010 dank einem sehr hohen Auftragsbestand unabhängig von den Entwicklungen in den Primärmärkten operieren.