Noch im französischen Film «Die fabelhafte Welt der Amélie» spielte der Fotoautomat eine Hauptrolle. Dies geht ihm im realen Leben längst ab. Seit jedes Mobiltelefon gleichzeitig eine Kamera ist, schrumpft das Geschäft mit den kleinen Schwarzweiss- oder Farbbildern aus der Kabine. Und mit dem Entscheid, die Hoheit über das Passfoto dem Staat zu übertragen, verliert die Selbstauslöserkiste ab 1. März 2010 noch mehr an Bedeutung.

Hansjörg Suter, CEO beim Schweizer Marktführer Prontophot in Dübendorf ZH, geht im Zuge der Einführung biometrischer Pässe von «substantiellen» Einbussen im Bereich der Identitätsfotos aus. Droht der Schnellbildkiste jetzt das baldige Ende? «Nein, nein», winkt er ab, «der Fotoautomat ist ja auch ein Stück Kulturgut.» Entsprechend gebe es immer Leute, die ihn und seine Performance zu schätzen wüssten.

Die ersten vollautomatischen Fotokabinen wurden hierzulande ab 1920 aufgestellt. Vorbild waren wie in so vielen Fällen die USA. Der Gestank von faulen Eiern, wie er bei der Entwicklung analoger Bilder entsteht, hat sich längst verflüchtigt. Heute geschieht alles digital. Stand man sich früher beim Warten auf den Porträtstreifen noch die Beine in den Bauch, so dauert es heute keine Minute mehr, bis das Resultat auf Papier gebannt ist. Was allerdings geblieben ist, ist das allseits bekannte Gefühl, das sich beim Betreten der kaum einen Quadratmeter flächigen Kabine einstellt: Als ob man gleich im Beichtstuhl Platz nähme oder Gefahr laufe, einem Scherz mit versteckter Kamera aufzusitzen ...

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800 von 1000 Automaten

In der Schweiz stehen heute etwas über 1000 Fotoautomaten an gut frequentierter Lage, also in Einkaufszentren, an Bahnhöfen oder in Fussgängerpassagen. Prontophot ist an rund 800 Standorten vertreten. Suter hat sie allesamt auf einer Wandkarte mit Stecknadeln markiert - ein kunterbuntes Mosaik in und um die Ballungszentren. Die Tochtergesellschaft des Photo-Me-Konzerns mit Sitz in Bookham (England) beherrscht den hiesigen Markt mit einem Anteil von 80%, so der CEO.

Die meistbenützten Fotoautomaten der Schweiz im Übrigen stehen gemäss Suter seit vielen Jahren am Hauptbahnhof von Bern. In der Blütezeit der Automatenfotografie hätten die dort stationierten Kabinen zusammen bis zu 1 Mio Fr. jährlich generiert, führt er aus. Heute sei es immerhin noch «eine sechsstellige Summe» oder umgerechnet über 60000 Bildserien im Jahr. Beliebt sind die Automatenbilder von jeher bei den Jugendlichen. «70% unserer Kunden sind weibliche Teenager», schätzt Suter, «ebenfalls hoch im Kurs stehen die Fotoautomaten bei Ausländern und Asylbewerbern, bei all jenen eben, die ganz rasch ein Passfoto von sich brauchen.» Nicht immer allerdings ist das, was darauf zu sehen ist, ganz jugendfrei.

Eigentlich, bekräftigt Norbert Mattmann, der seit bald 40 Jahren als Servicetechniker Fotoautomaten wartet, würden die geschossenen Bilder nicht gespeichert - weder früher im analogen noch heute im digitalen Zeitalter. Aber es könne durchaus vorkommen, dass halt jemand in der «Hitze des Gefechts» vergesse, seine Bilder mitzunehmen. Oder diese gar extra zurücklasse. Wie etwa jene Dame, die sich mit einem im wahrsten Sinne des Wortes «Brustbild» für die Nachwelt verewigt hat.

Auch bei den Reklamationen greift der eine oder andere zu nackten Tatsachen. So sei es auch schon vorgekommen, dass ein ob des erzielten Resultates enttäuschter Zeitgenosse kurzerhand seinen Allerwertesten abgelichtet habe und den entsprechenden Schnappschuss der Prontophot-Zentrale zukommen liess, im Sinne einer Protestnote, erinnert sich Hansjörg Suter. «Wir kennen das ja alle: Ist ein Foto schlecht, ist die Kamera schuld, der Fotograf, die Technik, sicher aber nicht man selbst ...», sagt der CEO.

Mit Innovationen in die Zukunft

Der Umsatz, den der Marktführer durch die Einführung des biometrischen Passes verliert, soll durch die Lancierung neuer Produkte wettgemacht werden. Das Team der 30 Mitarbeiter wurde in den letzten Monaten sogar aufgestockt, um das entsprechende Angebot zu intensivieren.

Dazu gehören der Fotokiosk, der Bilder vom Mobiltelefon weiterverarbeitet, oder der Photobookmaker, der erste Vollautomat in Selbstbedienung mit Sofortdruck, der es einem Kunden erlaubt, seine Aufnahmen in einem Arbeitsgang in ein professionelles Fotobuch zu verwandeln. «Die Konkurrenz ist aufgrund von Handy, Computer und Co. natürlich gross», betont Suter, «aber gerade im Bereich der Spassfotos besteht durchaus ein gewisses Wachstumspotenzial.»