Wie wichtig ist der Konsum für die Schweizer Wirtschaft?

Thomas Herrmann: Sehr wichtig, gerade im derzeitigen Umfeld. Die Wachstumstreiber der Schweizer Wirtschaft sind derzeit diversifizierter als die anderer Länder. Natürlich profitierte die Schweiz sehr stark vom Aussenhandel und fühlt jetzt die Abschwächung der globalen Nachfrage. Gerade in diesem Umfeld ist es besonders wichtig, dass ein Land verschiedene Wachstumstreiber hat. Durch den Konsum hat es die Schweiz bisher geschafft, die wirtschaftliche Abschwächung abzudämpfen. Wenn man auf die letzten 10 oder 20 Jahre zurückblickt, dann sieht man, dass der Konsum substanziell zum Wachstum beitrug, mit Abschwächungen, aber keinen starken Rückgängen über die Konjunkturzyklen hinweg.

Welche Rolle spielt der Konsum im Vergleich zu Importnationen wie den USA?

Herrmann: In den USA war der Konsum historisch ein Konjunkturmotor. Das sah man an der letzten Rezession: Als viele Leute ihren Job verloren, kompensierten sie den Verlust an Einkommen durch die Kreditaufnahme. Dadurch wuchs in der letzten Rezession der Konsum gar noch, was sehr aussergewöhnlich ist. In der jetzigen Rezession kommt es nun zu einem strukturellen Wandel. Das zeigte sich sehr deutlich am Ende des letzten Jahres, als der Konsum massiv zurückging, mit negativen Konsequenzen etwa für die Autobauer. Diese Probleme hat die Schweiz nicht.

Die Detailhändler gehen von einem guten Weihnachtsgeschäft aus. Ist das Zweckoptimismus?

Herrmann: Wir gehen davon aus, dass sich die Arbeitsmarktlage noch deutlich verschlechtern wird, was auf die Konsumentenstimmung drückt. Dies dürfte sich gegen Jahresende eher so auswirken, dass der Konsum zwar nicht stark zurückgeht, dass er sich aber weiter abschwächt. Wir rechnen gegen Jahresende mit einer Stagnation und im nächsten Jahr mit leichten Rückgängen. Ein Konsumboom ist eher unwahrscheinlich.

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Können sich die Schnäppchenjäger freuen, weil Detaillisten jetzt zu viel einkaufen?

Herrmann: Die Konsumenten können sich bereits heute freuen, denn wir hatten in der Schweiz eine sehr starke Disinflation, also einen Rückgang der Inflation zu verzeichnen, begründet vor allem durch die Rückgänge bei den Energiepreisen. Wenn sich jetzt die Nachfrage abschwächt und, je nachdem wie sich die Einkäufer positioniert haben, kann es aber durchaus zu Preisnachlässen kommen.

Ändert sich mit der grössten Krise seit der Depression der 1930er-Jahre das Konsumentenverhalten nachhaltig? Heisst es künftig zum Beispiel «Weniger ist mehr» oder «Sein statt Haben»?

Herrmann: Wir sind in der Schweiz in einer viel nachhaltigeren Situation als etwa die USA oder Grossbritannien, wo das Kreditwachstum eine enorme Rolle für die Konsumausgaben spielte. Wir haben eine Sparquote von etwa 10%. Die Notwendigkeit für eine strukturelle Anpassung ist in der Schweiz praktisch inexistent. Der Schweizer Konsument muss sich also nicht komplett neu orientieren und sein Verhalten umstellen. Das ist eine positive Nachricht für den Handel.

Wie steht es um die Luxusgüterindustrie?

Herrmann: Für die Uhrenindustrie etwa ist die Exportentwicklung extrem wichtig. Es ist darum sehr ermutigend zu sehen, wie sich die globale Dynamik verbessert, und zwar insbesondere in den Emerging Markets, wo das Exportwachstum schon in den letzten Jahren sehr stark war.

Könnte ein Ausbruch der Schweinegrippe alle positiven Signale zunichte machen?

Herrmann: Die Schweinegrippe in ihrer jetzigen Form wäre wahrscheinlich nicht schlimmer als eine gewöhnliche Grippewelle. Natürlich gibt es aber Risiken für die Konsum- und die Wirtschaftsentwicklung: Zum einen die Angst der Bevölkerung, zum anderen die Gefahr, dass der Krankheitsverlauf viel drastischer ausfällt. Das Risiko zu beziffern, ist aber schwierig.

Wie gross ist die Gefahr eines erneuten Rückschlags an den Finanzmärkten?

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Herrmann: Wir haben jetzt nur gerade eine Korrektur der Korrektur gesehen. Die Rezession hat sich global und synchron in fast allen grossen Volkswirtschaften abgespielt. Wir halten es für höchst unwahrscheinlich, dass sich dies in ähnlicher Intensität wiederholt. Wir denken also, ein richtiges «Double Dip»-Szenario ist nicht zu erwarten.

Kann der Aufschwung aber in dieser Intensität anhalten?

Herrmann: Nein. Die realwirtschaftliche Verbesserung in vielen Ländern, auch einigen wichtigen Schweizer Exportmärkten, ist so dramatisch wie die vorherige Abschwächung. So stieg die deutsche Autoproduktion beispielsweise in einem einzigen Monat um 24%. Das geht nicht immer so weiter.

Ist die Schweiz besser gerüstet als andere Länder, um aus der Rezession herauszufinden?

Herrmann: Wenn es die Schweiz schafft, weniger Arbeitslose zu haben, weil die Krise zum Beispiel mit Kurzarbeit überbrückt werden konnte, dann ja. Die Schweizer Konjunktur wird aber sehr stark abhängen von der Entwicklung der Hauptexportmärkte. Da sehen wir gewisse Risikofaktoren, in Deutschland etwa die Kreditverfügbarkeit.

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Insbesondere die Importnationen USA, Grossbritannien und Spanien werden künftig wieder verstärkt auf den Export setzen müssen. Welche Auswirkungen hat das auf das Exportland Schweiz?

Herrmann: Wenn die grossen Importnationen weniger importieren, ist das nicht unbedingt ein Risiko für die Schweiz. Die Schweiz ist ein Nischenplayer. Das Land glänzt mit Innovation und hat eine sehr hohe Standortattraktivität. Damit bleibt es konkurrenzfähig und spielt bei der Verschiebung dieser globalen Ungleichgewichte eher eine untergeordnete Rolle. Zudem wurde unser Exportwachstum sehr stark von den Emerging Markets getrieben.

Wie sind die Schweizer Unternehmen in den verschiedenen Schwellenländern aufgestellt?

Herrmann: Meine Erfahrung ist, dass sich Schweizer Unternehmer der Rolle dieser Märkte sehr stark bewusst sind und sich strategisch sehr klug positionieren. Sie haben erkannt, dass das Wachstumspotenzial in Ländern wie China, Indien oder Indonesien deutlich grösser ist und dass diese Märkte immer mehr Teil der Weltwirtschaft werden.

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