Vor wenigen Jahren wirkten sie noch wie Ufos in der Landschaft und sorgten für ungläubiges Staunen. Heute gehören Windkraftanlagen vielerorts zum Landschaftsbild. Immer häufiger stösst man auf die Propellertürme. So auch, wer von Saint-Imier im Berner Jura auf den 1227 m ü. M. gelegenen Pass Mont-Crosin wandert. Nach dem Aufstieg über die bewaldeten Jurahänge wird der Blick frei auf eine Hochebene, auf der sich acht weisse Windturbinen drehen.

Mont-Crosin ist der älteste und zugleich grösste Windpark der Schweiz. 1996 hat die Betreiberin, die Juvent SA, die ersten drei Windturbinen in Betrieb genommen und dann den Park kontinuierlich ausgebaut. Heute sind es bereits acht Anlagen, die zusammen rund 10 GWh pro Jahr erzeugen. Dies reicht für etwa 2500 Haushalte. Die unterschiedlichen Leistungen der Windturbinen, die Juvent SA zwischen 1996 und 2004 erbaute, zeigen, wie sehr sich die Technologie in den letzten Jahren weiterentwickelt hat: Die ältesten Turbinen haben eine Nennleistung von 600 kW, die neusten mit 1750 kW eine fast dreimal grössere.

Aufpreis: 18 Rappen/kWh

Die am meisten verbreiteten Windkraftanlagen sind luv-seitige, also dem Wind zugerichtete, Dreiblattrotoren mit horizontaler Drehachse. Andere Bauarten, wie der Darrieus-Rotor mit vertikaler Achse oder lee-seitige, also dem Wind abgewandte Turbinen, haben sich als technisch komplizierter und deshalb teurer erwiesen. Windkraftwerke lohnen sich nur an Orten, wo der Wind oft und konstant bläst ? eine Windgeschwindigkeit von durchschnittlich 6 bis 7 m/s ist dabei ideal. Je höher der Turm einer Anlage, desto besser die Windverhältnisse.

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Die Windturbinen auf Mont-Crosin haben eine Rotorachsenhöhe von 45 bis 67 m. Bei einer Amortisationszeit von zehn Jahren produziert der Windpark Strom mit einem Aufpreis von 18 Rp./kWh. Die Betriebsdauer einer Windturbine beträgt 20 bis 25 Jahre. In dieser Zeit erzeugt sie 20 Mal so viel Energie wie für Bau, Installation und Rückbau benötigt werden. Laut BKW FMB Energie AG (BKW), zu welcher die Juvent SA gehört, lässt sich der gesamte Windstrom als Ökostrom verkaufen. Das Angebot könne zurzeit die Nachfrage nicht decken.

Potenzial vorhanden

Verglichen mit Ländern wie Deutschland oder Dänemark ? Letzteres erzeugt 20% seines Stromes mit Windkraft ?, besteht hierzulande noch grosses Entwicklungspotenzial. «Die Schweiz ist ein Windland», sagt Markus Ahmadi von Suisse Eole. Der Verein fördert die Windenergie und ist Partner des Bundesamtes für Energie. «Es gibt Standorte in den Alpen, die können sich, was den Wind betrifft, mit solchen an Deutschlands Nordseeküste messen.» Suisse Eole hat deshalb ein ehrgeiziges Ziel: Bis ins Jahr 2010 sollen an fünf bis zehn weiteren Standorten in der Schweiz Windparks gebaut werden. Diese könnten pro Jahr 50 bis 100 GWh Elektrizität erzeugen, was für bis zu 30000 Haushalte reicht. Bis jetzt sind in der Schweiz 32 Windturbinen an 18 Standorten in Betrieb. Sie produzierten 2007 15,9 GWh Elektrizität.

Dämpfer vom Bundesrat

Ahmadi glaubt an die Windkraft als Wirtschaftsfaktor: In Deutschland wachse die Branche jährlich um 30%. Rund 74000 Personen beschäftige sie bei einem Jahresumsatz von über 5,6 Mrd Euro. Zwischen 2005 und 2006 hat sich die Schweizer Windstromproduktion um 84% gesteigert. Davon profitieren auch die Zulieferer mit einem Jahresumsatz von gegenwärtig 175 Mio Fr. Mit Windstrom lasse sich durchaus Geld verdienen, er könne auch unter marktwirtschaftlichen Kriterien produziert werden. «Windkraftwerke sind einfach zu betreiben und können nach Ablauf ihrer Betriebszeit vollständig zurückgebaut werden.»

Einen Dämpfer verpasste der Bundesrat der Branche allerdings Anfang Jahr: Er beschloss, die geplante Einspeisevergütung von anfänglich 20 bis 28 Rappen pro kWh auf 17 bis 20 Rappen pro kWh zu senken. «Das gefährdet viele geplante Projekte», sagt Ahmadi. Suisse Eole versucht nun, eine Korrektur des Bundesratentscheids zu erwirken. Ansonsten bleibe immer noch die Vermarktung als Ökostrom. Das Ziel sei aber, Windstrom auch im normalen Strommix verkaufen zu können. «Schafft der Bund keine wirtschaftliche Grundlage für Windstrom, können wir nicht das ganze Potenzial der Windkraft ausnutzen.»

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Weitere Windparks geplant

Trotz des Dämpfers durch die vom Bundesrat beschlossene Senkung der Einspeisevergütung für Windenergie sind in der Schweiz diverse Anlagen geplant. So auch im jurassischen Saint-Brais: Die Arbeitsgemeinschaft für dezentrale Energieversorgung (ADEV) will bis Ende 2010 zwei Windturbinen mit Turmhöhen von 85 m und einer Nennleistung von je 2 MW errichten. Sie sollen zusammen 7 GWh Strom pro Jahr erzeugen ? ein Zuwachs von über 45% an Schweizer Windstrom.

Die in Chiasso ansässige Firma Reninvest plant zusammen mit den Tessiner Elektrizitätswerken (AET) auf dem Gotthard den grössten Windpark der Schweiz. Acht Turbinen mit Turmhöhen von 78 m und einer Nennleistung von je 2 MW sollen 28 GWh Windstrom pro Jahr produzieren.

48 Mio Fr. soll das Projekt kosten. Vorher müssen aber noch einige Hürden genommen werden. So muss der Zonenplan von Airolo geändert und eine Baubewilligung eingeholt werden. Der Bund hat sich positiv geäussert und den Standort als «unbedenklich» bezeichnet.

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Die beiden Projekte sind nur zwei von mehreren geplanten Windparks (siehe Tabelle). Diverse Schweizer Energieunternehmen evaluieren zudem ?basierend auf der vom Bund erstellten Windkarte der Schweiz ? weitere mögliche Standorte für Windparks.

Nach der Vision von Suisse Eole sollen im Jahr 2050 bis zu 4000 GWh Windstrom produziert werden können. Das wäre Elektrizität für 1 Mio Haushalte. (RH)