Der Aufschwung beginnt im Kopf. «Kurze Nachrichten mit positivem Inhalt sorgen dafür, dass die Risikofreude der Anleger steigt und das Vertrauen der Konsumenten wiederkehrt», sagt Credit-Suisse-Ökonom Claude Maurer. Auf die Skepsis, ob ein angekündigter Negativtrend sich tatsächlich zur Krise auswächst, und den Masochismus der negativen Meldungen folgt bald einmal die Freude über jede Botschaft, die weniger schlecht ist als die vorangegangene.

Warnung vor verfrühter Euphorie

Der Abschwung, besagt eine solche Meldung, habe sich in den letzten Tagen abgeschwächt. «Das bedeutet nicht, dass die Talsohle bereits erreicht ist», warnt Rudolf Minsch, der Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, vor verfrühter Euphorie. «Aber immerhin hat sich das Tempo, mit dem wir uns dem Tiefpunkt nähern, verlangsamt - wir befinden uns nicht mehr länger im freien Fall.» Angesichts eines «rabenschwarzen 2. Quartals 2009» sei dies für die Exportnation Schweiz ein «Silberstreifen am Horizont».

Gestützt wird Minschs Zuversicht von der sich aufhellenden Stimmung an den Aktienmärkten, von aktuell über Wachstumsniveau notierenden Einkaufsmanager-Indizes in Asien und von der Entwicklung beim grossen Nachbarn Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner der Schweiz. Die dortige Industrie meldet für März ein Plus in den Auftragsbüchern von 3,3% gegenüber dem Vormonat. «Wenn es Deutschland gut geht, geht es auch uns gut», stellt Minsch fest. «Die ökonomische Situation in beiden Ländern ist vergleichbar.»

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Über 20% der exportierten Güter haben die Schweiz im letzten Jahr in Richtung Norden verlassen. Das entspricht einem Volumen von 28 Mrd Euro. Umgekehrt stammen rund 35% der hiesigen Einfuhren aus Deutschland, vorab Maschinen, Elektronik, Metallwaren, Fahrzeuge und Kunststoffe. «Deutschland ist die Lokomotive für die Schweizer Volkswirtschaft», resümiert Andreas Höfert, der neue Chefökonom der UBS.

Allerdings: Ein ICE-Triebwagen ist diese Lok Deutschland noch lange nicht. «Wir hatten in den letzten Quartalen Abstürze wie noch nie», bemerkt Norbert Walter, der Chefvolkswirt der Deutschen-Bank-Gruppe, gegenüber der «Handelszeitung». Der renommierte Ökonom und Buchautor kann sich überhaupt nicht erwärmen für die positiven Szenarien, welche seine Kollegen letzte Woche in den Medien platziert haben. «Wer von Konjunktur spricht, der sollte in erster Linie von Kapazitätsauslastung reden», sagt Walter. «Hier sind wir momentan 7 bis 8% unter Normalniveau.» Von einer baldigen Besserung könne denn auch nicht ausgegangen werden. Im Gegenteil: «In den nächsten vier Quartalen geht es garantiert noch nicht aufwärts!»

Auch beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) rechnet man ebenfalls nicht mit einer raschen Erholung der Schweizer Wirtschaft. Chefökonom Daniel Lampart: «Weil der Lagerabbau bei den Firmen sich dem Ende zuneigt und die Produktion langsam wieder angekurbelt wird, werden wir in den nächsten Monaten zwar ein kleines Hoch erleben. Wegen der geringeren Kaufkraft der Haushalte wird die Rezession allerdings anhalten - der Aufschwung wird erst später, nach einem zweiten Tief, erfolgen.» Einen genauen Zeitrahmen für sein W-förmiges Szenario will Lampart nicht abstecken. Nur so viel: «Aktuelle Studien zeigen, dass globale Finanzkrisen im Durchschnitt über vier Jahre dauern.»

Arbeitslosigkeit bereitet Sorgen

Die grosse Sorge des SGB-Ökonomen gilt den Arbeitsplätzen. Berechtigterweise. Denn das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechnet für dieses Jahr mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 3,8%. Und für 2010 wird sogar von 5,2% ausgegangen. Einem allfälligen wirtschaftlichen Aufschwung wird die Sicherung der Arbeitsplätze um mindestens zwei Quartale hinterherhinken. Dem Schweizer Arbeitsmarkt steht das Schlimmste also erst noch bevor. Nichtsdestotrotz sind sich die Ökonomen in den Finanzinstituten nach Auswertung der Stimmungsindikatoren einig, dass sich die Wirtschaft mit dem Jahreswechsel erholen wird. «Ende 2009 hat die Rezession ein Ende», sagt UBS-Chefökonom Höfert.

Wachstum ab 2. Jahreshälfte

Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin, doppelt in einem aktuellen Wirtschaftsbericht nach: «Die Stimmungsindikatoren haben weltweit begonnen, eine Trendwende einzuleiten. Nach einem schwierigen 2. Quartal 2009 wird der OECD-Raum ab der zweiten Jahreshälfte wieder Wachstum ausweisen.» Allerdings, so Claude Maurer von der CS, gelte es, im Zuge dessen genau zu beobachten, wie sich Geldpolitik, Finanzspritzen und kurzfristige Anschubpa- kete wie die Abwrackprämie in Deutschland längerfristig auf den Genesungsverlauf der Weltwirtschaft auswirken würden.

Der Schweiz prophezeien die Auguren gute Chancen, relativ rasch aus dem «Loch» zu kommen. Denn die Krise sei global und damit nicht hausgemacht, sondern importiert. «Die Schweizer Unternehmen sind aktuell fitter als noch in den 90er-Jahren, das Gleiche gilt für die Exportindustrie», sagt Claude Maurer. Und noch etwas: Anders als die USA oder viele der EU-Staaten hätten Deutschland und die Schweiz kein Immobilien-Trauma zu verarbeiten, meint Norbert Walter; das sorge dafür, dass die beiden Handelspartner «rascher wieder auf die Beine» kämen als andere Länder.