Seine drastische Prognose von einem Einbruch der Temporärbranche von 20% im letzten Jahr stimmte. Jetzt macht Charles Bélaz, Präsident des Branchenverbandes Swissstaffing und Manpower-Verwaltungsrat, eine neue überraschende Voraussage für dieses Jahr. «Die Temporärfirmen in der Schweiz dürften dieses Jahr zweistellig wachsen und wieder das Niveau von 2008 erreichen», sagt er im Gespräch mit der «Handelszeitung». Das sei deutlich mehr als die rund 5%, mit denen er Anfang Jahr rechnete.

Die Personalvermittlungsbranche überschritt 2008 nach 15 Jahren steten Wachstums die Fünf-Millarden-Franken-Marke.

Keine Angst vor Stellenwechsel

Bélaz zeigt sich jetzt positiv überrascht: «Wir sind über den Berg. Die Belebung geht quer durch und ist nachhaltig, selbst die Uhrenindustrie wurde davon erfasst.» Die Uhrenbranche beklagte letzten Sommer mit 11% die höchste Arbeitslosenquote. Während in der Industrie gegen 30000 Arbeitsplätze vernichtet wurden, trat der befürchtete Kahlschlag in der Konsum- und Dienstleistungsbranche nicht ein.

Die Erholung verläuft laut Bélaz nicht sprunghaft. Zuerst werde die Kurzarbeit eingestellt und dann Temporärangestellte angeheuert. Neue Jobs würden erst zaghaft geschaffen. Fest stehe zudem: «Im Gegensatz zum letzten Jahr haben die Angestellten weniger Angst vor einem Stellenwechsel, man schaut sich wieder um.»

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Die Aussagen des Arbeitsmarktexperten stimmen mit den neusten Arbeitmarktdaten des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) überein. Im März sank die Arbeitslosenquote von 4,4 auf 4,2% gegenüber dem Vormonat. Im Vergleich zu März 2009 sind es aber immer noch 0,8 Prozentpunkte mehr. Grund für die Entspannungen seien saisonale, aber auch konjunkturelle Gründe. Laut Serge Gaillard, Leiter der Direktion Arbeit im Seco, stellen die Firmen zwar wieder mehr Leute an. Doch befänden sich relativ viele Personen in einem temporären Arbeitsverhältnis.

Diese Entwicklung freut die Zeitarbeitskonzerne, allerdings herrscht noch keine Euphorie. Randstad-Sprecherin Susanne Weiss führt aus: «Einen Ausbau sehen wir vor allem in den Branchen Pharma, Gesundheitswesen und Bau.» Die IT-Branche sei stabil bis steigend. Auch die Banken-Branche zieht wieder an. Die Maschinenindustrie sei leider immer noch eher schwierig. Weitere schwierige Monate sagt der Exportindustrie auch Caroline Kälin von Kelly Services voraus.

Verhalten optimistisch gibt sich ebenso José San José, Mediensprecher von Adecco Schweiz: «Die Nachfrage steigt wieder in der Metallindustrie, Elektrotechnik und Elektronik; vermehrt werden auch wieder Berufsprofile wie Gärtner und gut qualifizierte und berufserfahrene Handwerker gesucht.» Unverändert hoch sei die Nachfrage im Gesundheits-, Sozial- und Ausbildungswesen, in Life Sciences, Engineering und Information Technology. In diesen Bereichen beschäftigten Adecco nach wie vor Engpässe, welche trotz Krise immer weiter bestanden hätten. In anderen Worten: Der Fachkräftemangel kannte keine Krise. San José betont allerdings, in gewissen Industriezweigen mache sich noch kein Aufschwung bemerkbar, auch nicht in den Bereichen Gastgewerbe, Detailhandel, Medien-, Druck- und Verlagswesen. «Wir rechnen vorsichtig mit einem leichten Aufschwung», sagt er. Das Fazit der Kelly-Services-Sprecherin: «Aufgrund der günstigen Wirtschaftslage ist eine weitere Erholung am Arbeitsmarkt wahrscheinlich. Entscheidend wird die Stabilität der positiven Entwicklung in den nächsten Monaten sein.»

Prognosen reihum korrigiert

Anstelle von einer Arbeitslosenquote von 4,9% für dieses Jahr geht das Seco seit letztem Monat von einer mittleren Arbeitslosenquote von 4,3% aus. Die Credit Suisse geht neu von einer Quote von 4,1 statt 4,8% aus. Bereits im Dezember hat das Seco seine Prognose von 5,5% von Juni 2009 auf knapp unter 5% respektive 200000 Arbeitslose herunterkorrigiert. Am nächsten an die revidierten Schätzungen kommt jene des Internationalen Währungsfonds vom Oktober 2009 von einer mittleren Quote von 4,5%.

Seco-Sprecherin Rita Baldegger erklärt, vor allem der bessere Konjunkturverlauf habe dazu beigetragen, dass die - saisonbereinigte -Arbeitslosenquote in den letzten Monaten nicht weiter gestiegen sei, sondern sich seit Ende 2009 bei 4,1% einpendelte. Sie erinnert daran, dass es Mitte 2009 noch keineswegs gesichert war, ob es überhaupt zu einer Erholung kommen würde: Die weltweiten Konjunkturindikatoren waren damals durchs Band sehr düster und man konnte nur hoffen, dass die wirtschaftspolitischen Hilfsmassnahmen die Negativspirale brechen würden.

Baldegger betont: «Unsere Arbeitsmarktprognose war keineswegs extrem pessimistisch, sondern sie lag stets in ähnlichen Bereichen wie jene anderer unabhängiger Prognoseinstitute.»

Nachhaltige Trendwende?

Die neue Prognose betreffend Arbeitslosigkeit stimmt zwar zuversichtlich, dennoch liegt die Quote immer noch so hoch wie letztmals 1997 (siehe auch Grafik). Die Seco-Sprecherin betont, dass die Unsicherheit immer noch sehr gross ist und man aufpassen muss, nicht verfrüht den Aufschwung auszurufen. «Ob die jüngste Aufhellung wirklich schon den Beginn der nachhaltigen Trendwende bedeutet, ist derzeit noch offen. Bei vielen Unternehmen dürfte angesichts unterausgelasteter Kapazitäten noch für mehrere Quartale nur wenig Bedarf für Personaleinstellungen bestehen, zumal der Beschäftigungsabbau in der jüngsten Rezession ungewöhnlich mild verlief und somit die Personalbestände derzeit vielfach eher zu hoch sein dürften.» Bis viele neue Jobs geschaffen werden, dürfte es 2011 werden.

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