Nach den durch die USA herausgepressten UBS-Kundendaten gehen die Wogen hoch. Die SVP fordert eine Verankerung des Bankgeheimnisses in der Verfassung, FDP-Exponenten denken laut über Retorsionsmassnahmen nach, die SP will eine Abschaffung des Bankgeheimnisses in seiner alten Form. Die Aufregung zeigt: Der Finanzplatz Schweiz steht vor einer historischen Herausforderung. Die Bankiervereinigung als wichtigste Branchenvertreterin hat bisher die Methoden der USA kritisiert. Wie das Bankgeheimnis in die Zukunft geführt werden soll, haben die Verantwortlichen noch nicht deutlich gemacht. Nun meldet sich eine wichtige Stimme aus dem Gremium. Jacques Rossier (71) ist nicht-geschäftsführender Partner der Genfer Privatbank Lombard Odier Darier Hentsch und vertritt in der Bankiervereinigung die Interessen der Privatbanken. Rossier kennt die Anliegen der kleinen, auf die Vermögensverwaltung ausländischen Geldes spezialisierten Institute, die bisher stark von der rigiden Auslegung des Bankgeheimnisses profitierten. Diese sei zu überprüfen, sagt Rossier jetzt.

Wie soll die Schweiz auf den Druck auf ihr Bankgeheimnis reagieren?

Jacques Rossier: Wir müssen uns auf eine realistische Rückzugslinie einigen. Nein zum automatischen Informationsaustausch, den die grossen EU-Staaten anstreben, Ja zur Amtshilfe auch bei Steuerhinterziehung. Diesen Weg geht Liechtenstein mit den USA.

Die USA hätten uns erpresst, sagen Politiker, das soll gerächt werden. Eine clevere Strategie?

Rossier: Die USA sind ein imperialistischer Staat, und ein kleines Land wie die Schweiz muss, wenn es hart auf hart geht, unten durch. Wir haben das in den 1990er Jahren bei den nachrichtenlosen Vermögen gesehen.

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Das Klumpenrisiko UBS gefährdet Rechtsstaat und Bankgeheimnis. Warum sagt niemand «Halt»?

Rossier: Lange lachten wir über Warnungen, die Grossbanken seien riskant für das Land. Jetzt merken wir, wie brandgefährlich das Missverhältnis ist. In Deutschland ist der Marktanteil der Deutschen Bank viel kleiner als jener der UBS in der Schweiz.

Was muss geschehen?Rossier: Alle Involvierten prüfen Alternativen und denken in Szenarien. Doch viele Optionen gibt es nicht. Vielleicht versuchte die UBS, ihr US-Geschäft zu verkaufen, nur wollte es wohl niemand.Ist UBS-CEO Marcel Rohner noch tragbar?

Rossier: Marcel Rohner ist ein guter Freund von mir, er macht das Menschenmögliche. Aber «it happened on his watch», er trug die Verantwortung in der Vermögensverwaltung, als die Fehler im US-Offshore-Geschäft passierten. Doch wer soll ihn ablösen?

Wann haben Sie vom Deal zwischen der Schweiz, der UBS und den US-Behörden erfahren?

Rossier: Konkretes verriet uns niemand, Bern war zugeknöpft, bei der UBS herrschte tiefes Schweigen. Aus US-Anwaltskreisen erfuhren wir, dass im schlimmsten Fall ein Lizenzentzug drohte. Das wäre eine Katastrophe für die UBS und für die Schweiz gewesen. Zuletzt blieb halt nur ein rechtlicher Dreh mit den Amerikanern.

Hat Sie der Kniefall gegenüber den USA überrascht?Rossier: Ich hatte bis zuletzt auf den Rechtsweg gehofft. Aber wir spürten, wie die Amerikaner die Geduld verloren und Bundesrat Merz die Zeit zerrann.Gab es keinen anderen Weg?

Rossier: Herr Merz konnte Zeit schinden, die Steuerverwaltung stellte 40 zusätzliche Juristen ein, aber das zuständige Bundesverwaltungsgericht schaffte kein Ergebnis in der knappen Frist. Das bleibt mir unverständlich.

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