Steve Bernard, Direktor des Branchenverbands Genève Place Financière, versucht, sachlich zu bleiben. Doch seine Zufriedenheit darüber, dass der Finanzplatz Genf trotz der heftigen Diskussionen ums Bankgeheimnis und der Madoff-Affäre gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte, ist unübersehbar. Ein Grund für Bernards Optimismus liefert ausgerechnet London: Die City, zusammen mit New York die weltweite Nummer eins unter den Finanzplätzen, greift den Topbankern und Hedge-Fonds-Managern mit einer neuen Steuer tief ins Portemonnaie: Einkommen, die über 150000 Pfund betragen, werden neu mit 50% besteuert.

Von kompetitiv zu unattraktiv

Diese «Supertax», die in diesen Tagen in London in Kraft tritt, benachteiligt den britischen Finanzplatz und verunsichert die Industrie stark. Das Beratungsunternehmen KPMG in Grossbritannien hat die Löhne in acht Finanzzentren miteinander verglichen, in denen die Hedge-Fonds-Industrie tätig ist (siehe Tabellen). Bis anhin war London steuerlich wettbewerbsfähig. Jetzt ist die City aber für Einkünfte von über 500000 Pfund - Grundlohn und Bonus zusammengezählt - der unattraktivste Finanzplatz.

Die betroffenen Institute und die britischen Branchenverbände schlagen Alarm. Sie befürchten drei Nachteile: Dass der Finanzplatz London an Wettbewerbsfähigkeit einbüsst, dass die hochbezahlten Hedge-Fonds-Manager die Insel verlassen und dass künftig die gesuchten und gehätschelten Finanztalente, das Kapital der Industrie, einen weiten Bogen um London machen werden.

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Einer der Profiteure dieser Verunsicherung ist die Schweiz. Spricht man mit Wirtschaftsförderern und Finanzplatzvertretern aus Genf, Zürich und Schwyz, hört man überall dieselbe Antwort: Das Interesse der Hedge-Fonds-Manager an der Schweiz sei in den letzten Monaten sprunghaft angestiegen. Konkret haben bereits zwei Londoner Firmen je 50 Personen in Genf niedergelassen: BlueCrest Capital und Brewan Howard, der grösste britische Hedge-Fonds mit einem verwalteten Vermögen von 27 Mrd Dollar. Der Finanzbroker Tullett Prebon hat angekündigt, er werde sich darum bemühen, einen Teil seiner Angestellten in die Schweiz, nach Bahrain und Singapur zu verschieben.

Cataldo Castagna, Partner und Leiter Asset Management bei Ernst & Young Schweiz, bestätigt diesen Trend: «In rund 20 Fällen haben wir einen möglichen Transfer von London in die Schweiz abgeklärt. Zwar wollen diese Firmen die City noch nicht verlassen, doch das unberechenbare regulatorische Umfeld und der steuerliche Druck haben stark zur Unsicherheit beigetragen.»

Standortförderer frohlocken

Die Stiftung Greater Zurich Area, die Standortmarketing für die Kantone Aargau, Glarus, Graubünden, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Zug und Zürich betreibt, ist dabei, diese Verunsicherung auszunützen. Im letzten September und im Februar hat sie in London vor der Hedge-Fonds-Community die Vorzüge der Zürichseeregion angepriesen. Joana Filippi, Vorsteherin des Amts für Wirtschaft des Kantons Schwyz, war an der Veranstaltung dabei. «Das Interesse war gross», sagt sie. Die Ortschaft Präffikon SZ sei in der Branche ein Begriff, das helfe. Man Investments, Horizon21, LGT Capital Management und der Hedge-Fonds-Pionier Rainer-Marc Frey geniessen weltweit einen erstklassigen Ruf und haben zur Cluster-Bildung am oberen Zürichsee beigetragen. Konkrete Zahlen über Zuzüge kann Filippi zwar noch nicht nennen - doch die tiefen Steuern in den Kantonen Schwyz und Zug haben die Londoner sichtlich beindruckt.

Doch die Standortförderin relativiert: «Lassen sich Hedge-Fonds-Manager bei uns nieder, dann primär, weil das Gesamtpaket stimmt - und nicht nur wegen der Steuern.» Ebenso wichtig sind laut Filippi die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften, die Infrastruktur, der unkomplizierte Umgang mit den Behörden (Arbeitsbewilligungen), das stabile politische und steuerliche System, die Einbettung in den Finanzplatz Zürich, die Nähe zum Flughafen, das internationale Umfeld sowie die hohe Lebensqualität.

Trümpfe für die Schweiz

Bernard zückt für die Genferseeregion die gleichen Trümpfe und weist auf einen anderen Punkt hin. «Die Hedge-Fonds-Industrie ist nicht erst seit der neuen Steuer auf die Schweiz aufmerksam geworden. Die Standorte Genf, Zürich, Pfäffikon und Zug werden seit Längerem analysiert und evaluiert.» Ursache ist das sich stark ändernde regulatorische Umfeld seit Ausbruch der Finanzkrise. Ausserdem wurde die Hedge-Fonds-Industrie gerne als Wurzel jeglichen Übels gebrandmarkt. Politiker jeder Couleur sind gerne auf diesen Zug aufgesprungen.

Castagna, der die Entwicklung der Hedge-Fonds-Industrie genau verfolgt, erwartet für dieses Jahr noch nicht eine massive Abwanderung in die Schweiz. «Doch in den nächsten Jahren wird mit dem Inkrafttreten der neuen Direktive AIFMD der Transfer zunehmen.» Hedge-Fonds-Manager seien sehr mobil und können London zu jedem Zeitpunkt verlassen. «Sollten ihre Anlagevehikel fast wie Bankprodukte reguliert werden, was der Hedge-Fonds-Philosophie genau widerspricht, dann ziehen die Konstrukteure und die Manager der Hedge-Fonds ihre Konsequenzen.» Das allgemeine Misstrauen gegenüber der Industrie sei in der EU, so Castagna, deutlich spürbar.

Verdoppelung der Arbeitsplätze

Für den Finanzplatz Schweiz bietet sich nun die Chance, ein attraktiver Standort für die Hedge-Fonds-Industrie zu werden. London wird zwar unbestrittene Nummer eins bleiben, doch dürfte die City einen Teil des Kuchens abgeben. Gemäss dem Branchenverband, der Swiss Funds Association, arbeiten in der Schweiz rund 5000 Personen für die Hedge-Fonds-Industrie. Castagna geht davon aus, dass sich diese Zahl in den nächsten Jahren verdoppeln wird.

NACHGEFRAGT

Eric Syz, Mitbegründer und General Manager der Bank Syz & Co., Genf und Zürich

«Keine feindliche Stimmung wie in London»

Welche Konsequenzen hat die neue Steuer in London auf die Hedge-Fonds-Industrie?

Eric Syz: Die betroffenen Firmen und die Manager werden ausweichen und sich an jenen Standorten niederlassen, wo ihnen nicht derart viel Misstrauen und Feindseligkeit entgegengebracht wird.

Und die Schweiz ist ein solcher Standort?

Syz: Absolut. Die Arbeitsbedingungen hier sind exzellent, ebenso das steuerliche Umfeld. Die Regulierungen sind für die Finanzindustrie freundlich und die Lebensbedingungen am Genfersee und am Zürichsee hervorragend. Kommt hinzu, dass sich in der Schweiz eine grosse Anzahl von Hedge-Fonds-Kunden befinden, besonders in Genf.

An wen denken Sie?

Syz: An Schweizer Privatbanken wie Pictet, Lombard Odier, Mirabaud oder die Union Bancaire Privée, die seit Jahren Hedge-Fonds anbieten. Ich denke aber auch an ausländische Privatbanken wie HSBC oder Goldman Sachs sowie an RMF, aber auch die Grossbanken. Im Zuge der Finanzkrise ist die Nähe zum Kunden wieder ein wichtiger Faktor geworden. Auch das spricht dafür, dass sich die Londoner Hedge-Fonds für die Schweiz interessieren und sich in den nächsten Jahren in grösserer Zahl hier niederlassen werden.

Wie reagieren die Schweizer Behörden auf die wachsende Hedge-Fonds-Industrie in Genf?

Syz: Im Gegensatz zum Ausland, wo die Hedge-Fonds-Industrie sehr unfreundlich behandelt wird, reagieren die Schweizer Behörden konstruktiv. Ich spüre keine feindliche Stimmung wie in London oder in Paris. In Genf haben wir den Vorteil, dass der für die Finanzen zuständige Regierungsrat, der Grüne David Hiler, grosses Verständnis für die Hedge-Fonds hat und vor allem erkennt, dass sie ein echter Pluspunkt für den Finanzplatz Genf sind und wirklich eine Bereicherung bieten. Das kann man leider nicht von allen Genfer Politikern sagen, egal ob sie rechts oder links sind.

Wieso nicht?

Syz: Genf hat ein Infrastruktur-Problem. Es fehlen Wohnungen und Büroflächen. Die Politik sollte sich endlich durchringen, dieses Problem schnell anzupacken, und gewisse Gebiete wie La Praie, wo die Bank Pictet ihren neuen Hauptsitz erstellt hat, zum Überbauen freigeben. Der Kanton Waadt hat dieses Defizit erkannt und lockt die Neuzuzüger an. Nyon ist gegenwärtig die am stärksten wachsende Stadt der Schweiz. Genf bietet ein sehr attraktives Umfeld für die Finanzbranche, darf diesen Vorteil aber nicht leichtfertig aus der Hand geben.

Das Image der Hedge-Fonds hat in der Finanzkrise und nun mit der Griechenlandkrise gelitten. Ist das nicht ein Nachteil für Genf?

Syz: Überhaupt nicht. Die «Heuschrecken»-Debatte ist nichts anderes als billige Stimmungsmache. Es sind nicht die Hedge-Fonds, die Griechenland in die Knie gezwungen haben, sondern die Griechen selbst mit ihrer Miss- und Schuldenwirtschaft. Hedge-Fonds hatten in der Krise besonders mit der fehlenden Liquidität zu kämpfen. Natürlich hat der Ruf der Finanzbranche in der Krise gelitten, aber die Hedge-Fonds haben im Gegensatz zu den Grossbanken weniger an Reputation verloren.