Verschiedene US-Banken haben mit ihren Zahlen zum 1. Quartal positiv überrascht. Damit sind Hoffnungen aufgekommen, dass im Finanzsektor das Schlimmste überstanden ist. Zu Recht?

Norbert Walter: Wenn der Finanzsektor das Schlimmste noch nicht überstanden hätte, wäre es schlimm. In vielen Fällen liegt die Kursbewertung bei einem Zehntel des Vorjahreswertes. Nach dieser dramatischen Kapitalvernichtung und der Verminderung von Geschäftsvolumina vermute ich, dass es jetzt Bodenbildung gibt. Das trifft aber nur für Einrichtungen im Bankenbereich zu, die eine Market-to-market-Bilanzierung haben, also zeitnah zu Marktpreisen bewerten.

Wo ist der Boden noch nicht erreicht?

Walter: Ich befürchte, dass es beispielsweise bei Versicherungen noch Bewertungsabschläge geben wird. Investmentbanken haben dagegen bereits 2007 und 2008 die Prügel in hoher Dosis abbekommen. Bei Versicherungen legen es die Bilanzierungsvorschriften nahe, mit den Bewertungen nicht so zeitnah zu sein. Ausserdem werden bestimmte Geschäfte weniger ertragreich: Die Kunden nehmen erst mit Verzögerung wahr, dass sich wichtige Rahmenbedingungen ungünstig verändert haben, wie etwa die Verminderung der Rendite bei Lebensversicherungen.

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US-Präsident Barack Obama sagte jüngst, der Weg aus der Rezession sei zwar noch weit, er sehe aber Licht am Ende des Tunnels. Sie auch?

Walter: Mit gewissen Vorbehalten - ja. Der dramatische Einbruch der Rohstoffpreise hilft gerade jenen Ländern, die für die Weltkonjunktur besonders wichtig sind. Unterstützend wirkt auch die beträchtliche Senkung der Zinssätze. Zwar gibt es gewisse Wirkungsverzögerungen, aber die Kombination von Rohstoffpreissenkungen und Zinssenkungen sowie von vergleichsweise grossen Konjunkturprogrammen in vielen Ländern sollte zusammengenommen im Jahre 2010 stabilisierend wirken.

2009 geht es weiter abwärts?

Walter: 2009 halte ich für ein verlorenes Jahr. Auch deshalb, weil nicht alle bei der Geldpolitik entschlossen genug reagiert haben. Im Nachhinein wissen wir, dass die europäische Zentralbank zu langsam war. Bei der Fiskalpolitik waren die Regierungsmassnahmen nicht genügend fokussiert: So wurden etwa unter dem Namen «Konjunkturpaket» Massnahmen ergriffen, die eigentlich der Stärkung des Wachstumstrends dienen. Viele der Massnahmen können wegen der langen Planungs- und Umsetzungszeit nur mit Verzögerung wirksam werden. Und damit haben wir unglücklicherweise Zeit verschenkt

Was hätte man besser machen können?

Walter: Es hat keine Koordination zwischen den Ländern stattgefunden. In mehreren Staaten wurden zum Teil effektive Massnahmen umgesetzt. Wären alle diese schnell wirksamen Massnahmen gleichzeitig angekündigt und in allen kooperierenden Ländern durchgeführt worden, hätten wir möglicherweise schon viel früher eine Stabilisierung erreicht - ohne diesen brutalen Absturz bei Aufträgen und in der Produktion. Aber die Milch ist schon verschüttet.

Dennoch erwarten Sie 2010 eine Erholung der Konjunktur. Weltweit oder erst mal in den USA?

Walter: Die Argumente sprechen für eine weltweite Erholung. Die niedrigen Rohstoffpreise und die Zinssenkungen gelten für alle. Die Konjunkturprogramme sind unterschiedlich. Die USA und die Chinesen haben die grössten Pakete verabschiedet. Doch diese Erholung verbreitet sich über den Kanal des Welthandels relativ schnell auch in Länder, die selbst nichts getan haben. Diese können durchaus als Trittbrettfahrer bezeichnet werden. Den Amerikanern wird zwar vorgeworfen, sie sollten nicht mehr so viel konsumieren. Will die Weltkonjunktur jedoch auf die Beine kommen, muss irgendjemand konsumieren und investieren.

Wird die Konjunktur in Europa verzögert zu jener in den USA wieder anziehen?

Walter: Ich bin nicht mal sicher, dass das verzögert passiert. Aber der Schub kommt eher aus Asien - also aus China - und den USA als aus Europa.

Die USA werden wieder die Lokomotive der Weltkonjunktur sein?

Walter: Ja. Deshalb wird es auch schwer werden, das grosse Leistungsbilanzdefizit ausreichend zu verringern.

Wie lautet Ihre Konjunkturprognose für die Schweiz? Wie steht sie im Vergleich mit Europa da?

Walter: Die Schweiz ist stark betroffen durch die hohe Konzentration auf den Finanzsektor. Zudem ist sie vor allem durch die starke Internationalisierung von Maschinenbau und chemischer Industrie - wegen der ausgeprägten Pharmaorientierung freilich etwas abgeschwächt - betroffen. Im Vergleich zu vielen Ländern (Spanien, England) hat die Schweiz indes weder bei Immobilien noch beim privaten Verbrauch Exzesse zu korrigieren. Insgesamt hat das aber die Schrumpfung des Sozialprodukts nur wenig dämpfen können.

Wird die Schweiz 2010 dennoch wieder wachsen?

Walter: Es kann meiner Einschätzung nach eine Erholung geben. Aber meine Vorstellung einer Erholung ist nicht die einer v-förmigen Entwicklung. Die Schweiz befindet sich in einem breiten, u-förmigen Gletschertal. Ein weiteres Abrutschen ist aber nicht zu erwarten.

Das Bankgeheimnis bleibt der Schweiz nur in einer gelockerten Form erhalten. Was bedeutet das für den Bankenplatz Schweiz?

Walter: Es bleibt dabei, dass es in der Schweiz mehr Diskretion gibt als in anderen Ländern. Es gibt freilich eine Menge persönlicher Vertrauensbeziehungen, die nach diesen Ereignissen beschädigt sind. Aber viele etablierte Beziehungen halten durchaus auch nennenswerte Belastungen aus. Das heisst: Die Schweiz verliert relativ, ja. Aber die Vorstellung, dass die Schweiz ein Ort sein wird, an dem der Finanzsektor eine kleinere Bedeutung haben wird als jener in Deutschland, ist kindisch. Das wird nicht eintreten.

Um wie viel wird der Schweizer Finanzsektor schrumpfen?

Walter: Der Schweizer Finanzsektor schrumpft bereits. Das betrifft nicht nur die UBS und die CS, sondern auch viele kleinere Institute. Der Finanzsektor war mit 12 bis 13% Wertschöpfungsanteil auch für ein Land wie die Schweiz zu gross. Ich würde sagen, der Anteil des Finanzsektors kann schon unter 10% sinken - aber natürlich nicht auf 5%.

Wird die Schweiz beim Bankgeheimnis noch weitere Zugeständnisse machen müssen?

Walter: Wie sich diese internationale Debatte weiterentwickelt, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass die Art, wie Bürgerliche in der Schweiz zu diesem Thema denken, von den wichtigsten Protagonisten komplett anders gesehen und empfunden wird. Und die wichtigsten Protagonisten sind nicht jene in Berlin. Die sind ein bisschen wild und nicht immer kontrolliert in der Wahl ihrer Sprache. Wichtig sind aber die Amerikaner. Und die Amerikaner sind komplett unempfindsam im Hinblick auf «bürgerliche Freiheiten» und die Bedeutung föderaler Strukturen. Deshalb bin ich in Sorge, dass das, was jetzt in der Schweiz eingeräumt wurde, nicht das Ende der Fahnenstange ist.

Sie persönlich sind auch in Sorge darüber?

Walter: Darüber, was ich mir wünsche, bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich ärgere mich als ehrlicher Steuerbürger schon, dass es anderen ermöglicht wird, dieser Grundauffassung nicht zu entsprechen. Auf der anderen Seite ist es völlig legitim, dass wir politische Kräfte haben, die auf eine erträgliche Steuer- und Abgaben-belastung hinwirken. Aber nicht durch die Erhöhung der Ausweichmöglichkeiten, sondern durch eine offensive bürgerliche Debatte über die richtige Steuerpolitik.

Eine diplomatische Antwort.

Walter: Ich wollte andeuten, dass ich zumindest verstehe, dass man denjenigen, die ihre Steuern in ihren Ländern nicht bezahlen, durchaus böse sein kann. Wir wollen ja alle eine ordentliche Infrastruktur haben, die auch bezahlt werden muss. Das geht nun mal nur durch Steuern und Abgaben. Vielleicht bin ich ein Idealist, und wenn ich noch ein bisschen älter werde, werde ich vielleicht noch schweizerischer.

Die Äusserungen des deutschen Finanzministers Peer Steinbrück haben in der Schweiz für grossen Ärger gesorgt. War das in Deutschland auch so ein dominierendes Thema?

Walter: Nein, überhaupt nicht. Ich selber habe versucht, eine gewisse Wachsamkeit zu entwickeln. Die deutsche Öffentlichkeit ist für die Befindlichkeiten der Schweizer nicht sensibel. Was ich bedauerlich finde. Ich habe dies auch durch eigene Beiträge nicht ändern können.

Der Finanzsektor schrumpft. Welche Sektoren sind mögliche Alternativen?

Walter: Ich würde vermuten, dass es eher der Dienstleistungsbereich ist. Dass die Schweiz wieder zum Maschinenbauzentrum der Welt wird oder dass die Chemieindustrie wieder an Bedeutung gewinnt, halte ich für wenig plausibel. Die Schweiz hat in Bezug auf Bildungseinrichtungen schon viel erreicht. Dieser Sektor könnte an Bedeutung zunehmen. Neben der Konzentration auf Matura und Universität könnte Weiterbildung ein interessantes Feld werden.

Kommen noch andere Sektoren in Frage?

Walter: Warum entwickelt sich die Schweiz nicht zum weltweiten Kompetenzzentrum für Schienenverkehr? Warum basteln die Schweizer immer nur ihre eigenen Eisenbahnen? Stattdessen sollten sie Cheflogistiker werden für die europäischen Eisenbahnen. Stellen Sie sich vor, die Schweizer ergreifen die Initiative, aus Europa ein vereinigtes Schienenland zu machen. Die Schweiz kann dazu wichtige Beiträge leisten, indem sie die Nord-Süd-Verbindungen, die ja nicht so übermässig gut sind, verbessert. Um dies zu verwirklichen, braucht man nicht nur die entsprechenden Departements in Bern, sondern auch Logistikunternehmen wie Kühne + Nagel.