Herr Hess, stets haben Sie auf den Swissmem-Tagungen über die wirtschaftliche Lage der MEM-Branche referiert. Dieses Jahr sparen Sie diesbezüglich mit Worten und reden von Innovation. Wollen sie von der schwierigen Lage der MEM-Industrie ablenken?
Hans Hess: Nein. Aber ich bin überzeugt, dass Innovation der vielversprechendste Weg ist, wie die Firmen mit ungenügender Ertragslage aus dieser schwierigen Situation herauskommen. Wenn Unternehmen durch Investitionen in Innovation den Kundennutzen steigern, dann können diese auch die Preise erhöhen und gleichzeitig die Kosten senken. Das steigert wiederum die Margen. Denn wegen der massiven Aufwertung des Frankens 2011 und 2015 sind vielerorts die Margen geschmolzen wie Schnee in der Sonne. Nicht einmal die Hälfte der MEM-Unternehmen macht heute die Gewinne, die sie bräuchten, um genügend in die Zukunft zu investieren.

Sie machen gute Miene zum bösen Spiel. Grosse Firmen haben den Frankenschock längst verdaut oder hatten nie wirklich ein Problem damit. Kleinere Unternehmen hingegen beklagen Gewinnrückgänge, die nicht mehr aufzuholen seien. Wurde den grossen Firmen der Hof gemacht und auf die KMU vergessen?
Grosse Firmen haben Auslandsstandorte und das Instrument des Hedging, um einen finanziellen Ausgleich für sich zu schaffen und haben daher die Frankenstärke grossteils verwunden. Kleinere Unternehmen mit um die 50 bis 250 Mitarbeiter schlagen sich noch wacker, weil auch sie oft Standorte oder Partnerschaften im Ausland haben. Aber die kleinen Unternehmen sind in einem Teufelskreis gefangen, aus dem nur Investitionen und Innovation ein Befreiungsschlag wären.

Das Problem ist ja, dass die kleinen Unternehmen sich aufs Tagesgeschäft konzentrieren müssen und im Moment schlicht nicht genug verdienen, um es in Innovation zu investieren.
Das hängt vom Unternehmen, vom Produkt und von der Marktaufstellung ab. Gewisse Zuliefer-KMU haben das Problem, dass sie sich auf dem Markt nicht genügend differenzieren können. Innovation von Prozessen und Geschäftsmodellen ist auch für sie eine der besten Möglichkeiten, sich wieder zu differenzieren und Geld zu verdienen.

Indem Sie die angewandte Forschung im Unternehmenssektor so forcieren, droht möglicherweise die Förderung der Grundlagenforschung auf der Strecke zu bleiben. Ein Bärendienst für den Standort Schweiz?
Es braucht beides – grundlegende und angewandte Forschung. Man muss aber eher aufpassen, dass die Grundlagenforschung nicht viel stärker gefördert wird als die angewandte Forschung. Das Hauptproblem ist, dass der Wissens- und Technologietransfer von den Universitäten zu den Unternehmen nicht schnell und nicht nachhaltig genug funktioniert.

Jüngst hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die Konjunkturprognose für die Schweiz publiziert: ein Rückgang des Wirtschaftswachstums von 1.6 auf 1.4 Prozent in diesem Jahr. Ein Problem für die MEM-Industrie?
Für die Schweizer MEM-Industrie wird das eher wenig Auswirkungen haben. Unsere Exportquote liegt bei 80 Prozent. Rund 27 Prozent davon gehen nach Deutschland, 14 Prozent in die USA und 6 Prozent nach China. Für uns ist die Schweizer Konjunktur daher nicht so entscheidend.

Präsident Trump will US-Firmen in der Kohle-, Gas- und Erdölbranche fördern. Werden Schweizer Firmen etwas davon haben?
Schweizer Zulieferer im Sektor Öl und Gas werden davon profitieren. Der Ausstieg aus dem Klimaabkommen in Paris ist hingegen bestimmt kein Booster für den Bereich Erneuerbare Energien, wo die Schweiz ja sehr stark ist. In den letzten Jahren sind wir im Geschäft mit den USA jedes Quartal um 5 bis 10 Prozent gewachsen.

14 Prozent Umsatz der MEM-Branche in den USA, das ist nicht wenig. US-Präsident Trump hat Wirtschaftsmassnahmen angekündigt, welche die Position der USA in der Welt stärken sollen: America first. Heisst das jetzt für Schweizer MEM-Firmen: Switzerland last?
Ein massiver Protektionismus der USA wäre für die Weltwirtschaft eine Katastrophe. Auch die Schweiz wäre negativ davon betroffen. Ob es so kommen wird, weiss ich allerdings nicht. In diesem Fall müssten wir halt nehmen, was wir kriegen können. Aber wir werden deswegen nicht untergehen. Man sollte nicht vergessen, dass wir gleich viel in die USA wie nach Baden-Württemberg exportieren, oder gleichviel nach Bayern wie nach China. Unser Schlüsselmarkt ist Deutschland, nicht die USA.

Im angelsächsischen Raum öffnet sich eine zweite Front für die Schweizer MEM-Industrie: der Brexit. Ist hier auch mit einem Rückschlag zu rechnen?
Der Brexit wird vollzogen, das ist meine Arbeitshypothese. Das Investitionsklima in Grossbritannien ist nicht gut und bei den Exporten der Schweizer Unternehmen nach Grossbritannien wurde dort die Handbremse gezogen, die Exporte sind im Schnitt seit Juni 2016 zweistellig zurückgegangen. Und mit dem schwachen Pfund sind wir mit unseren Exportprodukten im britischen Markt empfindlich teurer geworden. Aber auch das ist nicht das Ende aller Tage, das Vereinigte Königreich macht nur 4 Prozent unseres Exports aus.

Die Schweizer haben per Abstimmung für weniger Zuwanderung votiert. Ist das ein Problem für die MEM-Industrie, die von zugewanderten Arbeitskräften lebt?
Ja, das ist ein Problem. Aber von den 80‘000 Zuwanderern gehen nur 5 Prozent in die MEM Industrie. Allerdings werden wir auch in Zukunft nicht den gesamten Fachkräftebedarf mit Schweizern abdecken können. Wir brauchen qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland.

Schleusen auf?
Nein, es hängt davon ab, wie der Bundesrat den Volkswillen ausgestalten wird. In den nächsten Tagen wird dazu eine Verordnung in die Vernehmlassung geschickt. Wir setzen uns dafür ein, dass die Zuwanderung bei entsprechendem Bedarf liberal gehandhabt wird. Gleichzeitig wollen wir aber das Potenzial an Fachkräften in der Schweiz optimal ausnutzen.

Die für den Standort Schweiz so wichtige Unternehmenssteuerreform III haben die Schweizer Stimmbürger fürs erste gekillt. Was nun?
In einem zweiten Anlauf versucht es der Bundesrat jetzt mit der Steuerreform 2017. Es ist wichtig, dass die Kantone und Städte diesmal stärker mit einbezogen werden. Allerdings finden wir auch bei einem zweiten Anlauf, dass die deutliche Anhebung der Teilbesteuerung der Dividende schlecht wäre für familiengeführte Firmen. Zudem ist eine Erhöhung des Familienzuschlags eine artfremde «Versüssung» dieser Vorlage, die wir nicht unterstützen.

Wird der zweite Anlauf ähnlich langwierig und unverständlich werden wie der erste?
Wie auch immer die Lösung im Detail aussehen wird, wir brauchen sie rasch. Aber das Stimmvolk muss besser verstehen, was es konkret für die einzelnen Kantone und Gemeinden bedeutet.

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