Hermann Mathis verlässt zur späten Abendstunde seine Unterkunft im Vatikan. Mitglieder der Schweizergarde eskortieren den Chef der Glarner Firma Mathis Orgelbau auf seinem Weg durch die Gemächer. Die Treppen sind hoch, die Gänge mit den farbigen Marmorböden endlos. Nach zehn Minuten ist das Ziel erreicht – die Sixtinische Kapelle. Im Innern setzt sich Mathis an die Orgel und macht sich an die Arbeit. Zwei Stunden später, kurz nach Mitternacht, hat er jede einzelne Pfeife des Instrumentes neu gestimmt. «Während der Intonation wird dieser spezielle Ort für mich zu einer normalen Werkstatt», sagt Mathis, wenn er von seiner Arbeit im vergangenen November im Vatikan erzählt.

Jedes Jahr reist der 58-Jährige für Wartungsarbeiten nach Rom. Die Orgel in der prunkvollen Sixtinischen Kapelle mit den berühmten Deckenzeichnungen des italienischen Malers Michel­angelo hat seine Firma mit 20 Mitarbeitern im Auftrag des Vatikans konzipiert und ­gebaut. Seit 2002 steht sie in der Kapelle.

Das Unternehmen gehört weltweit zu den begehrtesten Orgelbauern. Seit der Firmengründung 1960 hat der Betrieb knapp 400 Instrumente hergestellt, die in Kirchen in Europa, Japan und Taiwan im Einsatz sind. «Diese Orgeln sind unsere Werbeträger», sagt Mathis.

Wenn im März nach dem Rücktritt des Papstes Benedikt XVI. ein Nachfolger gewählt wird, ist die Schweizer Orgel im Vatikan mit dabei. Die Kardinäle werden sich in die Sixtinische Kapelle zurückziehen, um sich für die Wahl zu beraten. Ob das Instrument in dieser Zeit gespielt wird, weiss Mathis nicht. «Die Kardinäle sind dann von der Aussenwelt hermetisch abgeriegelt.» Dennoch wird Mathis gespannt nach Rom blicken und die Worte «habemus Papam» abwarten, die die Papstwahl verkünden. Auch der neue Papst wird in den Genuss des Schweizer Kunsthandwerks kommen. Erste Kontakte zum Vatikan hatte die Firma bereits vor 40 Jahren. Vom damaligen Kaplan der Schweizergarde kam eine Anfrage für eine neue Orgel in der Kapelle der päpstlichen Leibgarde. Doch der Auftrag blieb aus, da die Stelle des Kaplans neu besetzt wurde. Der Kontakt brach ab. Erst zum Jahrtausendwechsel hin, nachdem Hermann Mathis 1992 die Geschäfte seines Vaters übernommen hatte, gelang es den Glarnern, mit dem Vatikan ins Geschäft zu kommen. Kurz darauf lieferten sie eine Orgel für die Schweizergarde.

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Von der musikalischen Visitenkarte der Glarner war auch der damalige vatikanische Zeremonienmeister Piero Marini begeistert. So sehr, dass er im Jahr 2000 bei Mathis eine Offerte für den Bau einer neuen Orgel in der Sixtinischen Kapelle einholte. Ein paar Monate später erfolgte der Zuschlag aus Rom. «Noch am selben Tag stand ich mit dem Vertrag im Vatikan», erzählt Mathis stolz.

In monatelanger Feinarbeit wurden in Näfels gut 790 Pfeifen von Hand produziert und das Holzgerüst gebaut. Für die Schnitzereien, welche den Oberbau der Orgel zieren, engagierte Mathis eine re­gionale Firma. Ende 2002 wurde das Ins­trument nach Rom verfrachtet. Die folgenden Nächte verbrachte Mathis bis in die frühen Morgenstunden in der Sixtinischen Kapelle. «Die erste Intonation ­beanspruchte gut drei Wochen», sagt ­Mathis.

Die vatikanischen Organisten spielen das 4 Tonnen schwere Instrument jedes Jahr bis zu 20 Mal bei Zeremonien und Gottesdiensten. Auch bei der Papstwahl im Jahr 2005 begleiteten die Klänge der Orgel den Einzug der Kardinäle in die Kapelle. «Das habe ich damals am TV hören können», erzählt Mathis.

Orgeln zu Dumpingpreisen

Abhängig von der Grösse baut die Firma bis zu vier Instrumente pro Jahr. Sie kosten zwischen 50000 und 2 Millionen Franken. Das Instrument für die Sixtinische Kapelle kostete eine halbe Million Franken – finanziert von einer liechtensteinischen Stiftung. «Viele Gegenstände im Vatikan sind Schenkungen», sagt Mathis. Der Jahresumsatz der Firma liegt bei rund 3 Millionen Franken. Gut ein Fünftel erwirtschaftet Mathis mit Wartungsarbeiten. Teuer beim Orgelbau sind die Arbeitsstunden, während die Materialkosten verhältnismässig klein sind. «Mit 70 bis 80 Prozent Lohnanteil verkaufen wir praktisch nur noch Arbeitszeit», sagt Mathis. Das Holz stammt vorwiegend aus den Bündner Wäldern. Für die Eigenproduk­tion der Pfeifen kauft er Zinn und Blei ein. «Wir arbeiten heute noch so wie vor 300 Jahren.»

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Aufträge generiert Mathis vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Mit guter Qualität und eigenständigem Klangcharakter der Orgeln will er mit der harten Konkurrenz mithalten. In der Schweiz gibt es rund 20 hochwertige Orgelbauer, die Produzenten im Ausland bieten ihre Ins­trumente zu Dumpingpreisen an. Zudem sinkt die Nachfrage. «Der Markt ist gesättigt.» Ein grosses Geschäft wittert er in Südamerika. Die Kirchen dort hätten Nachholbedarf. Kein Wunder – über ein Drittel aller Katholiken wohnt auf dem Kontinent. «Deshalb würde es sinnvoll sein, wenn der nächste Papst aus einem solchen Land kommen würde.»