Gratulation zu Ihrer Wahl zum Unternehmer des Jahres: Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg - immerhin ist Ihr Resort in Andermatt noch lange nicht fertig. Erst 2013/14 werden die ersten Bauten sukzessive eröffnet.

Samih Sawiris: Es hat sicher damit zu tun, dass Orascom Development seit ihrer einzigen Krise - das war in den 1990er-Jahren - konsequent auf Sicherheit ausgerichtet ist: Weniger Risiko und weniger Tempo, dafür nachhaltiges Wachstum. Dies hat sich gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise einmal mehr als die richtige Strategie erwiesen und wird nun auch anerkannt. Trotz Krise weisen wir erneut Wachstum aus und zwar in jeder Beziehung. Ich denke, dass dies der Grund für meine Wahl ist, also meine Leistung als Unternehmer und nicht die Geschichte um Andermatt.

2008 schafften Sie es aus dem Stand auf den dritten Platz. Nun haben Sie die Wirtschaftsjournalisten zuoberst aufs Podest gehievt. Wie haben Sie das gemacht?

Sawiris: Letztes Jahr waren sie vermutlich beeindruckt, aber noch nicht vollends überzeugt, dass meine Pläne realistisch sind. Ich habe schon damals erklärt: Orascom ist gut vorbereitet, eine Krise kann uns nichts anhaben. Dies hatten die Wirtschaftsjournalisten mit Zweifeln aufgenommen. Inzwischen wurden die Skeptiker eines Besseren belehrt.

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Wie wichtig war dabei der Spatenstich am 26. September 2009 in Andermatt?

Sawiris: Für die Aussenwelt war er wichtig. Für uns intern weniger, wir sind ja schon längst am Werk. Bislang haben wir 40 Mio Fr. ins Projekt investiert. Der Spatenstich zeigte der Öffentlichkeit, dass wir tatsächlich bauen und nicht bloss planen.

Sie sind primär Investor. Was macht für Sie den guten Unternehmer aus?

Sawiris: Ich bin primär Unternehmer. Investieren gehört dazu. Der gute Unternehmer kümmert sich voll um das Gedeihen seiner Firma. Dabei hat er immer deren langfristige Entwicklung im Visier. Ein guter Unternehmer nimmt - fast wie eine Regierung - eine mehrfache Verantwortung wahr: Gegenüber den Aktionären, den Mitarbeitern, den Gemeinden, und dies sofort. Nur wer unter Berücksichtigung all dieser Aspekte eine nachhaltig gute Leistung erbringt, ist ein guter Unternehmer. Projekte zu realisieren, die etwa der Umwelt schaden oder funktionierende soziale Strukturen zerstören, sind für mich kein Ziel, egal was für Gewinne sie abwerfen.

Zum Unternehmertum gehört Wagnis: Wo haben Sie schon Geld in den Sand gesetzt?

Sawiris: Geld in den Sand zu setzen, heisst nicht unbedingt, dass es für immer verloren ist. Ich habe ein paar Mal Projekte angefangen, bei denen ich feststellen musste, dass wir zu früh waren. Wir lassen solche Projekte nicht sterben, sondern erhalten sie zu tiefen Kosten am Leben. Wenn die Zeit reif ist, treiben wir sie voran und haben wieder ein gutes Geschäft.

Scheuen Sie das Risiko?

Sawiris: Tatsächlich gehe ich nicht gerne Risiken ein. Ich kaufe fast nie bereits bestehende Immobilien, weil das Risiko einer späteren Wertminderung höher ist. Ich entwickle meine Projekte lieber von null auf selbst, weil so weniger Gefahr besteht, dass der Wert, den wir bezahlen, nicht erhalten bleibt. Mehr als 2 Fr. pro m2 gibt es von uns in der Regel nicht. Bauland, das man praktisch zum Nulltarif kauft, kann gar nicht viel an Wert verlieren.

Auch für Andermatt haben Sie pro m2 nicht mehr als 2 Fr. ausgegeben?

Sawiris: Dort sind es mittlerweile mehr als 2 Fr. pro m2, weil wir schon viel Geld ausgegeben haben. Andermatt muss klappen, sonst haben wir wirklich Geld in den Sand gesetzt. Aber ich sehe keinen Grund, daran auch nur im Geringsten zu zweifeln.

Was macht Sie so sicher, dass es klappt?

Sawiris: Weil ich diesen Film schon mehrmals gesehen habe und alle Szenen auswendig kenne. Es besteht kaum ein Unterschied zu unseren anderen Projekten. Bei der Gründung von El Gouna hatten mich die Leute ausgelacht, weil ich mitten im Niemandsland am Roten Meer eine Stadt entwickeln wollte - 20 Jahre später ist es die beliebteste Destination Ägyptens. Ähnliches gilt nun für Aqaba in Jordanien oder Ras Al Khaimah in den Emiraten. Diese Skepsis beeindruckt mich nicht. Die Leute denken einfach zu wenig langfristig.

Andermatt liegt nicht am Meer.

Sawiris: Andermatt mag zwar heute nicht die attraktivste Destination für alpine Ferien sein, aber das heisst längst nicht, dass mit all unseren Vorbereitungen und Ausführungen dieser Ort nicht irgendwann interessanter sein wird als etablierte Ferienorte in den Bergen. Wir kommen mit neuem Geld und neuen Zutaten für eine komplett neue Destination.

Orascom geht quasi unbeschadet durch die laufende Krise. Wie machen Sie das?

Sawiris: Indem wir grundsätzlich keine finanziellen Risiken eingehen. Wir nehmen keine Projekte in Angriff, ohne genügend eigenes Kapital auf dem Konto zu haben. Villen bauen wir erst, wenn sie ab Plan verkauft sind. So vermeiden wir, unter Preisdruck zu geraten oder bereits entwickelte Orte zu kannibalisieren. Wir sind selbst in El Gouna nie auf vollen Touren gefahren, auch wenn der Markt Gelegenheit dazu geboten hätte. Wir verkaufen Jahr für Jahr bewusst nur eine limitierte Anzahl Immobilien. Dadurch halten wir das Angebot begrenzt. Und wir verkaufen nur an echte Nutzer, nicht an Spekulanten.

Wie lautet Ihr Trick?

Sawiris: Für mich gibt es eine ganz einfache ökonomische Devise: Auch wenn wegen einer Krise die Märkte einbrechen, wir also keine Immobilien mehr verkaufen und keine Gäste mehr in unsere Hotels kommen, muss die Gesellschaft genug eigene Mittel haben, um ein bis zwei Jahre voll weiterfahren sowie Zinsen und Saläre bezahlen zu können. Diese Sicherheit habe ich eingebaut, nachdem wir infolge der Krise in den 1990er-Jahren einmal fast pleitegingen. Das ist der Trick, wenn Sie so wollen. Zudem habe ich ein simples Lebensmotto, auch wenn es komisch klingt: Entscheide niemals heute, was nicht unbedingt entschieden werden muss, denn morgen bist du immer etwas weiser.

Profitieren Sie gar von der Krise?

Sawiris: Ja. Zum einen können wir mit Lieferanten bessere Preise aushandeln. Zum andern hat die Krise in unserem Geschäft die Spreu vom Weizen getrennt. Wir sind ein noch attraktiverer Partner geworden. In der Regel sind es Regierungen, die uns anfragen, einen Ort zu entwickeln.

Nichtsdestotrotz leiden andere Unternehmen extrem unter der Krise. Welche Lehren sollten Unternehmer daraus ziehen?

Sawiris: Man muss immer auf eine Krise vorbereitet sein, und zwar so, als ob sie morgen käme. Kommt sie nicht, dann hat man eben etwas mehr ineffizientes Geld auf der Bank. Das ist aber nicht das Ende der Welt. Der Drang, über Leverage möglichst viel herauszuholen, nur um kurzfristig gut auszusehen, hat dazu geführt, dass viele Firmen in der Krise stärker leiden. Ein bisschen Reserve ist immer gesund. Man weiss ja nie, ob man in der Wüste verloren geht. Dann braucht man Fett für die Zeit, bis man gefunden wird - auch wenn der Schlanke vorher besser aussieht.

Was muss die Schweiz tun, damit sie für Unternehmer noch attraktiver wird?

Sawiris: Die Schweiz ist ein sehr attraktiver Standort. Aber die Schweizer sollten aufhören, ständig negativ über ihr Land zu sprechen. Das ist das Einzige, was ich an ihnen bemängle. Im Kontakt mit Ausländern sind die Schweizer immer extrem selbstkritisch. Jene interpretieren das dann falsch: Nicht als Bescheidenheit, sondern sie beginnen zu glauben, dass die Schweiz tatsächlich so kompliziert und schwerfällig ist, wie diese gerne sagen.

Ihr Ratschlag?

Sawiris: Die Schweizer sollen aufhören, übertrieben bescheiden zu sein. Sie dürfen über das sprechen, was sie geschaffen haben - quasi aus dem Nichts, wenn man bedenkt, wie wenig natürliche Ressourcen das Land besitzt. Die Schweiz hat ja praktisch alles selbst entwickelt und erreicht.

Und was hat Sie als Unternehmer an der Schweiz positiv überrascht?

Sawiris: Dass die Leute in allen Schichten sehr weltoffen sind. Es wird behauptet, sie seien erzkonservativ. Das stimmt nicht.

Sie stammen aus Ägypten, sind aber ein koptischer Christ: Wie wurde in Ihrem islamischen Umfeld das Ja zum Minarett-Verbot in der Schweiz aufgenommen?

Sawiris: Die Muslime im arabischen Raum sind darüber traurig. Ich bin aber positiv überrascht, dass sie keine negative Reaktion zeigen. Im Endeffekt ist ein Minarett ja nur ein Symbol, das man ihnen in der Schweiz nun nicht mehr erlaubt - was für die Muslime unverständlich ist. Ich finde es schade, dass ein solcher Entscheid getroffen wurde. Viel besser wäre ein klares Nein gegen fundamentalistische Prediger in Moscheen. Danach hätte die Schweiz niemand kritisiert. Im Gegenteil: Der Wunsch existiert selbst bei uns, dass man den Fundamentalisten nicht mehr erlaubt, Hass zu predigen. So ein Votum wäre weit herum begrüsst worden. Es wäre ein positives Zeichen für die Welt gewesen und hätte die Schweiz in dieser Frage als Vorreiterin auf Platz eins gebracht.

Befürchten Sie deswegen Nachteile für Ihr Resort in Andermatt - etwa beim Verkauf von Immobilien an arabische Kunden?

Sawiris: Nein. Zudem werden unsere Kunden primär Europäer sein. Die Minarett-Abstimmung löst zwar kein Problem, macht aber deutlich, dass viele Leute im Westen Angst vor dem Islam haben.