Nein, der «Patron des Patrons» sei er beileibe nicht, sagt Jean-Daniel Pasche. «Wir können es am ehesten mit einer Familie vergleichen; von vielen Brüdern, da bin ich einer davon.» Denn über 500 Mitglieder zählt der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH) – vom Komponentenhersteller über den Uhrmacher bis hin zum Weltkonzern. Kaum ein anderer hat Kraft seines Amtes einen solch breiten Einblick in die Branche wie der 52-jährige Neuenburger Pasche.

Der Vertreter der Vielfalt

Und, Herr Pasche, wie geht es der Schweizer Uhr? Der Verbandspräsident lächelt, sagt zum einen «gut» und zum anderen: «Die Schweizer Uhr gibt es nicht, es gibt die Schweizer Uhren». Der Plural sei deshalb angebracht, weil die Vielfalt an Marken und Herstellern das Typische ist für den Wirtschaftsgürtel – den Jurabogen – zwischen Genf und Schaffhausen. Vor 30, 40 Jahren, da habe der Verband zuweilen einen einheitlichen Auftritt der Akteure unter dem Armbrust-Logo propagiert und entsprechend Promotion betrieben.

Heute, da sei dies unmöglich. «Der Auftritt am Markt geschieht individuell. Etwas anderes würde auch keinen Sinn machen. Ein Fashion Brand ist schliesslich keine klassische Komplikation, der Reichtum an Diversität in unserem Land ist explizit», so Pasche. Das gelte im Übrigen auch für die Besitzverhältnisse und die damit verbundene (Firmen-)Kultur, die einer Marke innewohne. «Schweizer Traditionsunternehmen befinden sich heute ebenso in Schweizer Händen wie in asiatischen, italienischen, spanischen oder deutschen. Wir als Verband verstehen uns vor diesem Hintergrund in erster Linie als Dienstleistungsbetrieb.»

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Als solcher setze man sich ein für die Interessen der Schweizer Hersteller – vorab im Ausland. Für die Reduktion von Handelshemmnissen wie Taxen und anderen Beschränkungen beispielsweise. «Bei einem Exportanteil von 95% können Sie sich vorstellen, welches Gewicht solchen Fragen zukommt», bemerkt Pasche. Für über 16 Mrd Fr. werden Schweizer Uhren exportiert.

Der Kämpfer für Swissness

Wir sitzen im Büro des Verbandspräsidenten im Herzen der Uhrenstadt Biel. 5. Stock –, Rue dArgent – Silberstrasse Nummer 6. Eine umfangreiche Sammlung von Uhren sucht man vergebens an den kargen Wänden seines Arbeitszimmers. Dafür trägt Pasche neben einer «Constellation» von Omega Zifferblätter zu Hauf auf seiner Krawatte. Gedruckte Reminiszenz an eine Industrie, die mit diesem Land verbunden ist, wie Käse, Schokolade und Berge es sind: «Sie können nicht von der Schweiz reden, ohne die Uhren zu erwähnen, und Sie können nicht von Uhren sprechen, ohne an die Schweiz zu denken. Entsprechend wichtig ist es, die Begriffe Swissness und Swiss made frei von Schaden zu halten.» Der droht dem Gütesiegel vor allem in Form von Fälschungen. «Genaue Zahlen zu eruieren ist ein Ding der Unmöglichkeit», führt Pasche aus, «aber 800 Mio Fr. dürften es schon sein, die der Schweizer Uhrenindustrie aufgrund von Markenpiraterie jährlich entgehen.» Dabei gelte es zwei Kategorien zu berücksichtigen: Zum einen Billig-kopien, bei denen der Käufer – Nationalrat und Unternehmer Ulrich Giezendanner aus Rothrist beispielsweise – davon ausgehen kann, dass es sich beim angebotenen Stück schon aufgrund des Preises nicht um ein Original handelt (im Falle Giezendanner wars eine billige Rolex-Fälschung), zum anderen um teure Kopien, die im Internet vielleicht nur 10% unter dem gängigen Preis des Originals angeboten werden und bei denen der Käufer annimmt, eine echte Rolex oder Blancpain erstanden zu haben.

«Im Endeffekt hat dies zur Folge, dass die Absatzzahlen bei gestandenen Uhrenmarken zurückgehen und, weit schlimmer, dass das Image darunter leidet.» Entsprechend würden Verband und Hersteller viel Geld investieren, um der Markenpiraterie dauerhaft den Riegel zu schieben.

Der Sohn eines Uhrmachers

Jean-Daniel Pasche weiss, wovon er spricht. Markenpatente und Produkteschutz sind ein Steckenpferd, das er einst in Diensten des Bundes gezügelt hat – Zügel, die er nach wie vor fest in den Händen hält, auch wenn seine Aufgabe heute eine andere ist als damals, zu Beginn seiner Berufslaufbahn. «Die Uhrenbranche hat mich in jungen Jahren nicht wirklich gereizt», erinnert er sich, «wenngleich ich von Haus aus einen direkten Bezug zur Materie gehabt habe, schliesslich war mein Vater gelernter Uhrmacher, arbeitete bei Omega und später im Kader der Swatch-Gruppe.»

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Der Vater auch war es, der ihm in Zeiten der grossen Krise geraten habe: «Mach alles, was du willst, aber geh bloss nicht in die Uhrenindustrie.» Damals waren die Beschäftigungszahlen in der Branche am Einbrechen, von einst 90000 auf gerade mal noch 27000 Stellen. «Wir allerdings hatten Glück. Aber ich habe damals manch einen Kollegen gehabt, dessen Vater in den 70er Jahren seinen Job verlor.»

Für den jungen Jean-Daniel war klar, dass er sein Auskommen in einer anderen Ecke der Arbeitswelt finden wollte. «Jus faszinierte mich damals sehr, und was den Bereich anbelangte, zog es mich in die Abteilung ‹Geistiges Eigentum›.» Ein Entscheid, der bei seinen Kollegen oft für Belustigung gesorgt habe. «‹Geistiges Eigentum›, fragten die schon mal und erkundigten sich, ob ich jetzt irgendwie spirituell tätig sei – oder in Spirituosen mache »

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Die 80er Jahre waren gerade angebrochen, als der im Val de Travers und in Biel aufgewachsene Neuenburger beim Bundesamt für Geistiges Eigentum anheuerte. Sogleich hatte er seine Flexibilität als Jurist unter Beweis zu stellen. «Jeweils eine Woche stand ich in Diensten des Amtes für Geistiges Eigentum, die nächste dann war ich in einer Arbeitsgruppe tätig, die Asylgesuche zu prüfen hatte.» Das Thema Asyl sei damals noch kaum ein solches gewesen, entsprechend habe auch keine eigenständige Behörde zur Behandlung der Gesuche bestanden. Pasche: «Die Tätigkeit hat mir den Blick geöffnet, sie hat mir aber auch die eine oder andere schlaflose Nacht beschert.» Schliesslich sei es immer um menschliche Schicksale gegangen. Die Wahrheit zu ermitteln, sei nicht immer ganz einfach gewesen. Ein Jahr Bestand hatte der Spagat zwischen den zwei Aufgaben letztlich, dann entschied sich der junge Jurist definitiv für die Schiene Geistiges Eigentum.

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Der Freizeitmensch und Real-Fan

Welche Bedeutung hat Zeit für Sie? Pasche, Vater zweier erwachsener Kinder, muss nicht lange überlegen: «Es ist sehr wichtig, Zeit für sich selber zu haben. Das wird einem aber meist erst mit den Jahren klar, wenn man älter wird; denn zum einen sind da die Ausbildung, später der Beruf, die viel Aufwand verlangen, zum anderen gibt es die Familie, für die man auch da sein will – ich habe inzwischen gelernt, mir diese freie Zeit ganz bewusst zu gönnen.» Dann geht es ins Fitness-Center oder auf die Ski, wird gelesen oder im familieneigenen Garten beim Säen und Jäten mitangepackt. Und, wenn die Zeit reicht, schaut der ehemalige Verteidiger des FC Biel auch gerne auf den Fussballplätzen der Region vorbei. Sein Herz, das schlägt für Real Madrid. Und wie es sich für einen Neuenburger gehört, für Xamax.

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Emotionen auf dem Sportplatz, Emotionen auch am Handgelenk. Uhren sind für Pasche mit Emo- tionen verbunden. «Nur weil sie die Zeit anzeigt, kauft sich heutzutage doch kaum jemand mehr eine Uhr.» Mit dem Zeiger mitticken würden immer auch Image und – vor allem – Emotionen. Pasche hat diese Emotionen. X-fach vervielfältigt. Sie zieren seine Krawatte, baumeln an seinem Handgelenk und liegen zuhause, 40 Stück, zusammengestellt zu einer Armbanduhren-Sammlung.