Der Druck überstaatlicher Organisationen und verschiedener Staaten, grössere Steuertransparenz herbeizuführen, ist unverändert hoch. Finanzplätze wie die Schweiz sind unter Druck geraten, den Informationsaustausch zu erleichtern. Aufgrund der aktuellen steuerpolitischen Entwicklungen stellen sich für Finanzinstitute grundlegende Fragen zur strategischen Ausrichtung.

In der Finanzkrise sahen sich viele Länder mit zurückgehenden Steuereinnahmen konfrontiert. Das noch nicht erfasste Steuersubstrat, das auf nicht deklarierten Bankkonten im Ausland lag, wurde rasch als mögliche Steuereinnahmequelle identifiziert. Sogenannte Steueroasen, Länder mit Bankgeheimnis beziehungsweise restriktivem Informationsaustausch, wurden an den Pranger gestellt und massiv unter Druck gesetzt.

Die G20-Staaten haben konkrete Massnahmen angekündigt, um gemeinsam gegen Steuerhinterziehung vorzugehen. Um möglichen Schaden für den jeweiligen Wirtschafts- und Finanzstandort abzuwenden, haben verschiedene Länder wie die Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg und Singapur dem Druck nachgegeben und mit der Aufnahme erweiterter Informationsaustauschklauseln in die jeweiligen Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) begonnen. Die Schweiz hat zum heutigen Zeitpunkt rund 30 DBA mit Informationsaustauschklausel nach Artikel 26 des OECD-Musterabkommens paraphiert beziehungsweise unterzeichnet. Verschiedene ausländische Staaten und insbesondere die EU-Kommission betrachten den Informationsaustausch auf Anfrage als blossen Zwischenschritt in Richtung eines automatischen Informationsaustausches. Es wird sich zeigen, wie weit die Schweiz mit ihrem Vorschlag, eine Abgeltungssteuer - anstelle des automatischen Informationsaustauschs - einzuführen, diesem ausländischen Druck standhalten kann. Gelingt es diese Woche der Schweiz, im Rahmen der bilateralen Verhandlungen den Steuerstreit mit Deutschland über eine Abgeltungssteuer beizulegen, so kann dies als Referenz gelten für Fiskalregelungen, über die mit anderen Staaten verhandelt wird.

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Zusätzlich haben verschiedene Länder angekündigt, bestehende Steuersicherungssysteme zu verschärfen, um weitere Informationen über allfällige noch nicht deklarierte steuerpflichtige Einkünfte und Vermögen heimischer Steuerzahler einzuholen. Die Vereinigten Staaten von Amerika werden das bestehende Qualified-Intermediary-System (QI) durch ein zusätzliches System erweitern. Mit dem Foreign Account Tax Compliance Act of 2009 (FATCA) beabsichtigt die US-Regierung, eine Offenlegung ausländischer Konten zu erhalten, die direkt oder indirekt von US-Personen gehalten werden.

Auswirkungen für Finanzinstitute

Die aktuellen Entwicklungen im Bereich Tax Transparency und der damit verbundene Druck auf den Finanzplatz Schweiz führen zu einer Reihe strategischer Fragestellungen, die sich auf die gesamte Wertschöpfungskette einer Bank auswirken. Neben den zurzeit bei den meisten Finanzinstituten durchgeführten aufsichtsrechtlichen Abklärungen im Rahmen des Cross-Border-Geschäfts sind folgende Fragen dringend zu klären:

• Welche Risiken begründen Kunden mit Offshore-Vermögenswerten, und variiert diese Risikoeinschätzung von Land zu Land? • Wie können sich Finanzinstitute kurzfristig schützen?

• Wie muss das Offshore-Geschäft mittelfristig ausgestaltet sein, um den veränderten steuerlichen Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen?

Das veränderte Marktumfeld in Bezug auf Steuertransparenz sowie das Verhalten der Kunden führen zu einem Druck auf die Margen. Strategisches Ziel der Finanzinstitute muss es deshalb sein, ihre Geschäftsmodelle an die geänderten Rahmenbedingungen anzupassen, um die Profitabilität zu erhalten und längerfristig zu steigern. Anpassungen des Produkt- und Dienstleistungsangebots sowie der Prozesse im Front, Middle und Back Office sind unerlässlich. Die Ergebnisse dieser Analyse bilden die Basis für

• die Festlegung der Markt- und Dienstleistungsstrategie für einzelne Länder oder Regionen,

• die Unterscheidung zwischen Märkten mit mehr oder weniger Restriktionen, wobei Erstere als sensitive Märkte bezeichnet werden, sowie

• das gesamte Konzept zur Betreibung des Cross-Border-Geschäfts.

Kundenakquisition

Diese Marktstrategie legt die Art und Weise der Kundenakquisition und teilweise auch die Möglichkeiten fest, wie bestehende Kunden weiterbetreut werden können. Mittel- bis langfristig ist das Geschäftsmodell im Spannungsdreieck Kunden, Finanzinstitut und Behörden nachhaltig in Einklang zu bringen. Dies kann nur mit der Umsetzung einer Markt- und Dienstleistungsstrategie erreicht werden, die den Chancen und Risiken Rechnung trägt - mit entsprechenden auf den jeweiligen Markt ausgerichteten Geschäftsprozessen.