Huawei, China Mobile, Haier, ICBC, Anhui Conch und China Resources Breweries sind im Westen weitgehend unbekannte Namen. Doch während die Volksrepublik hierzulande häufig noch als «Werkbank der Welt» angesehen wird, gehören chinesische Unternehmen in ihren Branchen Telekommunikation, Finanzdienstleistungen, Zement und Bier zu den Weltmarktführern.

China hat in verschiedenen Segmenten die grössten Konsummarken weltweit entwickelt, nicht zuletzt bedingt durch die schiere Grösse des Heimatmarktes von rund 1,3 Mrd Menschen. Wer diese potenziellen Kunden erfolgreich anspricht, erreicht schnell Grössenordnungen, von denen die Konkurrenz in Frankreich oder Finnland nicht einmal träumen kann. Der Finanzdienstleister ICBC zum Beispiel betreut 200 Millionen Privatkunden.

«Schwärmt aus in die Welt»

Einige Branchen sind jedoch noch extrem zersplittert - etwa die Stahlindustrie. Die Zentralregierung versucht seit Jahren, einige wenige Stahlgiganten zu schmieden. Aber sie scheitert am Widerstand der oft wenig effizienten Firmen und der Provinzregierungen. Doch die kommunistische Regierung, die in vielen Firmen eine wichtige Rolle spielt, wünscht sich mehr internationale Sichtbarkeit. Schon vor Jahren hat sie die Parole «zou chu qu» ausgegeben: «Schwärmt aus in die Welt.»

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Einige der ganz Grossen haben sich inzwischen denn auch auf Auslandsmärkte vorgewagt. Haier ist zu einem der wichtigsten Anbieter von kleinen Kühlschränken in den USA geworden. Huawei verkauft Telekominfrastruktur in Schweden, Ägypten und Neuseeland. Aber die Mehrzahl der grossen chinesischen Firmen konzentriert sich weiterhin ganz auf den Heimatmarkt.

Der Staat behält die Kontrolle

Wenn auch eine Vielzahl dieser Gesellschaften börsenkotiert sind und Monat für Monat weitere Unternehmen in Schanghai, Shenzhen oder Hongkong an die Börse stürmen, streuen sie nur einen Teil ihres Kapitals bei Kleinanlegern und Investoren. Die Mehrheit der Anteile liegt nach wie vor in Staatshand. Diese Beteiligungen waren jahrelang von diversen Ministerien und Provinzregierungen verwaltet worden. Inzwischen sind die Anteile an sämtlichen Industrieunternehmen in der 2003 gegründeten staatlichen Beteiligungsaufsichts- und -verwaltungskommission (SASAC) gebündelt. Die Behörde kontrolliert mehr als 150 Firmen, die 2009 zusammen umgerechnet rund 1930 Mrd Fr. Umsatz erzielten. Den Firmen hat der Staatseinfluss nicht geschadet, die Gewinne der Beteiligungen haben sich seit 2002 auf rund 123 Mrd Fr. vervierfacht.

Die SASAC ist nicht die einzige Institution, über die sich die Zentralregierung bei den grossen Staatsbetrieben Gehör verschafft. Hinzu kommt die nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), zu deren Aufgaben ausdrücklich die Umstrukturierung der Wirtschaft gehört. Wenn eines der führenden Staatsunternehmen einen grossen strategischen Schritt plant, müssen jeweils die Vertreter beider Kommissionen zustimmen. Bei strategischen Entscheidungen wie Übernahmen, Kooperationen oder Grossinvestitionen spielen daher immer auch politische Erwägungen eine Rolle.

Geringes Interesse am Ausland

Insgesamt bildeten weltweit beachtete Auslandexpansionen aus China bislang eher die Ausnahme. An fehlenden Finanzmitteln hat es nicht gelegen. Die meisten Grosskonzerne sind gut kapitalisiert. In der börsenbegeisterten Volksrepublik können sie am Aktienmarkt neue Mittel generieren, und die grossen - ebenfalls staatlichen - Banken stehen für Kredite bereit. Doch wenn auch der ganz grosse Run in entwickelte Märkte noch nicht zu erkennen ist, zeigen die aktuellen Daten des «Emerging Markets International Acquisition Tracker (EMIAT)» von KPMG seit 2007 einen stetigen Anstieg in den Internationalisierungsbemühungen chinesischer Firmen, gerade in den Märkten führender Industrienationen (siehe Grafik).

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Die Chinesen stehen sich aber auch selbst im Weg bei ihren Internationalisierungsplänen. Viele chinesische Manager haben einfach kein Interesse daran, ins Ausland zu gehen. Viele Firmen sind zudem zu stark auf technisches Wissen und ihre Ingenieure fokussiert und vergessen dabei die Notwendigkeit, in immaterielle Werte zu investieren - z. B. um Konsumenten zu begeistern. Immer wieder berichten Berater von ihren Schwierigkeiten, chinesische Firmen von der Bedeutung von Consulting, Marketing und Kommunikation zu überzeugen. Für den Aufbau einer bekannten Marke und die Expansion ausserhalb der Landesgrenzen ein erheblicher Nachteil.

China-Kenner sind sich einig: Die Internationalisierung chinesischer Unternehmen hat begonnen; in den kommenden Jahren werden Grossunternehmen aus dem Reich der Mitte stetig auf die internationale Bühne drängen. Noch müssen die Firmen im Westen nicht übermässig besorgt sein. Aber es hilft sicher, sich mit den Wettbewerbern aus China frühzeitig auseinanderzusetzen, um keine Überraschung zu erleben, wenn die «stillen Riesen» weiter in die Welt ausschwärmen.

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