Die Wirtschaftskrise sorgt für Unbeständigkeit an der Wetterfront der Strompreise. Einerseits ist der Strompreis selbst ein Problem: Grossverbraucher wie die zur Von Roll Infratec zählende Giesserei Moudon entlassen einen Drittel ihrer Belegschaft, weil sie mit dem gegenwärtigen, um 80% höheren Strompreis nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Solche Entwicklungen sowie eine generell sinkende Nachfrage sorgen für Stromüberschüsse.

Chancen auf Preisnachlässe

Im Chemie-Revier der Schweiz, Schweizerhalle, verzeichnete zum Beispiel die Regionalversorgerin Elektra Birseck einen Verbrauchsrückgang von 10% und mehr. Marktbeobachter wie Walter Müller vom Beratungsbüro Enerprice rechnen sich darum Chancen für Preiszugeständnisse an Grosskunden aus: «Wenn wir genügend Nachfragedruck entwickeln, steigen die Chancen. Es gibt zum Teil gravierende Preisunterschiede für vergleichbare Produkte.»

Müllers Aussagen basieren auf einem Internet-Tarifrechner seiner Firma, der seit Anfang Juli aufgeschaltet ist und auf einen Blick einen Preisvergleich unter drei Anbietern im jeweiligen regionalen Tarifdschungel erlaubt. Der Rechner belegt enorme Preisdifferenzen für dasselbe Produkt. Die Jahreskosten für einen mittelgrossen Betrieb mit einem Jahresstromverbrauch von rund 150000 kWh variieren zwischen 19000 und 34000 Fr. - ohne ersichtli-chen Grund. Dabei gibt es keine festen Regeln, wo mit hohen Preisen zu rechnen ist. Nur so viel ist festzustellen: Das Kantonswerk des Kantons Zürich (EKZ) zählt oft zu den günstigen, die Westschweizer Anbieter gehören zu den teu-ren Anbietern. Aber selbst innerhalb eines Kantons können die Preise schwanken. Walter Müller: «Nachhaken lohnt sich für Strombezüger, allenfalls auch der Gang zum Elektrizitätsmarktregulator ElCom.»

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Stromtarifrunde ist eingeläutet

Nachhaken lohnt sich für manche Strombezüger bald noch aus einem anderen Grund. Stromberatungsfirmen wie Enerprice, Swisselectricity oder Dynamo Energie rechnen für die nächste Tarifrunde im Herbst mit heissen Gesprächen. So werden zahlreiche Altverträge der Grosskunden von 2001 auslaufen, die in der Vorphase des später an der Urne gescheiterten Elektrizitätsmarktgesetzes (EMG) verhandelt wurden und nun neu formuliert werden müssen. Der Wechsel des Stromlieferanten, wie etwa der frisch publizierte von Coop zur Axpo, ist nur per Ende Oktober möglich. Deshalb könnte sich die Zurückhaltung der Gewerbe- und Industrieverbände legen, die ihren Mitgliedern trotz offenkundigen Unmuts über die Stromer bisher schweizweit empfahlen, zuzuwarten; exemplarisch etwa die Industrie- und Wirtschafts-Vereinigung Schaffhausen. Bereits 2001 beschwerte sich übrigens rund die Hälfte der Industrie- und Gewerbekunden in einer nie veröffentlichten Umfrage des Schweizerischen Gewerbeverbands über die «intransparenten» und «hohen» Tarife.

Für mehr Bewegung könnte auch wirtschaftlicher Druck innerhalb der Branche sorgen: Das aktuelle, Ende letzten Jahres notdürftig vom Bundesrat korrigierte Stromversorgungsgesetz begünstigt die Kantons- und Überlandwerke wie die Axpo-Gruppe, BKW und Romande Energie - während die mittleren und kleinen der rund 900 Elektrizitätswerke vom Gesetzgeber massiv unter Druck gesetzt wurden. Sie versuchen dies mit Wettbewerbsinitiativen zu kontern. So gründete eine Handvoll Aargauer und Zürcher Gemeindewerke (Uetikon, Reinach AG, Wohlen) die iStrom, die dereinst die Beschaffung von 4 Mrd kWh am Markt zum Ziel hat. Dies, um die Abhängigkeit von den bisherigen Vorlieferanten abzumildern - von dieser Entwicklung könnten auch Grosskunden profitieren.

Allerdings ging ein vergleichbares Unterfangen kürzlich in die Hose: Swisspower, der Verband der Stadtwerke mit Basel, Zürich, Bern, scheiterte an der Uneinigkeit mit der Berner BKW, um eine eigene Beschaffungsplattform zur Nachfragebündelung zu lancieren. Für Insider keine Überraschung: Solange jedes Elektrizitätsswerk sämtliche Unkosten auf den Strompreis überwälzen darf, ist an dieser Front vorderhand nicht mit Änderungen zu rechnen.

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