Am 8. Mai 2008 kandidieren Sie als Verwaltungsratsdelegierter. Worin sehen Sie künftig Ihre Rolle?

Rolf Dörig: Ich werde mich auf die Weiterentwicklung der Strategie und die Überwachung der Strategieumsetzung konzentrieren und dabei eng mit Bruno Pfister, dem neuen Group CEO, zusammenarbeiten, auch im Hinblick auf meine spätere Übernahme des VR-Präsidiums.

Sie haben auch ein VR-Mandat bei Adecco und sind VR bei Kaba: Streben Sie eine Karriere als Profi-Verwaltungsrat an?

Dörig: Der Begriff Profi-Verwaltungsrat gefällt mir nicht. Mir ist es wichtig, auch den Kontakt zum operativen Geschäft zu halten. Mit den Mandaten bei Swiss Life, Adecco, Kaba, dem Engagement im Vorstand von Economiesuisse und dem Zentralpräsidium beim Grasshopper Club habe ich sehr interessante Aufgaben.

Am 6. Mai wird Swiss Life erstmals einen Zwischenbericht über den Geschäftsgang vorlegen: Ist die Tendenz im operativen Geschäft nach wie vor positiv?

Dörig: Generell sind wir froh, dass wir kein Quartalsreporting machen müssen. Quartalsbetrachtungen machen in einem Geschäft wie unserem wenig Sinn. Zu dieser Zwischenmitteilung sind wir aber seit diesem Jahr verpflichtet. Diesbezüglich kann ich sagen, dass wir auf Kurs sind und unsere Zielsetzungen volle Gültigkeit haben.

Anzeige

Wird die Krise das Ergebnis von Swiss Life beeinträchtigen?

Dörig: Swiss Life ist nicht direkt von der Kreditkrise betroffen, indirekt leiden wir aber über das Anlageergebnis an der schlechten Börsenentwicklung. Das ändert nichts an unseren Zielsetzungen.

Dennoch: Sind von der Swiss Life keine negativen Überraschungen zu erwarten?

Dörig: Nein, es gibt nichts, was unsere gute Entwicklung in Frage stellt. Wir werden auch künftig keine Abschreiber als Folge der Subprime-Krise machen müssen. Davon sind wir nicht betroffen.

Inwiefern wird sich das Finanzergebnis verschlechtern?

Dörig: Die Volatilität im Markt ist weiter hoch. Für eine Einschätzung, was dies für das gesamte Geschäftsjahr bedeutet, ist es deshalb zu früh. Die Versicherungsbranche hat aber aus der Krise im Jahr 2001 die Lehren gezogen und verfügt heute über ein sehr effektives Risikomanagement ...

... also ein wirksameres als die Grossbanken?

Dörig: Jedenfalls hat unser Risikomanagement dazu geführt, dass wir von der Kreditkrise nur indirekt betroffen sind. Aber es wäre blauäugig, zu glauben, dass Swiss Life nicht unter der schlechten Entwicklung an den Aktienmärkten leiden würde, obwohl wir unseren Aktienanteil Anfang des Jahres reduziert haben.

Wie gross sind die Risiken von Swiss Life auf ihrem grossen Obligationenportefeuille? Zinsveränderungen verursachen da rasch hohe Verluste.

Dörig: Diese Risiken haben wir im Griff. Schwierig wird es erst dann, wenn die Zinsen plötzlich rasant und stark ansteigen würden. Davon gehen wir aber nicht aus. Alles in allem sind wir auch bei den Anlagen gut aufgestellt und dürfen zuversichtlich sein.

Dennoch sind die Aktien von Swiss Life sehr tief bewertet.

Anzeige

Dörig: Es stimmt, dass die Versicherungsbranche und auch Swiss Life tief bewertet sind. Unser Titel hält sich aber vergleichsweise gut. Seit Mitte März hat er sich markant erholt. Selbstverständlich würde ich unseren Aktienkurs gerne noch höher sehen.

Die Versicherungstitel werden im Schlepptau der Banken von vielen Anlegern nach wie vor gemieden. Zu Unrecht?

Dörig: Eindeutig. Die Versicherer, insbesondere Swiss Life, werden unterschätzt. Man glaubt uns immer noch nicht richtig, dass wir unsere Wachstumsziele tatsächlich erreichen. Aber es hat derzeit viele liquide Mittel in den Märkten, die angelegt werden wollen. Sobald das Vertrauen in die Finanzmärkte zurückkehrt, werden die Versicherungstitel profitieren.

Was dürfen die Aktionäre erwarten?

Dörig: Dass wir unsere kommunizierten Ziele erreichen, wie wir das in der Vergangenheit getan haben.

Anzeige

Also auch die ambitiösen Ziele?

Dörig: Ja. Wir haben in meiner Zeit bei Swiss Life noch nie etwas kommuniziert, was wir nicht gehalten haben. Das wird auch künftig so sein.

Dürfen die Aktionäre über das laufende Jahr hinaus mit einer attraktiven Dividendenpolitik rechnen?

Dörig: Mit einer Gewinnausschüttung von 17 Fr. in diesem Jahr erreichen wir 2008 eine Dividendenrendite von rund 6%. Auch im nächsten Jahr planen wir wieder, mindestens 600 Mio Fr. Gewinn auszuschütten. Da wir Aktien zurückkaufen werden, wird unsere Dividende nächstes Jahr über 17 Fr. je Aktie liegen. Unsere Dividende soll auch künftig steigen. Das spricht ebenfalls für einen höheren Aktienkurs. Wir werden beweisen, dass wir unsere Ziele schaffen.

Diese erreichen Sie aber nur, wenn die Kosten nicht zu stark steigen. Wie halten Sie die Kosten im Griff?

Anzeige

Dörig: Wir sind schon in den vergangenen Jahren gewachsen und haben die Kosten reduziert. Wir werden unsere Kosten auch jetzt genau im Auge behalten, um die Profitabilität nicht zu beeinträchtigen. In einigen Bereichen, etwa auf der System- und Prozessseite, vor allem bei der IT, wird es weitere Kostensenkungen geben. Letztlich ist das eine Frage der konsequenten Führung.

Swiss Life will eine aktive Rolle bei der Markt-Konsolidierung spielen. Planen Sie Übernahmen?

Dörig: Zukäufe sind immer möglich.

Auch Grossakquisitionen?

Dörig: Nein, Grossakquisitionen stehen nicht im Vordergrund. Wir wollen aber unsere Position im bestehenden Geschäft weiter stärken. Das heisst zum Beispiel, dass wir in Deutschland oder Frankreich Portfolios übernehmen möchten oder kleinere Einheiten, die zu uns passen.

Und in der Schweiz?

Anzeige

Dörig: In der Schweiz ist für uns als Marktführer das Wachstumspotenzial beschränkt. Hier haben wir rund 30% Marktanteil, in Deutschland dagegen nur rund 2%. Den Marktanteil in Deutschland wollen wir deutlich ausbauen. Zukäufe werden deshalb eher in Deutschland oder in Frankreich erfolgen.

Sie führen Verhandlungen?

Dörig: Wir beobachten den Markt derzeit sehr genau. Sie werden aber verstehen, dass ich diese Frage nicht beantworte.

Zuerst müssen Sie den Kauf des AWD verdauen. Welche Erwartungen haben Sie an den AWD?

Dörig: AWD soll innerhalb der Swiss Life als eigenständiges Unternehmen weiter profitabel wachsen. In Deutschland erwarten wir aus der Zusammenarbeit für Swiss Life einen Wachstumsschub. In der Schweiz wollen wir unsere Position als Nummer eins weiter ausbauen. Darüber hinaus können wir mit AWD auch in für uns neue Märkte vorstossen. Zum Beispiel nach Österreich, wo AWD Marktführer ist, und von da aus weiter nach Zentral- und Osteuropa.

Anzeige

Was genau planen Sie in Osteuropa?

Dörig: Über den AWD werden wir zuerst in Österreich Fuss fassen. Wir sind derzeit daran, gemeinsam mit AWD, der in verschiedenen Ländern in Osteuropa schon Fuss gefasst hat, die weiteren Schritte zu planen.

Wird Swiss Life in Österreich eine eigene Niederlassung eröffnen?

Dörig: AWD ist in Österreich Marktführer. Wie wir diese Position auch für Swiss Life nutzen können, schauen wir derzeit an. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir in Wien eine Niederlassung von Swiss Life eröffnen und diese dann auch als Brückenkopf nach Osteuropa nutzen.

Wie unabhängig kann der AWD unter dem Dach der Swiss Life sein?

Dörig: Ich verstehe nicht, wieso das so ein Riesenthema ist.

Immerhin besitzt Swiss Life 86% am AWD und will über diesen Vertriebskanal mit den eigenen Produkten rasch expandieren.

Anzeige

Dörig: Der AWD wird auch unter unserer Kontrolle eine unabhängige Beratung anbieten. Die AWD-Kunden bekommen weiterhin eine ganze Produktepalette präsentiert. Der AWD-Berater ist frei, welches Produkt er dem Kunden verkauft. Letztlich entscheidet der Kunde.

Aber das glaubt Ihnen niemand. Sie haben doch ein Interesse, möglichst viele Swiss- Life-Produkte abzusetzen?

Dörig: Wir arbeiten wie die Banken, die neben den eigenen Fonds auch fremde Produkte anbieten. Wir setzen unsere Produkte der Konkurrenz aus.

Ab wann sind die Swiss-Life-Produkte in Deutschland im Vertriebskanal des AWD erhältlich?

Dörig: In Deutschland ist das bereits der Fall. In der Schweiz werden wir im Herbst das erste Produkt über AWD anbieten.

Wie wollen Sie die unterschiedlichen Kulturen der Swiss Life und des AWD unter ein Dach kriegen?

Anzeige

Dörig: Beide Kulturen haben Platz unter einem Dach. Es wäre völlig falsch, eine Einheitskultur zu schaffen. Das würde den Wert der beiden Marken zerstören.

In der Schweiz machen die AWD- Verkäufer schon bald Ihren eigenen Leuten Konkurrenz: Wie reagieren die Swiss-Life-Agenten auf die Übernahme?

Dörig: Die sehen das als Chance. Die AWD-Berater waren vorher schon da. Unser Vertrieb und der AWD ergänzen sich.

Aber die Produkte können Sie nur einmal verkaufen.

Dörig: Die unterschiedlichen Kulturen befruchten sich gegenseitig. Aber es wird schon gewisse Kannibalisierungseffekte geben. Diese haben wir auch, wenn wir unsere Produkte auch über Makler oder eine Bank anbieten. Letztlich entscheidet der Kunde, bei wem er seine Vorsorgeprodukte kaufen will.

Gibt es Abgänge in Ihrem Vertrieb?

Dörig: Aufgrund der Zusammenarbeit mit AWD gibt es keine Abgänge.

Anzeige

Für die Gruppe erwarten Sie, von 24 Mrd Fr. Prämienvolumen bis 2012 auf über 36 Mrd Fr. zu kommen. Wie schaffen Sie das?

Dörig: Ein grosser Teil des Wachstums kommt aus dem globalen Geschäft für vermögende Privatkunden. Ein weiterer Teil kommt aus dem organischen Wachstum, überdurchschnittlich aus Frankreich und aus Deutschland. Und der dritte Teil ist dann letztlich der AWD, wo wir uns nicht nur beim AWD Wachstum erhoffen, sondern auch erwarten, dass wir mehr Swiss-Life-Produkte verkaufen.

Lesen Sie weiter, was Rolf Dörig zu den Expansionsplänen der Swiss-Life zu sagen hat.