Siemens hat in den letzten Monaten rund 100 Kindergärten in der Schweiz Forscherkisten geschenkt, um die experimentierfreudigen Kleinen für die Technik zu begeistern. Ähnliche Ziele verfolgt ABB mit Techniktagen bereits in den Kinderkrippen. Im Schullabor von Novartis können Schülerinnen und Schüler Naturwissenschaft praktisch erleben. Roche stattet Sekundarschulen mit Experimentierkits aus. SBB, Swisscom, PostFinance und die BKW finanzieren ebenfalls Medien für die Klassenzimmer. Die Beispiele könnten beliebig ergänzt werden. Sie zeigen: Immer mehr Firmen, Verbände und Interessengruppen drängen mit eigenen Unterrichtsmaterialien und Lehrmitteln in die Schweizer Kindergärten, Schulen und Gymnasien.

Hinter den Engagements stecken zumeist ähnliche Motive. Viele Firmen möchten so früh als möglich beginnen, Talente zu fördern und junge Kräfte zu gewinnen. «Der Einsatz für die Bildung ist Teil unserer Nachwuchsförderung», sagt Novartis-Sprecher Satoshi J. Sugimoto. Dabei konzentriert sich der Pharmakonzern nicht einfach auf Lehrmittelförderung. Er sponsert - wie übrigens auch Roche - das Programm «Schweizer Jugend forscht». Und er verleiht jährlich den Basler Maturandenpreis. Ähnliche Beweggründe erwähnt Roche-Sprecher Alexander Klauser: «Wir möchten bei der zukünftigen Generation von Forschern früh das Interesse auf medizinische Wissenschaften lenken.»

Information oder PR?

«Unsere Angebote zielen auf Wissensvermittlung und Sensibilisierung», erklärt Antonio Sommavilla, Pressesprecher der Berner Kraftwerke (BKW). Der Stromkonzern beliefert Grundschulen, Gymnasien und Berufsschulen mit Unterrichtsbroschüren, Lernsoftware und didaktischen Gesamtpaketen. Den Aufwand dafür sehen die Verantwortlichen weniger als langfristige Personalrekrutierung, sondern vielmehr als Teil einer effizienten Öffentlichkeitsarbeit. «Wir nutzen im Dialog mit Lehrkräften und Schülern die Gelegenheit, allfällige Missverständnisse oder Unklarheiten zu beseitigen», so Sommavilla.

Anzeige

Weil Lehrmittel laut kantonalen Schulgesetzen inhaltlich neutral und ausgewogen sein sollen, ist PR problematisch. In die Kritik geriet zum Beispiel ein vom Atomenergie-Verband Swissnuclear gesponsertes Lernpaket zur Kernenergie, weil es mit keinem Wort Tschernobyl und die ungelöste Entsorgungsproblematik erwähnte. Auch das von 15 Unternehmen finanzierte Lehrmittel «Recht, Staat und Wirtschaft» des St. Galler Schatz-Verlags stiess wegen Inseraten mit teils direkter Produktwerbung vielen Lehrpersonen sauer auf.

Die Bedenken halten aber die Lehrer letztlich nicht davon ab, fleissig zu den gesponserten und didaktisch zumeist gut gestalteten Lehrmitteln zu greifen. Besonders gefragt sind Angebote im Online-Bereich. Hier haben es die staatlichen Lehrmittelverlage offenbar versäumt, den in den letzten Jahren flächendeckend mit Computern ausgerüsteten Schulen die entsprechende Lernsoftware zu liefern. Die Lücke füllen nun private Unternehmen aus. Die LerNetz AG in Bern, die ursprünglich eigentlich mit den etablierten Lehrmittelverlagen zusammenarbeiten wollte, entwickelte eher notgedrungen ein inzwischen erfolgreiches Geschäftsmodell. Dabei übernehmen die schulexternen Partner die Finanzierung der für die Schulen kostenlosen Lehrmittel.

LerNetz-Geschäftsleitungsmitglied Matthias Vatter zählt unter den vielen von seiner Firma produzierten Lehrmitteln drei besonders erfolgreiche Beispiele auf: Das von PostFinance finanzierte Online-Lernspiel Budgetgame, den vom «Forum Mobil» finanzierten «Handyknigge» und das von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) finanzierte Lernmedium Iconomix. PostFinance-Sprecher Marc Andrey betont, man wolle mit Budgetgame den Jugendlichen helfen, den Umgang mit Geld früh zu lernen. Willkommener Nebeneffekt ist dabei ein Imagegewinn für die PostFinance, dank guten Noten für das Lernspiel sogar bei Schuldenberatungsstellen. «PR und Imageförderung sind denn auch für die meisten Unternehmen die Hauptmotivation für das Sponsoring von Lehrmitteln», stellt Vatter fest. Hingegen würden die Möglichkeiten der frühzeitigen Talentförderung und -erfassung über diesen Kanal noch zu wenig genutzt.

Anzeige

Meinrad Vieli, Geschäftsleiter der Kik AG in Baden, die nach ähnlichem Modell wie LerNetz inzwischen über 100 Unterrichtseinheiten im Internet zum Download bereitgestellt hat, mutmasst: «Viele Wirtschaftszweige haben grösste Probleme, geeigneten Nachwuchs zu finden - das Sponsern von Lehrmitteln schafft vielleicht Abhilfe.» Klar ist aber auch für ihn, dass PR der wichtigste Antrieb für das Engagement der Firmen ist. Ob nun eine der 10000 auf kiknet.ch registrierten Lehrkräfte «Das Wetter» (finanziert von Meteo Schweiz), «Politik geht mich was an» (FDP) oder «Gesunde Ernährung» (Bio Familia) herunterlädt, so gilt nach Kiknet-Regeln: Die Unterrichtseinheiten müssen grundsätzlich werbefrei bleiben. Das ist allerdings eine Gratwanderung. «Natürlich hat es in jeder Lektion verschiedene Abbildungen von Produkten der Sponsoren; es ist den Lehrern jedoch freigestellt, ob sie diese zeigen möchten oder nicht», so Vieli. Mangels verbindlicher offizieller Kriterien haben Kik und LerNetz eigene Qualitätsgrundsätze für drittfinanzierte Lehrmittel festgelegt.

Anzeige

 

 


Lehrer-Verband fordert Regeln für Zulassung

Hinter dem Sponsoring von Lehrmitteln stecken in der Regel keine PR-Aktionen», erklärt Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse. Vielmehr suchten die Schweizer Unternehmen verzweifelt Techniker, Ingenieure und Informatiker. «Sie möchten deshalb bereits in der obligatorischen Schulzeit das Interesse auf naturwissenschaftliche Fragen lenken», sagt Minsch.

Mehr Mühe mit dem Engagement von Firmen und Institutionen bei der Produktion von Lehrmitteln haben die Bildungsbehörden. Sie befürchten, die föderalistisch-staatliche Kontrolle über die Lehrmedien zu verlieren. Der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) plädiert für eine Rollenklärung der verschiedenen Akteure. Künftig soll ein einheitliches Zulassungsverfahren regeln, welche Lehrmittel an den Volkschulen der Schweiz eingesetzt werden dürfen.

Anzeige

In den Kernfächern des Lehrplans sieht der LCH keinen Platz für Sponsoring. Ausserhalb dieses Kernbereichs seien aber von Dritten finanzierte Medien durchaus willkommen, jedoch mit folgenden Auflagen: Die gesponserten Lehrmittel müssten fachlich korrekt sein und in umstrittenen Fragen die kontroversen Standpunkte abbilden. Gewünscht werden zudem keine Eintagsfliegen, sondern langzeitlich aktualisier- und lieferbare Unterrichtsmittel.

Solch strikte Regeln beim Sponsoring von Lehrmitteln sind aus Sicht des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse völlig unnötig. «Schliesslich können die Lehrer freiwillig entscheiden, welche Lehrmittel sie einsetzen wollen. Was schlecht ist oder reinen PR-Charakter hat, fällt dabei sowieso ausser Traktanden», so Minsch. (ps)