Der Mann hat was vor. Bis zu sechzig Zulassungsanträge will Novartis-Chef Vas Narasimhan bis 2020 weltweit einreichen; der Konzern sitze auf einer Pipeline mit nicht weniger als 26 potenziellen Blockbustern – das heisst von Medikamenten mit Spitzenumsätzen von 1 Milliarde Dollar oder mehr –, hiess es kürzlich an einem Investorentag. Auch ausserhalb des Novartis-Campus traut man dem ewigen Zweiten im Basler Derby einiges zu. Novartis könnte Roche schon bald den Rang als grösstes Biotech-Unternehmen streitig machen, meinen Beobachter: Pokalübergabe über den Rhein.

Vorher aber geht es nochmals ans Abwickeln. Alcon, ungeliebter Restbestand aus der Diversifikationsstrategie von Novartis-Gründervater Daniel Vasella, muss weg. Die Augenheilsparte ist nach einem Taucher wieder auf Wachstumskurs, im dritten Quartal stieg der Umsatz um 3 Prozent auf 1,8 Milliarden Dollar. Nun soll die Sparte vollständig abgetrennt und als eigenes Unternehmen in den USA und in der Schweiz kotiert werden.

Viel Stoff für Zoff

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Doch das ist schneller gesagt als getan. Eine derartige Asset-Straffung – Alcon macht rund 12 Prozent des Umsatzes von Novartis aus – birgt eine Menge Risiken, nicht nur für die Tochter, die flügge wird, sondern auch für die Mutter. Der Börsengang birgt viele Konflikte. Das alles gilt es zu regeln, die Risiken zu minimieren. Für eine Übergangszeit von zwei Jahren nach dem Spin-off werden Mutter und Tochter deshalb über eine ganze Reihe von Verträgen miteinander verbunden sein. Das zeigt das Registrierungsdokument, das die künftige Alcon, Inc. dieser Tage bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC hinterlegte.

Der Alcon-Spin-off ist wie M&A rückwärts für Fortgeschrittene: desintegrieren statt integrieren, auseinanderdividieren statt zusammenführen, Identitätssuche im Schatten der grossen Mutter. Das gros­se Fragezeichen dabei: Werden sich die 25 bis 30 Milliarden Dollar, mit denen der Wert des noch zu gründenden Unternehmens geschätzt wird, auch wirklich realisieren lassen? Werden die alte Novartis und die neue Alcon zusammen mindestens ebenso hoch bewertet sein wie die heutige Novartis?

Aus eins mach zwei

Aus eins mach zwei: Aus einem 120 000 Mitarbeitende zählenden Organismus mit 49,1 Milliarden Dollar Umsatz (2017) zwei Unternehmen zu machen, die für sich allein überleben können, hats in sich. Im Zusammenhang mit der Trennung von Novartis wird Alcon eigene Systeme für ­Finanzen, Administration, Corporate Governance und andere Funktionen etablieren müssen, die zuvor von den Novartis Business Services (NBS) erbracht wurden.

David Endicott

Der künftige CEO: David Endicott stiess 2016 als President Commercial and Innovation und als Chief Operating Officer zu Alcon. Vorher war er bei Hospira, einem Geschäft mit Infusionsmaterial für Spitäler, das von Pfizer 2016 devestiert wurde. Zuvor war Edicott 25 Jahre bei Allergan in leitenden Funktionen tätig.

Quelle: ZVG
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NBS ist eine konzerninterne Organi­sation, die unter Narasimhan-Vorgänger Joe Jimenez mit viel Aufwand hochgezogen wurde, um für das damals noch viel breiter aufgestellte Unternehmen zentrale Dienstleistungen zu erbringen. Zudem werde Alcon Funktionen wie Steuern, ­Treasury, internes Audit und Investor ­Relations aufbauen oder ausbauen müssen, um als eigenständiges, kotiertes Unternehmen funktionieren zu können, heisst es in dem Dokument.

«Komplex, zeitaufwendig und kostspielig"

Das Auseinanderdividieren der Konzernfunktionen wird schmerzhaft werden. «Wir gehen davon aus, dass dieser Prozess komplex, zeitaufwendig und kostspielig sein wird», heisst es in dem mehr als 300-seitigen SEC-Dokument. Allein die Kosten für den Transfer der IT werden auf 300 Millionen Dollar beziffert. Garantien, dass der Trennungsprozess zeitig voll­zogen sein wird, gibt es keine. An die künftigen Investoren ergeht viel mehr immer wieder die Warnung: Pannen oder Ver­zögerungen bei der Abnabelung können negative Folgen für das neue Unternehmen haben.

Mehr noch: Alcon werde auch nach Abschluss des Spin-off bei gewissen Bedürfnissen in der Produktion auf Novartis angewiesen sein – insbesondere bei den Viscoelastics, einem Material, das in der Augenchirurgie Verwendung findet. Alcon sei in der Vergangenheit bei den Viscoelastics vollständig von Novartis abhängig gewesen, «ein Engpass bei der Produktion könnte deshalb dazu führen, dass wir die Bedürfnisse unserer Kunden nicht mehr erfüllen könnten», heisst es.

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Teurer Rückruf

Klartext gibt es zudem zu einem Rückruf, mit dem Alcon im Sommerkur nach Bekanntgabe der Abspaltung für negative Schlagzeilen sorgte. Es geht um Cypass. Das Röhrchen, das zur Regulierung des Augeninnendrucks nach Star-Operationen implantiert wurde, wurde 2016 in den USA und 2017 in Europa zugelassen und im August weltweit vom Markt genommen. Die unmittelbaren Kosten für den Rückzug des Stents vom Markt beliefen sich auf 11 Millionen Dollar, dazu kam in den ersten neun Monaten 2018 eine Wertberichtigung von 337 Millionen Dollar. Der Rückruf werde womöglich einen «substanziellen negativen Effekt» auf das Geschäft und die Reputation von Alcon haben und zu Klagen führen. «Zum jetzigen Zeitpunkt können wir noch nicht voraussagen, welche finanziellen Auswirkungen der Rückruf haben wird», heisst es.

Die Unsicherheiten bei einem Asset Stripping dieser Grössenordnung sind gewaltig. Immerhin, in einem Punkt ist für Kontinuität gesorgt. Die bisherige Alcon-Spitze bleibt an Bord. Mike Ball, bis zur Bekanntgabe des Spin-off Alcon-CEO und Mitglied der Novartis-Konzernleitung, ist für die Rolle des Verwaltungsratspräsidenten vorgesehen. David Endicott, President Commercial and Innovation und Chief Operating Officer, wird als CEO nach­rücken. Die beiden Personalien wurden im Juni, gleichzeitig mit dem Spin-off kommuniziert.

Ziel: Dividendentitel

Und auch beim künftigen Profil des ­Titels gibt es erste Fixpunkte. Das Unternehmen wird, wenn möglich, bereits ab 2020 Dividenden zahlen, und zwar im Umfang von 10 Prozent des Reingewinns von 2019. Das ist zwar nicht ganz so toll wie Mutter Novartis; der Konzern hat seine Dividende 2017 zum 21. Mal in Folge erhöht und 6,7 Milliarden Dollar an Dividenden an seine Aktionäre retourniert. Aber die Absicht ist klar: Die neue Alcon sucht den Anschluss im erlauchten Kreis der Dividendentitel.

Mike Ball

2016 griff der damalige Novartis-CEO Joe Jimenez bei Alcon in Texas durch. Spartenchef Jeff George musste gehen und wurde durch Mike Ball ersetzt. Ball hat das Unternehmen wieder auf den Wachstumspfad gebracht. Nun soll er Verwaltungsratspräsident der neuen Alcon werden.

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