Das Risiko einer Rezession in den USA und die Folgen der Turbulenzen an den Finanzmärkten auf die globale Konjunktur dominierten die Diskusionen am 38. Jahrestreffens des World Economic Forums in Davos. «Die totale Freiheit für die Banken, alle möglichen Kreditprodukte aufzulegen und zu verkaufen, hat uns diese Krise eingebrockt», beklagte sich der US-Investor George Soros in Davos stellvertretend für viele. «Alles ist ausser Kontrolle geraten und der Markt allein wird es nicht regeln können, dafür brauchen wir schon die Notenbank und Steuersenkungen.»

Während auf vielen WEF-Podien vor allem pessimistische Stimmen wie jene von Soros zu vernehmen waren, orten mehrere CEO und Konzernleitungsmitglieder von Schweizer Finanzinstituten im Gespräch mit der «Handelszeitung» Opportunitäten für Firmen und Anleger. «Derzeit sind viele Marktteilnehmer zu pessimistisch – die positiven Faktoren werden einfach ausgeklammert», glaubt Herbert Scheidt, CEO der Vontobel-Gruppe. «Viele Investoren, selbst institutionelle, lassen sich momentan stark von psychologischen Argumenten leiten, obwohl die fundamentalen Faktoren gerade auch für die Schweiz, Europa und Asien im Augenblick so negativ nicht sind.»

Auch Peter Gomez, VR-Präsident der Swiss Financial Market Services, ist überzeugt: «Momentan wird an den Märkten nach unten übertrieben.» Die Achterbahnfahrten der Aktien und Indizes seien nicht mehr nur rational begründbar. «Interessant ist, dass wir an den Börsen in Amerika, wo ja die Wurzel der Immobilienkrise liegt, deutlich geringere Ausschläge nach unten haben als in Europa.» Die Amerikaner gehen mit Unsicherheit und Volatilität offenbar gelassener um als die Europäer.

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Risiko hat vernünftigen Preis

Vor übertriebenem Pessimismus warnt auch Martin Senn, Chief Investment Officer und Konzernleitungsmitglied des Versicherungskonzerns Zurich FS: «Zweifellos sind wir jetzt in einer Phase, wo die Risiken im Verhältnis zu den Gewinnchancen wieder vernünftiger sind als noch vor zwölf Monaten.» Zwar rechnet er damit, dass wir auch in den nächsten Monaten weitere, zum Teil starke Kursschwankungen durchmachen müssen. Vor allem bei Titeln aus dem Finanzsektor könnten noch einige negative Überraschungen anstehen. Trotzdem ist für Senn, der im Auftrag der Zurich FS Anlagegelder im Umfang von rund 200 Mrd Dollar verwaltet, klar: «In den tiefen Preisen ist schon viel Negatives drin. Wir sind jetzt punkto Bewertungen wieder in einer Situation, in der es für langfristig denkende Investoren, aber auch für Firmen interessant ist, sich wieder an den Aktien- und Kreditmärkten zu engagieren.» Dem stimmt auch Scheidt, CEO der Vontobel-Gruppe, zu: «Anlegern mit einem langen Zeithorizont bieten sich momentan gute Einstiegskurse.»

Vorderhand muss man aber mit starken Schwankungen leben, doch sind diese laut Martin Senn nicht nachhaltig. «Bis Mitte des Jahres, sicher aber bis Ende 2008 werden sich die Volatilitäten wieder auf einem deutlich ruhigeren Niveau bewegen.» Noch brauche es allerdings starke Nerven. «Doch was wir jetzt sehen, sind eindeutig Kaufopportunitäten.»

Mehr Transparenz nötig

Noch sind die Investoren mit einer Vertrauenskrise konfrontiert. Diese kann laut Martin Senn nur durch mehr Transparenz gelöst werden: «Das war ein Punkt, der gefehlt hatte. Es kamen in letzter Zeit immer wieder neue negative Überraschungen, welche die Anleger verunsichert an die Seitenlinie trieben.» Die Banken müssten nun alles daransetzen, das Vertrauen zurückzugewinnen. «Aber es wird wohl noch eine längere Zeit brauchen, um den Vertrauensschaden zu bereinigen.» Olivier Steimer, VR-Präsident der Banque Cantonale Vaudoise (BCV), bezeichnet die Vertrauenskrise als ein zentrales Problem. «Ob sie rasch behoben werden kann oder nicht, wird für das Jahr 2008, dessen Beginn von Unsicherheiten im Finanzsektor geprägt ist, entscheidend sein.»

Urs Wietlisbach, Mitgründer der börsenkotierten Partners Group, sieht eine grosse Herausforderung für den Finanzsektor in den «zu komplexen Finanzprodukten, welche die Risikoüberwachung erschweren» oder sogar unmöglich machen. «Die Entwicklung der Finanzinstrumente hat eine Komplexität erreicht, die eine gesamtheitliche Risikoeinschätzung und -überwachung nicht mehr erlaubt.» Viele Produkte seien entwickelt worden, um nicht zuletzt auch die kurzfristigen Bonuszahlungen des Managements in den Banken sicherzustellen. «Hier braucht es sicher ein Umdenken. Banken brauchen Anreizprogramme, diese müssen aber langfristig ausgerichtet sein, und die Finanzprodukte müssen im Endeffekt so weit zurückbuchstabiert und vereinfacht werden, dass die Risikoeinschätzung wieder gewährleistet ist.»

Zinssenkungen nicht ohne Risiko

Mittels starker Zinssenkungen versucht die US-Notenbank, die Investoren zu beruhigen. Zusätzlich will die US-Regierung durch Steuererleichterungen den Abschwung abfedern. Noch belegen die Daten nicht eindeutig, ob die USA in einem Abschwung ist. Martin Senn, Chief Investment Officer der Zurich FS, stellt aber fest: «Aufgrund der Einschätzung des Konsumverhaltens und der Konsumentenstimmung wären wir schon in einer US-Rezession.» Unklar sei aber, inwiefern die Massnahmen der Zentralbanken für die Stabilisierung der Wirtschaft genügen.

Zweifel am gewählten Vorgehen äussert Börsen-Präsident Gomez: «Die Zinssenkungen und das Konjunkturprogramm lösen das Problem nicht wirklich.» Rezessionen würden zum normalen Konjunkturzyklus gehören. Wenn man versuche, sie zu verhindern, schaffe man die Basis für die nächste Finanzkrise. «Es ist wie bei einem Grippepatienten: Statt mittels möglichst viel Pillen die Grippesymptome zu bekämpfen, sollte man die US-Konjunktur ein wenig fiebern und die Selbstreinigungskräfte funktionieren lassen.»

 

Das WEF 2008 unter