Keine Volkswirtschaft ist so stark mit den Weltmärkten vernetzt wie die schweizerische: 2006 betrug der Kapitalbestand von Direktinvestitionen im Ausland 632 Mrd Fr., das entspricht 130% des Bruttoinlandprodukts (BIP). In den Niederlanden lag dieser Wert bei nur 99%, in Irland bei 57%. Doch jetzt zeigt Weltmeisterin Schweiz Schwächen: Im vergangenen Jahr haben die Schweizer Unternehmen gemäss den Schätzungen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) noch 61,2 Mrd Fr. direkt im Ausland investiert. 2006 waren es noch 87,6 Mrd Fr. gewesen.

Die definitive Zahlungsbilanz der Schweiz für 2007 wird von der SNB im Verlauf dieser Woche veröffentlicht. Doch aufgrund der Schätzungen für die vier Quartale 2007 und für das 1. Quartal 2008 lässt sich jetzt schon der Schluss ziehen, dass die Vorzeichen für die Schweizer Wirtschaft negativ sind. Für Jan Atteslander, Mitglied der Geschäftsleitung von Swissholdings (siehe auch «Nachgefragt»), deuten die Zahlen auf eine Abkühlung des Investitionsklimas hin. Der langjährige Beobachter der Entwicklung bei den Direktinvestitionen sagt: «Die Firmen sehen sich bei ihren Investitionen im Ausland mit einem rezessiven Umfeld konfrontiert. Wir müssen daher generell mit einem verlangsamten Wachstum rechnen.»

Der Rückgang von rund 30% bei den Schweizer Direktinvestitionen für 2007 fällt umso mehr ins Gewicht, als die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für ihre Mitgliedsländer im gleichen Zeitraum insgesamt eine Zunahme von 50% verzeichnet. Neben der Schweiz lagen 2007 nur Belgien (?8%), Tschechien (?9%), Portugal (?11%), die Slowakei (?45%), Norwegen (?47%) und Polen (?64%) unter dem Vorjahreswert.

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Auf der anderen Seite glänzten gemäss OECD vor allem Öster-reich (+225%), Grossbritannien (+189%), Finnland (+173%), Italien (+116%) und Korea (+114%) mit hohen Zuwachsraten. Auch die Nachbarländer Frankreich (85%) und Deutschland (+77%) kamen über den OECD-Mittelwert. Diesen erreichten die USA nicht ganz, doch waren 2007 auch die amerikanischen Unternehmen im Ausland aktiver als 2006 (+38%).

Selbst wenn Atteslander mahnt, die Zahlen vorsichtig zu interpretieren, liefern sie einige Hinweise, die seiner Ansicht nach aufhorchen lassen müssen. So haben bei der Industrie die im Ausland reinvestierten Erträge 2007 im Vergleich zu 2006 zwar um 22% zugenommen, sind aber nach den Schätzungen der SNB im 1. Quartal 2008 brutal eingebrochen (rund die Hälfte weniger als im Vorjahresquartal). Das heisst mit anderen Worten: Die Abschwächung der reinvestierten Erträge ist ein Hinweis auf eine stark nachlassende Dynamik in den wichtigsten Märkten.

Spuren der Finanzkrise

«Richtig abgestürzt», so Atteslander, ist im 1. Quartal 2008 das Einkommen aus Direktinvestitionen. Hatte es für 2007 noch insgesamt fast 83 Mrd Fr. betragen, so fiel es von Januar bis März dieses Jahres auf 7,6 Mrd Fr. Das zeigt, dass die ertragsstarken Unternehmen wie Nestlé, ABB, Novartis und Roche, die für diesen Zeitraum ausgezeichnete Zahlen präsentiert hatten, die schwache Performance der Unternehmen im Dienstleistungsbereich in der Zahlungsbilanz nicht auffangen konnten.

Die Banken- und Finanzkrise hinterlässt auch sonst in der Statistik der Direktinvestitionen ihre Spuren. Bei den Dienstleistungen wurden im 1. Quartal 2008 13,8 Mrd Fr. in Beteiligungen investiert, was gegenüber dem 4. Quartal 2007 einer Zunahme von 51% entspricht. 2006 waren gesamthaft 14,5 Mrd Fr. in Beteiligungen im Ausland investiert worden. Grund der massiven Zunahme: Wegen der Finanzkrise mussten ausländische Tochtergesellschaften im Finanzbereich mit neuen Eigenmitteln ausgestattet werden.

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Kampf um die oberste Liga

Positiv ist für Atteslander, dass die Schweiz für Investitionen ausländischer Unternehmen attraktiv geblieben ist. So haben die Kapitalimporte 2007 nach SNB-Schätzung im Vergleich zum Vorjahr von 33 auf 48,8 Mrd Fr. (+47%) zugenommen, nicht zuletzt dank des Serono/Merck-Deals.

Doch auch hier zeichnet sich eine markante Abkühlung ab. Im 1. Quartal 2008 fielen die ausländischen Direktinvestitionen in der Schweiz gemäss SNB auf 2,8 Mrd Fr. zurück. Die OECD rechnet im laufenden Jahr für ihre Mitgliedsländer mit einem Rückgang der Direktinvestitionen um rund 25%.

Angesichts des harten Standortwettbewerbs müsse die Schweiz alles unternehmen, «um ihre Spitzenposition zu behaupten», fordert Atteslander. Die Schweiz ernte jetzt die Erfolge früherer Politik, weshalb sie jetzt die Basis dafür legen müsse, «um auch in Zukunft in der obersten Liga mitspielen zu können».

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nachgefragt


«Infrastruktur wird zu wenig beachtet»

Jan Atteslander, Mitglied der Geschäftsleitung von Swissholdings, über die Entwicklung bei den Direktinvestitionen.

Was ist heute die Herausforderung bei den Direktinvestitionen?

Jan Atteslander: Wir erleben einen knallharten Standortwettbewerb, bei dem es nicht nur um die Verlagerung von einzelnen Produktionseinheiten geht, sondern von ganzen Strukturen, zum Beispiel von Headquarters.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Atteslander: Headquarters brauchen erstklassige Rahmenbedingungen bei Steuern und Wirtschaftsrecht. Zudem findet im Moment ein sogenanntes In-Shoring statt. Unternehmen, die einmal Produktionskapazitäten in Asien aufgebaut haben, überlegen sich vermehrt wieder Investitionen in den westlichen Industrieländern. Wir müssen nun darauf achten, dass auch wir von dieser Entwicklung profitieren können.

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Was ist zu tun?

Atteslander: Neben den Rahmenbedingungen sollten wir dringend die naturwissenschaftliche Ausbildung und Forschung in der Schweiz verstärken, um das Manko bei den Ingenieuren zu beheben. Wenn die qualifizierten Arbeitskräfte nicht da sind, kommen die Unternehmen nicht zu uns.

Gibt es noch weitere Massnahmen?

Atteslander: Neben dem Ausbau der bilateralen Freihandelsabkommen nenne ich zwei Aspekte, denen generell zu wenig Beachtung geschenkt wird ? die Infrastruktur und die Energieversorgung. Negative Schlagzeilen über Stromausfälle tragen zur Attraktivität des Standorts Schweiz nichts bei, im Gegenteil.