Die Wirtschaftskrise hat das Geschäft mit Seminaren und Kongressen zurückgeworfen. Beobachten Sie nach den herben Einbrüchen bereits eine erste Erholung?

Thomas Bieger: Durchaus. Das gilt vor allem für jene Industriezweige, die von einer steigenden Nachfrage profitieren. Bei Tagungen, Messen und Incentive-Reisen haben sich die Aktivitäten intensiviert. Bei einer Rezession werden zuerst die Spesen für Geschäftsreisen gekürzt. Einzelne Unternehmen haben im Herbst 2008 praktisch ein Verbot erlassen. In einem zweiten Schritt wurden die Ausgaben für Seminare und Kongresse zurückgefahren.

Viele Firmen sparen noch immer. Wie wirkt sich das auf die Anbieter aus?

Bieger: Die Veranstaltungen werden kosteneffizienter durchgeführt. Das heisst, die Tagungen und Kongresse sind zeitlich kürzer. Damit reduziert sich die Zahl der Logiernächte. Dieser strukturelle Trend wird sich auch in einer wirtschaftlichen Erholungsphase fortsetzen. Die Seminaraktivitäten verschlingen nicht nur Geld, sondern auch Zeit, und die ist ein knappes Gut. Zudem werden die Rahmenprogramme und Arrangements gestrafft - aufgrund neuer Familienmodelle und der Entwicklung zu Double Career Couples werden beispielsweise Partnerprogramme reduziert. Es ist in der momentanen Konjunkturlage auch nicht mehr so schick, den teuersten Champagner zu trinken.

Anzeige

Gibt es auch einen verstärkten Trend zu Videokonferenzen?

Bieger: Diese Entwicklung hat sich schon vor der jüngsten Krise abgezeichnet. Video- und Telefonkonferenzen sind aus Zeitgründen ein effizientes Mittel in etablierten Geschäftsbeziehungen. Wenn es allerdings darum geht, neue Kundenkontakte anzuknüpfen oder Wissensnetze aufzubauen, braucht es die physische Begegnung. Diese Kommunikationsart wird immer wichtig bleiben.

Welche Bedeutung hat das Geschäft mit Seminaren und Kongressen für die Schweizer Tourismusindustrie?

Bieger: Pro Logiernacht generiert dieser Bereich mehr Einnahmen als viele andere Tourismussegmente. Dazu kommt eine strategische Bedeutung. Dieses Geschäftssegment lässt sich durch eine intensiv betriebene Akquisition steuern. In Randgebieten ausserhalb der grossen Zentren sind solche Aktivitäten zum Ausgleich der Saisonalität wichtig.

Die Kongressteilnehmer geben überdurchschnittlich viel Geld aus. Wer profitiert?

Bieger: Zunächst einmal sind es die Anbieter von Kongressinfrastrukturen. Daneben profitieren Dienstleister im Bereich Catering, Transport, Technik sowie die Shopping-Industrie, speziell bei interkontinentalen Touristen.

Wie wichtig ist die internationale Verkehrsanbindung für Schweizer Kongressorte?

Bieger: Die interkontinentale Erreichbarkeit hat sicher eine gewisse Bedeutung. Das Beispiel Wien zeigt aber, dass dies für den Aufbau eines starken Brands im Konferenzbereich nicht unbedingt erforderlich ist. Für die Schweiz ist umgekehrt der durch Synergien zwischen Swiss und Lufthansa im internationalen Luftverkehr gestärkte Hub Zürich ein Erfolgsfaktor.

Speziell Fünfsternehotels klagen über teils massive Rückgänge im Veranstaltungssektor. Ist es derzeit weniger opportun, in Luxushäusern zu tagen?

Bieger: Viele Unternehmen nutzen die Konjunkturlage, um vermehrt Kosteneinsparungen zu realisieren. Ich bin für Fünfsternehotels aber optimistisch. Sie verfügen über grosse Tagungs- und Bankettsäle, ebenso wie über Zimmerkapazitäten, die schwierig zu substituieren sind. Sobald sich die Wirtschaft wieder auf einem Wachstumspfad entwickelt, braucht man diese Infrastrukturen.

Trotzdem: Hat die Schweiz bei den Meeting-Räumen und Unterkünften die richtige Infrastruktur?

Bieger: Die Infrastruktur wurde in den letzten Jahren laufend entwickelt. Jüngste Beispiele sind die neuen Kongresszentren oder entsprechende Projekte wie in Interlaken, Davos, Flims oder St. Gallen.

Gibt es Schwächen?

Bieger: An einigen Orten sind noch immer zu wenig Hotelkapazitäten mit internationalem, homogenem Qualitätsstandard vorhanden. Es braucht bei den Zimmern einen einheitlichen Standard, damit sich zwischen den Teilnehmern keine allzu grossen Unterschiede ergeben. Das Kongressgeschäft lebt sehr stark vom Brand. Eine Veranstaltung in Wien lässt sich einfacher verkaufen als in einer mittelgrossen Schweizer Destination. Da ist man auch bereit, mehr dafür zu bezahlen.

In den Bergregionen wurden die Kapazitäten massiv erweitert. Warum geschieht das in Metropolen wie Zürich nicht?

Bieger: In einem dicht besiedelten Raum sind die Konkurrenz der Nutzung des Landes und die Sensibilität bezüglich der architektonischen Gestaltung derart hoch, dass es schwieriger ist, ein Projekt überhaupt zu realisieren. Die Abhängigkeit vom Kongressgeschäft ist gleichzeitig nicht so gross wie in einer peripheren Region. Eine Grossstadt wie Zürich kann immer auch auf eine internationale Geschäftskundschaft zählen.

Kann man sich ohne die Metropole Zürich überhaupt mit Paris oder London messen?

Bieger: Da gilt es die Veranstaltungsarten zu unterscheiden. Die Megakonferenzen mit bis zu 4000 Teilnehmern sind stark durch Netzeffekte und die Bedeutung der Marken beeinflusst. Das mittlere Segment mit 400 bis 1000 Tagungsgästen muss sich spezialisieren und vermehrt auf Nischen ausrichten. Beim Geschäft mit kleinen Seminaren sind die Bedürfnisse äusserst heterogen. Die Schweiz hat auch im Top-Segment durchaus attraktive Angebote, für den mittleren und kleineren Bereich gibt es eine grosse Auswahl an Angeboten auch ausserhalb der grossen Zentren. Gerade im mittleren Segment sind kleine Destinationen dank der Erreichbarkeit und Zeiteffizienz sehr wettbewerbsfähig.

Kritiker streichen hervor, die Swissness gehe verloren, da jeder bekannte Kurort seine eigene Marke in den Vordergrund stellt.

Bieger: Im Tourismus arbeitet man immer mit Markenportfolios. Die Landesmarke ist ein Element davon, häufig in Form einer Dachmarke. Die Produkte bzw. Destinationen müssen sich mit Submarken differenzieren. Es gibt nicht die Kongressdestination Schweiz. Die Dachmarke ist ein Qualitätsgarant für die verschiedenen Submarken. Man kommt nach Luzern oder Montreux innerhalb der Schweiz.

Abgelegene Orte in den Alpen müssen bei Tagungen auch das Feriengefühl ansprechen. Ist das im wirtschaftlich abgekühlten Klima nicht ein Handicap?

Bieger: In der Schweiz sind die Reisewege auch in die Bergregionen kurz. Die Ferienzentren bieten die Möglichkeit, sich zu Fuss zu bewegen. Es ist alles weniger hektisch und komplex als in einer Stadt. Das ist gerade in der heutigen Zeit ein grosser Vorteil. Zudem können attraktive Ausflugsangebote wie Jungfraujoch und aussergewöhnliche Tagungslokalitäten wie Dampfschiffe geboten werden.

Der Franken hat sich gegenüber dem Euro stark aufgewertet. Ist die Schweiz damit gegenüber EU-Ländern benachteiligt?

Bieger: Ja. Allerdings wirken solche Währungsverschiebungen im Tourismus mit einer zeitlichen Verzögerung. Weit wichtiger als das Preisniveau ist das Preisimage. Der wahrgenommene Preis spielt die entscheidende Rolle. Im Vergleich zu den wachsenden Märkten in Asien ist der Franken zudem stabil geblieben.

Die Verkaufsanstrengungen sind fast nur auf die traditionellen Industriestaaten in Europa ausgerichtet. Bei den Emerging Markets steht man erst am Anfang.

Bieger: Da wurde in der Vergangenheit aber viel gemacht. Die sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China sind für alle Tourismusanbieter wichtige Zielmärkte.

Bei der Ansiedelung von europäischen Hauptsitzen internationaler Firmen agiert die Schweiz äusserst erfolgreich. Eröffnet das Chancen für das Tagungsgeschäft?

Bieger: Sicher, da gibt es Verstärkungseffekte. Wir sprechen heute von einem integrierten Standortmanagement. Wirtschaftliche Ansiedelungen kurbeln die Aktivitäten im Seminarbereich an.