Der Statistikexperte kommentiert darin ausgiebig und süffisant eine Studie zu Leukämiefällen im Umfeld von Atomkraftwerken, welche in Deutschland die AKW-Gegner ins Feld führen. Krämer tut dabei so, als ob die Angst vor Leukämie das Argument schlechthin gegen die neuen Grossprojekte der Atomlobby sei. Dem ist nicht so. Denn nicht die Angst spricht gegen neue AKW, sondern primär die Vernunft oder anders gesagt: Die Fakten.

Solche Fakten liefert zum Beispiel die neue Studie von Kantonen und Umweltverbänden: «Stromeffizienz und erneuerbare Energien - wirtschaftliche Alternative zu Grosskraftwerken» (Infras/TNC, Zürich 2010). Danach lässt sich der künftige Strombedarf der Schweiz, so wie er von der Elektrizitätswirtschaft selber errechnet wurde, auch ohne neue AKW decken. Den wichtigsten Beitrag dazu leistet die Effizienz: Zum einen der Einsatz von Geräten, Motoren und Lampen, die wenig Strom verbrauchen. Zum andern das Abschalten von Elektrogeräten, die zwar in Betrieb sind, deren Leistung aber nicht genutzt wird. Solche Geräte verbrauchen in unserem Land 30% der gesamten Stromproduktion. Laut Studie reicht es, diese Verschwendung um einen Sechstel zu reduzieren, indem zum Beispiel moderne Steuerungen dafür sorgen, dass die Geräte nur bei Bedarf laufen. Das, was es an zusätzlichem Strom dann noch braucht, kann mit Biomasse, mit der Sonne, aber auch mit neuen Wasserkraftwerken, Windrädern und später auch mit der Geothermie produziert werden. Der von Alpiq, Axpo und BKW prognostizierte Energie-Mehrverbrauch kann zu zwei Dritteln mit Effizienzverbesserungen und zu einem Drittel mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. So können wir getrost auf den Bau weiterer AKW verzichten.

Eine neue, nachhaltige Energie-Strategie lohnt sich auch finanziell, weil die Schweiz so wirtschaftlich deutlich besser fährt als mit neuen Grosskraftwerken. Für den Bau von zwei neuen Atomkraftwerken und einem riesigen Gaskraftwerk wären Investitionen von rund 39 Mrd Fr. nötig. Die Investitionen für den nachhaltigen Weg dürften zwar rund 26 Mrd Fr. sein. Die nachhaltige Strategie ist unter dem Strich trotzdem wirtschaftlicher, weil zum Beispiel sparsame Geräte über die ganze Lebenszeit gerechnet deutlich tiefere Betriebskosten verursachen. Satte 12 Mrd Fr. macht die Differenz zugunsten der nachhaltigen Energien aus. Neue AKW dagegen drohen volkswirtschaftlich zum Verlustgeschäft zu werden, denn die Investitionen werden laut Studie durch die zu erwartenden Erträge kaum gedeckt. Insofern sind Investitionen in neue AKW Hochrisikogeschäfte, und es dürfte schwierig sein, überhaupt genügend Geld für solche Megaprojekte zu beschaffen.

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Auch bei der Wertschöpfung und punkto Arbeitsplätze schneiden Investitionen in Stromeffizienz und erneuerbare Energien deutlich besser ab als Investitionen in neue Grosskraftwerke. So schafft ein nachhaltiges Szenario dauerhaft 5300 Arbeitsplätze. Diese Arbeitsplätze beleben die Schweizer Volkswirtschaft, und sie sind, vom Bodensee bis zum Genfersee, von Basel bis ins Tessin, erst noch gleichmässig über das ganze Land verteilt. Die einheimische, dezentrale Produktion stärkt die Versorgungssicherheit und macht uns zusammen mit den Investitionen in die Energieeffizienz unabhängiger vom Ausland. Auch wichtige staatspolitische Gründe sprechen also für das Nachhaltigkeits-Szenario.

Die Beschäftigungswirkung beim Bau von neuen Grosskraftwerken ist demgegenüber deutlich geringer und fällt in weniger produktiven Branchen wie dem Baugewerbe an. Sie beschränkt sich auf wenige Regionen der Schweiz und ist nur von kurzer Dauer, weil sie vor allem die Bauphase von AKW betrifft. Atomkraftwerke bringen zudem erhebliche Gefahren für Mensch und Umwelt mit sich: Von der Freisetzung radioaktiver Strahlung beim Abbau des Urans bis hin zur Wiederaufbereitung, vom weltweit ungelösten Problem der Endlagerung von radioaktivem Abfall über die weitere Verbreitung von Kernwaffen bis zur politischen Unwägbarkeit. Denn es ist gut möglich, dass das Schweizervolk neue Atomkraftwerke an der Urne ablehnen wird.

Um in der Schweiz ein nachhaltiges Szenario zu realisieren, ist die Politik gefordert, zum Beispiel mit der Einführung einer Lenkungsabgabe. Strom ist in der Schweiz sehr billig - es gibt also keinen Anreiz, sparsam damit umzugehen. Ein solcher Anreiz kann mit einer Lenkungsabgabe geschaffen werden, die den Strom verteuert. Diese Abgabe wird der Bevölkerung mit einer Reduktion der Krankenkassenprämien und der Wirtschaft mit einem Rabatt auf dem AHV-Arbeitgeberbeitrag zurückerstattet. So werden Stromsparer belohnt. Der Kanton Basel-Stadt hat damit gute Erfahrungen gemacht. Sein Beispiel zeigt, dass die Lenkungsabgabe wirkt: Basel liegt seit deren Einführung beim Stromverbrauch deutlich unter dem nationalen Trend, bei der Wirtschaftsentwicklung aber deutlich darüber. Es ist höchste Zeit, dass unser Land aus der energiepolitischen Sackgasse findet und in zukunftsfähige Energien investiert.