1. Home
  2. Unternehmen
  3. Die vielen Gründe für das Misstrauen gegen Thiam

Bankenreform
Die vielen Gründe für das Misstrauen gegen Thiam

Bankenchef Tidjane Thiam: Die Skepsis der Anleger ist gross. Keystone

Die Credit Suisse hat heute auf der Generalversammlung eine üppige Kapitalerhöhung beschlossen. Bereits kurz nach seinem Antritt steht Bankenchef Thiam unter Druck - die Anleger sind skeptisch.

Von R. James Breidling
am 19.11.2015

Die Kursentwicklung der Credit-Suisse-Aktien ist eine der schlechtesten in der Branche. Obwohl sich die Bank im Namen stolz mit Credit (von Latein Vertrauen) und Suisse (Schweiz) schmückt, scheint im vergangenen Jahrzehnt kaum eine Gelegenheit ausgelassen worden zu sein, das Vermächtnis von beidem zu zerstören.

Kürzlich etwa hat Credit Suisse zum Vorwurf, US-Bürgern bei der Steuerhinterziehung geholfen zu haben, auf schuldig plädiert. Sie hat zugegeben, Asset-Backed Securities (ABS) zum Teil aus «absichtlichem Fehlverhalten» fehlerhaft bewertet zu haben. Und sie wurde als eine von 16 Banken wegen Manipulation des Londoner Interbanken-Zinssatzes Libor verklagt. Vor diesem Hintergrund witzelte kürzlich ein Analyst: «Tidjane Thiam ist das Schweizer Äquivalent zu Barack Obama, eine Art hoffnungstragender Messias.»

Aktie zum gleichen Preis wie vor 20 Jahren

Thiam will in drei Jahren auf einen Vorsteuergewinn von 10 Milliarden Franken kommen. Nach meiner Berechnung würde dies eine Steigerung der Marktkapitalisierung um 120 Milliarden Franken oder 300 Prozent bedeuten. Es wäre eine verlockende Rendite für jeden Investor, aber besonders für die CS-Anleger. Denn ihre Aktie wird zum gleichen Preis wie vor 20 Jahren gehandelt. Doch selbst Thiams Plan hat den Kurs nicht beflügelt – im Gegenteil.

Warum folgen die Märkte Thiam nicht? Immerhin hat er Prudential erfolgreich neu aufgestellt. Und mit einer bemerkenswert ähnlichen Strategie hat die UBS einen lebhaften Kursaufschwung erzielt. Die Aktien der Credit Suisse werden mit 93 Prozent des Buchwertes gehandelt, während die Titel der UBS mit 146 Prozent des Buchwertes gehandelt werden. Zumindest theoretisch sind die Vermögenswerte der CS liquidiert mehr wert als unter Thiams Management.

«Credere» heisst auch «glauben» – aber viele glauben nicht mehr an die CS. Warum? Es gibt eine ganze Reihe von guten Argumenten.

«Geringes Verständnis für das Geschäft»

So berichtete mir ein Ex-Konzernchef der Credit Suisse, dass «Thiam nur ein geringes Verständnis für das Geschäft hat, das er leitet». Ausserdem gebe es «keinen Präzedenzfall», bei dem «einem Versicherungsmanager der Turnaround oder zumindest die gute Führung einer komplexen, globalen Bank gelungen« wäre.

Die «Wachstumsgeschichte Asien« soll das krönende Unterscheidungsmerkmal von Thiams Strategie sein. Doch die von mir befragten Experten halten Asien für die Region mit zu vielen Banken und berichten von Wettbewerbern wie Julius Bär, die bereits hart am Wind segeln, um dort neues Geschäft zu generieren.

Unwiderstehliche Verlockung von Hedgefonds

Schliesslich hat die CS wie viele Grossbanken ihre «gescheiterte Generation». Es gab einst das Streben nach der «Universalbank» – unter der irrigen Annahme, dass Kunden überall und für alles nur mit der einen Bank zu tun haben wollen. Darauf folgte die Modeerscheinung «Allfinanz», bei der Bank und Versicherung als Heilmittel für die Aktionäre nahtlos verschmelzen. Dann gab es die unwiderstehliche Verlockung von Hedgefonds und Derivaten, die gesteuert von «Raketenwissenschaftlern» die Profite der Banken in ungeahnte Höhen befördern sollten.

Ich war auf den 70. Geburtstag eines erfolgreichen Schweizer Bankiers geladen. Die Tische waren benannt nach ehemals illustren Namen, welche heute ramponiert, wertlos oder ausgelöscht sind: First Boston, Dillon Read, DLJ, LTCM, SG Warburg, Winterthur. Übrigens hat die CS eben erst angekündigt, den Rest des Goodwill von DLJ abzuschreiben, die sie für 20 Milliarden Dollar übernommen hatte.

«Marke Schweiz» wirkt

Es ist kein Unfall, dass fünf der weltweit 20 grössten Vermögensverwaltungen ihren Sitz in der Schweiz haben: UBS, Credit Suisse, Pictet, Julius Bär und Lombard Odier. Wenn der Sitz der UBS in New York oder Hongkong wäre, hätte sie dann noch immer die grösste der wachsenden Anzahl von Milliardären als Kunden?

Sicher: Der Ruf der Schweiz wurde durch die Debatte um das Bankkundengeheimnis erschüttert. Fakt aber ist, dass weltweit das Vermögen wächst und es von irgendwem irgendwo verwaltet werden muss. Und ich konnte feststellen, dass die «Marke Schweiz» am stärksten wirkt und den grössten Wettbewerbsvorteil bietet an Orten mit rapide wachsender Bevölkerung und riesigem Vermögenswachstum – also in Ländern wie Vietnam, Indonesien, Ghana, Kolumbien oder Saudi-Arabien. Am wenigsten dagegen wirkt die Marke Schweiz in Gegenden mit geringen Wachstumsaussichten und starkem Wettbewerb, in Märkten wie den USA, Grossbritannien oder Europa.

Vielleicht wird die Credit Suisse glaubwürdiger, wenn es schweizerischer wird.

R. James Breiding ist Wirtschaftshistoriker und Co-Autor des Buches «Swiss Made». Mehr zum Thema lesen Sie in der neuen «Handelszeitung», am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.

 

Anzeige

Credit-Suisse-Umbau – die Gewinner, die Verlierer

1|7
Die Gewinner im Umbau der Credit Suisse: Thomas Gottstein übernimmt die «Swiss Universal Bank». Der 51-Jährige ist damit für das Schweiz-Geschäft zuständig, das künftig viel unabhängiger geführt werden soll. Der Schweizer Bereich soll darum an die Börse gehen. Gottstein ist seit 1999 bei der Credit Suisse. Mit seinem Einzug in die Geschäftsleitung stösst er seinen bisherigen Chef, Hans-Ulrich Meister, vom Thron.