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Raiffeisen
Die Vincenz-Hypothek

Dicke Luft: Raiffeisen-CEO Patrik Gisel, Ex-Präsident Pierin Vincenz
Dicke Luft: Raiffeisen-CEO Patrik Gisel (l.), Ex-Präsident Pierin VincenzQuelle: Keystone / Montage HZ

Chef Patrik Gisel war lange Jahre die rechte Hand von Pierin Vincenz. Nun holt ihn seine Vergangenheit ein.

Von Sven Millischer und Michael Heim
am 28.02.2018

Es war eine Partnerschaft, ganz nach dem Geschmack des damaligen Bankpatrons Pierin Vincenz. Seine Raiffeisen sollte dick ins Geschäft mit Finanzierungen für kleinere und mittlere Unternehmen einzusteigen. Zu diesem Zweck beschloss man eine Kreuzbeteiligung an der Investnet, ein KMU-Investmenthaus mit Sitz in Herisau.

Als Abgesandten in den Investnet-VR schickte Pierin Vincenz - es war 2012 - seine rechte Hand, den Leiter des Departements Markt, Patrik Gisel. Der heutige Raiffeisen-Chef Gisel präsidierte fortan die Investnet AG bis Mitte 2015 und hatte damit die Oberaufsicht über alle Vorgänge und  Investments des Herisauer KMU-Vehikels.

Ein präsidiales Mandat, das Gisel nun in Bedrängnis bringen könnte. Der Raiffeisen-Chef ergreift deshalb - kurz vor der Präsentation der Jahreszahlen - die Flucht nach vorn. In einem wohl einmaligen Vorgang in der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte hat der Raiffeisen-Verwaltungsrat beschlossen, eine Strafanzeige gegen den früheren CEO Pierin Vincenz einzureichen. «Auf Antrag der Geschäftsleitung», wie es im Communiqué jener Bank heisst, gegen die ja weiterhin ein Enforcement-Verfahren der Finanzmarktaufsicht Finma läuft.

Ahnungloser Präsident 

Nicht nur zeigt Raiffeisen ihren Ex-Chef an wegen «Verdachts auf ungetreuer Geschäftsbesorgung». Die Bank tritt auch als «Privatklägerin» im Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Zürich III gegen Pierin Vincenz auf. Der Vorwurf lautet hier auf «ungetreue Geschäftsbesorgung im Aduno- und Investnet-Umfeld». Also just in jenem Umfeld der Herisauer KMU-Firma, die Patrik Gisel während dreier Jahre als Raiffeisen-Vertreter präsidierte.Doch was Gisel in seiner präsidialen Investnet-Zeit wohl nicht wusste. Zumindest beteuert dies sein Umfeld innig: Dass sein damaliger Chef Pierin Vincenz längst verdeckt, auf eigene Rechnung, und mit Wissen der beiden Investnet-Gründer am KMU-Vehikel beteiligt war. Also Jahre bevor Pierin Vincenz dann - ganz offiziell - im 2015 als scheidender Raiffeisen-Chef mit einem 15-Prozent-Anteil an Investnet von der Raiffeisen bedacht wurde. Dies, dank dem Placet von VR-Präsident Johannes Rüegg-Stürm. Nichts ahnend, dass sein patronaler CEO wohl bereits an Investnet mitverdiente. So zumindest lautet der Tatverdacht, dem die Staatsanwaltschaft nun auf Basis neuer Erkenntnisse nachgeht.

Das Strafverfahren samt Hausdurchsuchungen, diese neue Eskalation im Raiffeisen-Skandal, muss die Führung um Gisel und Präsident Rüegg-Stürm überrumpelt haben. So brachte die Kreditkartenfirma Aduno das Verfahren mit einer Strafanzeige vor Weihnachten ins Rollen.

Jene Aduno, an der Raiffeisen mit 26 Prozent beteiligt ist und die bis 2017 von Pierin Vincenz präsidiert wurde. Denn als letzten November bekannt wurde, dass die Finma gegen Vincenz und Raiffeissen ermittelte, beschloss der Aduno-Verwaltungsrat, das Anwaltsbüro Baumgartner Mächler mit einer eigenen Untersuchung zu beauftragen. Aber: Von diesem Zeitpunkt an trat Raiffeisen-Vertreter Michael Auer fortan in den Ausstand, auch wegen dem laufenden Finma-Enforcement. Das Ergebnis der Aduno-Untersuchung: Ein starker Verdacht, dass es bei der Übernahme der Firma Commtrain Card Solutions zu Unregelmässigkeiten kam und Vincenz – ohne Wissen des Aduno-Verwaltungsrats – auf beiden Seiten des Verhandlungstisches sass, weil er bereits persönlich an Commtrain beteiligt war. Scheinbar dasselbe Muster also, wie bei der Raiffeisen-Tochter Investnet.

Raiffeisen tappt im Dunkeln

Der Aduno-Verwaltungsrat gibt darauf den Anwälten den Auftrag, gegen seinen früheren Präsidenten und eine weitere Person – mutmasslich Ex-Aduno-CEO Beat Stocker – Strafanzeige einzureichen. Dies geschieht, kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember 2017. Die Raiffeisen-Spitze tappt weiter im Dunkeln, da ihr Vertreter in der Kreditkartenfirma im Ausstand ist. Von der Anzeige wusste man bei Raiffeisen offenbar erst, als die Staatsanwaltschaft zuschlug.

Es ist diese Aduno-Strafanzeige, welche schliesslich zum Zürcher Strafver­fahren führt, das offenbar neue Erkenntnisse ans Licht bringt. Erkenntnisse, welche über den Commtrain-Komplex hinausführen und auf Investnet zielen. Denn die Zürcher Strafverfolger weiteten das Verfahren aus und ermittelten fortan nicht nur gegen die zwei von Aduno ­angezeigten Personen, sondern gegen drei weitere Leute aus dem Raiffeisen-­Umfeld.

Während also die Aduno in die Offensive ging, zögerte Raiffeisen-Chef Patrik Gisel noch immer mit eigenen, öffentlichen Beschuldigungen an die Adresse seines Vorgängers Pierin Vincenz. Er stützte sich dabei nicht zuletzt darauf, dass eine achtmonatige interne Untersuchung rund um Investnet, die er Ende 2016 in Auftrag gegeben hatte, keine Erkenntnisse zu Vincenz versteckter Beteiligung am KMU-Vehikel zu Tage förderte.

Bis zum Schluss keine Änderungen geplant

Gisel haderte weiter mit dem «Vatermord». Noch letzten Monat diktierte er der «SonntagsZeitung» zur Zukunft von Vincenz bei Investnet: «Wir planen keine Veränderungen. Wir können so die Erfahrungen und das Beziehungsnetz von Vincenz nutzen, der 17 Jahre lang einen Superjob für die Bank gemacht hat.»

Gisels Meinung hatte solange Bestand, bis die Staatsanwaltschaft diese Woche zur Razzia ansetzte, Wohnungen und Büros durchsuchte und die Beschuldigten zur Vernehmung aufbot. Erst jetzt schliesst sich auch Raiffeisen den Klägern an. Als Nebenkläger im Strafverfahren und – in allerletzter Minute mit einer eigenen Strafanzeige, um sich im Finale auf die Seite der Aktiven zu schlagen.

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