Die Wall Street ist das bedeutendste Handelszentrum der Welt. Viele Krisen hat das traditionsreiche Börsenparkett  in seiner 222 Jahre währenden Geschichte überstanden – doch jetzt ist die New Yorker Börse (NYSE) in ihrer Existenz bedroht. Innert zehn Jahren schrumpfte der Marktanteil der Wall Street am amerikanischen Aktienhandel von 80 auf 20 Prozent.

Auf diesem Weg in den Bedeutungsverlust griff 2013 die Börsenbetreiberin Intercontinental Exchange (ICE) zu. Sie kaufte das angeschlagene Unternehmen – und machte sich an den radikalen Umbau.

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Mit dem Trend zum Internethandel fliesst mehr Kapital in Handelsplätze ausserhalb der etablierten Börse – etwa in sogenannte «Dark Pools». Damit geht der Niedergang der traditionsreichen Wall Street auch mit dem Aufstieg von Geschäften der Schweizer Grossbanken einher. Denn Credit Suisse und UBS gehören zu den grössten Betreibern dieser Handelsräume, in denen Investoren anonym bleiben können. Über »Dark Pools» sollen in New York mittlerweile rund 15 Prozent der Aktien gehandelt werden. 

Gebäude, Personen und operatives Geschäft verändert

Jeffrey C. Sprecher, Gründer und CEO von ICE, betraute nun Thomas Farley mit der Herkules-Aufgabe. Der 38 Jahre alte Experte für Finanzderivate trat vergagenene Woche seinen Posten als neuer Chef der NYSE an. Er wird die Wall Street auf jeder Ebene erneuern, wie das «Wall Street Journal» berichtet: baulich, personell und mit einer Änderung des Geschäftsmodells.

Zunächst der Umbau der ehrwürdigen Wall-Street-Hallen: Für 80 Millionen Dollar werden die Büroräumlichkeiten an der Börse geändert. Es entstehen offene Grossraumbüros sowie Konferenzräume mit Glaswänden. Diese architektonische Öffnung soll sich auch in der Arbeitskultur wiederspiegeln. Mit einem zentralen Pausenraum soll, so ist Thomas Farley überzeugt, die vorherrschende Silo-Kultur beseitigt werden. In Zukunft werden so die Mitarbeiter vermehrt abteilungsübergreifend Kontakte pflegen und zusammenarbeiten.

Hart greifen Sprecher und Farley auch beim Personal durch: Seit der Akquisition durch die ICE im vergangenen Jahr wurde das Management-Team von 22 auf drei reduziert. Langjährige Mitarbeiter mussten ihren Platz räumen und wurden durch jungen Talente ersetzt. Für Jeffrey Sprecher und Thomas Farley ist das gängige Praxis. In der Vergangenheit haben sie bei mehreren europäischen Futures-Börsen den Personalbestand halbiert.

«Wenn jemand gehen will, soll er dies zivilisiert machen»

Aktienhändler befürchten, dass die tiefgreifenden Änderungen einen Wissensverlust über das Alltagsgeschäft nach sich ziehen könnten. Jeffrey Sprecher gibt sich kämpferisch: «Viele mochten meine Vorgehensweise nicht und das respektiere ich. Wenn jemand gehen will, soll er dies zivilisiert und umgänglich machen.»

Weitere Änderungen betreffen das Börsengeschäft an sich. Mit der Reduktion der Order-Arten und vermehrter Einsatz von Computern wird das Alltagsgeschäft vereinfacht. Börsenexperten rechnen, aufgrund des neuen Fokus auf computergestütztem Handel, mit einer Reduktion der Börsenplätze an der NYSE von fünf auf zwei. Künftig steht der Börsengang von Firmen im Fokus und weniger der tägliche Aktienhandel.

Strengere Vorschriften gefordert

Vor kurzem machte die NYSE mit dem chinesischen Internethandelsplatz Alibaba einen grossen Fang. Das Mantra der verstärkten Kundenorientierung scheint somit schon Früchte zu tragen. Unternehmen, die einen Börsengang planen, achten auf Börsen mit genügen Handelsvolumen und erstklassige Betreuung.

Mit all diesen Massnahmen bereiten Sprecher und Farley den Boden für modernen Aktienhandel an der Wall Street. Und freilich lobbyieren Sprecher und Farley – auch in ihrem eigenen Interesse – für strengere Vorschriften bei «Dark Pools», bei denen CS und UBS so stark sind. Die beiden Amerikaner hoffen, dass der Kapitalfluss mit Unterstützung von Seiten der Politik bald von den Handelsplätzen ausserhalb der Börsen wieder an die öffentlichen zurückkehrt.