Noch ist es kein Flächenbrand, aber in jüngster Zeit häufen sich die schlechten Nachrichten:

OC Oerlikon kündete am Dienstag dieser Woche wegen des schlechten Ergebnisses für das 1. Halbjahr 2008 eine durchgehende Restrukturierung ihrer Textilsparte an. Ihr dürften rund 1000 Stellen zum Opfer fallen. Fast gleichzeitig gab der Versicherungskonzern Axa Winterthur die Verlagerung von 200 Stellen nach Indien und Polen bekannt. Schuhhersteller Fretz Men im aargauischen Fahrwangen will zwar nicht Stellen abbauen, muss aber für die Monate September und Oktober für seine 80 Beschäftigten Kurzarbeit einzuführen, um das Produktionsvolumen zu drosseln. «Wir müssen auf die Situation im Schuhhandel reagieren, der unter saisonaler und konjunktureller Schwäche leidet», begründet CEO Daniel Omlin die Massnahme. Die Druckerei Zollikofer, ein Unternehmen von Swiss Printers, baut sieben der insgesamt 220 Stellen ab, weil wegen der verschärften Wettbewerbssituation im Druckgewerbe reorganisiert werden muss. Swiss Printers ist eine Tochtergesellschaft von Ringier, NZZ und Edipresse-Gruppe.

Textilmarkt bricht ein

In der Textilbranche gehören die Hiobsmeldungen seit ein paar Monaten fast schon zur Tagesordnung. Bereits im Juni hatte die Sultex (die ehemalige Sulzer Textil) einen Stellenabbau am Standort Rüti und die Einführung von Kurzarbeit im Werk Zuchwil verkündet.Auf einen «ruhigeren Markt» reagieren musste laut CEO Kurt Uhlmann auch die Flumser Baumwollspinnerei Spoerry & Co. AG. Die Herstellerin von Spezialgarnen hat für die 140-köpfige Belegschaft Kurzarbeit eingeführt. Noch härter als OC Oerlikon trifft der drastische Einbruch des Textilmarktes den Maschinenhersteller Rieter. Er wird 2250 oder 15% seiner weltweit 15000 Stellen abbauen. Auch der Standort Winterthur, wo rund 2000 Leute beschäftigt sind, wird davon nicht verschont werden. Bei Rieter und Oerlikon Textile wurden im ersten Halbjahr über 50% weniger Textilmaschinen bestellt. In manchen Fällen erfolgt der Stellenabbau ohne Schlagzeilen schleichend und leise. So hat der Ostschweizer Bauzulieferer Arbonia Forster im Rahmen eines Kostensparprogramms in diesem Jahr 150 Stellen nicht mehr besetzt. Der Chemiekonzern Clariant hat von Januar bis Ende Juli in Basel restrukturiert und insgesamt 100 Arbeitsplätze abgebaut. Um 1500 Beschäftigte will die krisengeschüttelte UBS in den nächsten Monaten ihren Personalbestand in der Schweiz reduzieren, wobei mit bis zu 200 Entlassungen gerechnet wird. Uneinig sind sich die Beobachter, ob die Meldungen als klares Indiz eines generellen Konjunktureinbruchs zu werten sind und bereits eine grössere Entlassungswelle ins Rollen geraten ist. «Die Entwicklung in der Textilmaschinenindustrie mit ihren speziellen Zyklen ist nicht repräsentativ für die restliche Wirtschaft», erklärt Beda Moor von der Gewerkschaft Unia. Um seine Aussagen zu stützen, verweist er auf die nach wie vor gute Auftragslage in den meisten Sektoren der Maschinen-, Metall- und Elektroindustrie.

Trendwende bei Arbeitslosigkeit

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, erwartet hingegen eine deutliche wirtschaftliche Abkühlung im 2. Halbjahr 2008. «Aber dies wird nicht in eine Rezession mit einer drastischen Entlassungswelle münden», schwächt er ab. Allerdings deutet sich statistisch eine Trendwende an: Im Juni lag die Arbeitslosenquote in der Schweiz bei 2,3% und damit auf dem tiefsten Stand seit sechs Jahren. Im Juli wurden aber 686 mehr Arbeitslose registriert als im Vormonat, total 92163. Während gewisse Beobachter diesen Anstieg mit saisonalen Gründen erklären, will das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) nicht ausschliessen, dass es sich um eine grundsätzliche Trendwende handeln könnte. Laut Sprecherin Rita Baldegger macht sich auf dem Arbeitsmarkt langsam die sich abkühlende Konjunktur bemerkbar. Ein Indiz dafür ist weiter, dass auch die Zahl der gemeldeten offenen Stellen im Juli leicht rückläufig war, um 632 auf 14 549. «Die Arbeitslosenzahlen dürften ansteigen», glaubt auch Minsch, «allerdings bis Ende Jahr nur ganz leicht und nicht über die Marke von 3% hinaus.»

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