Pläne gab es in der Branche schon seit Jahren. Jetzt macht es Google wahr. Geht es nach den Managern der weltweit grössten Suchmaschine, sollen Internet und Fernsehen verschmelzen. Mit dem neuen Trend will auch ein prominentes Schweizer Unternehmen in Zukunft Geld verdienen.

«Wir stehen erst ganz am Anfang», sagt Jerry Quindlen, Chef des Computermaus-Herstellers Logitech. Von Google TV verspricht sich Quindlen vorerst einmal wenig, aber später sehr viel. Man setze auf die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten des neuen Google-Dienstes (siehe Kasten). «Im dritten Quartal erwarten wir einen Umsatzbeitrag von 50 Millionen Dollar», so Quindlen gegenüber der «Handelszeitung». Bei einem Jahresumsatz von 2 Milliarden ist das allerdings noch ein Klacks.

Die bescheidenen kurzfristigen Ziele Logitechs mit Geräten für den neuen Fernsehdienst des amerikanischen Internetriesen haben viele Experten enttäuscht. Sie geben zu bedenken, dass kurzfristig noch hohe Markteinführungskosten auf das Unternehmen zukommen. Citigroup-Analyst Timothy Shaw spricht gar von einem «Hype». Der mit Google TV erzielte Umsatz werde zu einer Verwässerung der Margenentwicklung von Logitech führen, schreibt er.

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Doch warum glaubt Quindlen an Google TV? Mit Logitech Revue, der Set-Top-Box, die den Zugriff auf Google TV ermöglicht, entferne sich Logitech immer mehr aus dem Büro, wo man einst mit seinen Computermäusen gross geworden sei. Jetzt trete man ins Wohnzimmer der Endkonsumenten ein. «Für uns ist das ein langfristiges Engagement. Ich bin mit dem Start sehr glücklich», so Quindlen. «Google TV wird wachsen und immer neue Inhalte bieten und so neue Nutzer anziehen», so die Überlegung des Logitech-Chefs.

Das digitale Zuhause ist Logitechs neue Passion. Die Revue-Geräte sind dabei erst der Anfang. «Wir wollen Videokommunikation im Wohnzimmer etablieren», so Quindlen. Spezielle Webcams von Logitech sind in den USA bereits erhältlich. Videokommunikation entwickelt sich bereits bei den Firmenkunden mit Wachstumsraten von bis zu 60 Prozent rasant. Nun sollen auch im Wohnzimmer zu Google TV passende Logitech-HD-Kameras eine solche Entwicklung erleben.

Spielkonsolen - das war gestern

«Wir fokussieren uns nicht mehr auf das Zubehör für Spielkonsolen», sagt Quindlen. Stattdessen will er verstärkt Zusatzgeräte für den PC und das Google-TV-Wohnzimmer verkaufen. Wenn sich die Plattform durchgesetzt hat, wird es entsprechendes Spiele-Zubehör von Logitech geben.

Doch damit Google TV und mit ihm auch Logitech abheben kann, braucht der Dienst zuallererst einmal gute Inhalte. Und da könnte der Internetriese aus Kalifornien auf Widerstand stossen. In den USA sind zwar bereits zahlreiche Fernsehsender wie HBO und CNN sowie die Videodienste über das System erhältlich. Doch die grossen Fernsehsender ABC, CBS, NBC und Fox haben den Zugriff auf ihre Sendungen allesamt gesperrt. Ein harter Schlag für Google.

Die komplexe Situation bei den Mediennutzungsrechten ist beinahe in jedem Land eine ernst zu nehmende Hürde. So mussten Schweizer Nutzer von Apple TV mit deutlich weniger Inhalten vorliebnehmen als amerikanische Konsumenten. Doch zumindest in der Schweiz zeigt sich der wichtigste Anbieter von bewegten Inhalten nicht abgeneigt. «Falls sich Google TV in der Schweiz durchsetzt, ist die SRG offen für eine Zusammenarbeit», sagt Daniel Steiner, Sprecher der Radio- und Fernsehgesellschaft. Auch bei der Cablecom und bei der Swisscom verfolgt man die Entwicklung genau.

«Wenn sich ein Modell etabliert, das von den Konsumenten angenommen wird, werden wir viele Fast-Follower sehen», so Thomas Künstner, Medienexperte beim Beratungsunternehmen Booz & Company. Das heisst, so wie das iPhone als Vorlage für andere Smartphones dient, könnte auch Google TV im Fernsehbereich die neuen Standards setzen. Und darauf baut auch Logitech. «Wir haben unseren Ausblick für die Verkäufe, die Marge und den Reingewinn erhöht», so Konzernchef Quindlen. Dabei «sind unsere Schätzungen sehr konservativ».

Ein «grosses Ding»

Ob sein Enthusiasmus für Google TV sich auch wirklich in hohe Umsätze ummünzen lassen wird, scheint fraglich. Fehlende Inhalte und der stolze Verkaufspreis sind nicht die einzigen Hindernisse. So mancher Kritiker glaubt nicht, dass Konsumenten zu der Set-Top-Box ihres TV-Anbieters, dem DVD-Spieler, der Spielkonsole auch noch eine Google-TV-Box in ihr Wohnzimmer stellen wollen.

Der renommierte US-Analyst James McQuivey ist freilich vom Gegenteil überzeugt. «Google-TV ist anders», schreibt er. «Es ist das nächste grosse Ding.»