Das Annus horribilis 2009 liegt hinter uns - jetzt kann es nur noch besser werden. So beurteilt eine Mehrheit der grössten Arbeitgeber der Schweiz ihre aktuelle Lage: Sie geht davon aus, dass sich ihre wirtschaftliche Lage in diesem Jahr leicht verbessern wird. Das zeigt eine «Handelszeitung»-Umfrage bei den grössten 88 Privatunternehmen und Bundesbetrieben (siehe links).

Im 2. Halbjahr 2009, über das die börsenkotierten Firmen in den kommenden Wochen an ihren Jahreskonferenzen berichten werden, begann sich die Trendwende bereits abzuzeichnen: 22 der insgesamt 44 Firmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, sehen eine leichte Verbesserung. 19 Firmen stellten dagegen noch keine Veränderung fest.

«Bei den Banken ist es nicht vorbei»

«Die Firmen sind aus dem Gröbsten raus», bestätigt Lukas Marty, Finanzchef der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG Schweiz. Gleichwohl sei es noch zu früh, sich schon wieder in Zeiten wie vor der Krise zu wähnen.

«Es besteht noch viel Handlungsbedarf», bestätigt Christoph Winterer, Partner im Zürcher Büro des Strategieberaters Bain&Company. «Bei den Banken ist es noch nicht vorbei, ebenso wenig bei der Industrie.» Ein grosser Teil der Beratungsprojekte, die Bain bei Schweizer Unternehmen durchführe, drehe sich nach wie vor um Themen wie Restrukturierung, Turnaround und Optimierung der Bilanz. «Zwar zeigen sich bei den Firmen langsam erste zarte Pflänzchen eines neuen Wachstums.» Aber: «Bis zu einer vollständigen Erholung der Wirtschaft ist es noch ein weiter Weg», sagt Winterer.

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Das zeigen auch die Antworten der Firmen auf die Frage, wie sie die Entwicklun g bei ihren Beschäftigten für 2010 beurteilen. Über die Hälfte rechnet mit einer ungünstigen Entwicklung - sei es, dass keine neuen Stellen geschaffen werden können oder dass Personal abgebaut werden muss.

Die Unternehmen bleiben lieber vorsichtig, statt bereits wieder Vollgas zu geben. «Zwar geht kein Unternehmen, das wir beraten, von einem weiteren Rezessionsschub in diesem Jahr aus», sagt Winterer. Trotzdem werde nach wie vor mit unterschiedlichen, auch negativen Szenarien gerechnet.

Denn viele trauen den Silberstreifen am Horizont nicht. «Noch immer sind die meisten Firmen durch einen harten Preiswettbewerb unter Druck», weiss Winterer. Nachdem viele Unternehmen ihre Lager rasant heruntergefahren haben, gehen nun wieder erste Bestellungen bei den Lieferanten ein - wohl auch deshalb erwartet die Mehrheit der befragten Firmen eine günstige Entwicklung bei den Einkaufspreisen. Doch die Bestellungen werden sofort gestoppt, sollte sich die Erholung als nicht nachhaltig erweisen. Und das Risiko einer weiteren, wenn auch kleineren Konjunkturdelle ist durchaus vorhanden. Etwa, wenn die Arbeitslosigkeit weiter ansteigt - wovon die Ökonomen ausgehen (siehe Grafik rechts).

Keine Kreditklemme?

Eindeutig positiv beurteilen die Firmen dagegen ihre Möglichkeiten bei der Kreditbeschaffung. Drei von fünf Unternehmen gehen von einer günstigen Entwicklung für ihr Unternehmen bei der Verfügbarkeit von Darlehen aus. Angesichts der liquiden Mittel, die viele Firmen im 2. Halbjahr zur Sicherheit angehäuft haben, überrascht es nun wenig, dass dieselben keine Mühe bekunden, Kredite gesprochen zu bekommen. Winterer allerdings warnt die Unternehmen davor, vorschnell in eine aggressive, kreditfinanzierte Expansionsphase überzugehen. «Firmen müssen weiterhin auf ihre Eigenmittel achten, denn noch lässt sich nicht genau abschätzen, wie lange der Atem reichen muss.»

Gesunde Unternehmen hätten auch nach der Finanzkrise gute Chancen auf Bankkredite. Dass sich Unternehmen über die verschärften Kriterien der Finanzinstitute bei der Kreditvergabe beschweren, lässt Winterer nicht gelten. «Ja, Banken verlangen heute mehr Sicherheiten als vor der Rezession, denn sie haben aus ihren Fehlern gelernt - genau das hat die Öffentlichkeit ja von ihnen erwartet.»

Belastung durch Bürokratie steigt

Sehr pessimistisch zeigen sich die Firmen bei den Belastungen durch Bürokratie und Vorschriften. Vier von fünf erwarten, dass der Aufwand in diesem Jahr steigt. «Diese Entwicklung sehen wir schon seit Jahren», sagt KPMG-Schweiz-Finanzchef Marty. Eine starke Zunahme der Belastungen ortet Marty vor allem für international tätige Firmen, die sich mit Steuergesetzgebungen mehrerer Staaten beschäftigen müssen. In der Krise haben sich viele Länder massiv verschuldet - und suchen nun fieberhaft nach zusätzlichen Geldquellen, um ihr Steuersubstrat zu vergrössern. Auch Firmen sind davon betroffen: Bei den internationalen Transferpreisen etwa schauen die Staaten jetzt ganz genau hin. Hier geht es um die Frage, wo der Firmengewinn hängen bleibt, der entsteht, wenn zwischen verschiedenen Bereichen desselben Unternehmens Güter und Dienstleistungen in Rechnung gestellt werden.

Viele Firmen lassen ihre Warenflüsse mit Vorliebe durch die Schweiz laufen, weil hier die steuerlichen Bedingungen attraktiv sind. Nun wollen auch Länder wie Deutschland, Frankreich und die USA einen Teil der Firmenerträge kassieren. Vor allem dann, wenn ihre Standorte Teil der Wertschöpfungskette sind. «Die Staaten haben zusätzliche Steuerinspektoren eingestellt und fordern nun von den Firmen deutlich mehr Unterlagen an als früher», weiss Marty. «Die Unternehmen brauchen mittlerweile einen ganzen Apparat, um die Bürokratie zu bewältigen - gerade für KMU, die international agieren, ist das eine grosse Herausforderung.»

Zwar sollen Gesetzesrevisionen zu einer Entlastung der Firmen führen, auch in der Schweiz - etwa mit der Revision des Mehrwertsteuergesetzes. Doch Marty ist pessimistisch: «Die Politik redet zwar davon, aber persönlich kann ich kaum konkrete Vereinfachungen für Unternehmen erkennen.»

 

 

NACHGEFRAGT Lukas Marty, Finanzchef KPMG Schweiz

«Betriebe sind aus dem Gröbsten raus»

Warum sind die Firmen für 2010 zuversichtlich?

Lukas Marty: Vielen Firmen sind die Auftragseingänge zusammengebrochen, gerade in den konjunkturanfälligen Branchen wie der Maschinenindustrie. Nun sind die Betriebe aus dem Gröbsten heraus, erste Anzeichen der Erholung werden sichtbar. Hinzu kommt, dass viele Firmen massiv auf die Kostenbremse getreten sind. Das ermöglicht ihnen, trotz tieferen Umsätzen wieder anständige Gewinne zu erzielen.

Viele Firmen mussten im Krisenjahr 2009 ihre ursprünglichen Budgets anpassen. Wie planen sie für 2010?

Marty: Viele Firmen agieren zurückhaltender. Sie haben den Anspruch, die kommunizierten Ziele zu erreichen. Wir stellen aber auch fest, dass deutlich weniger angekündigt wird. Es wäre nicht überraschend, wenn die Firmen an ihren Jahreskonferenzen seltener präzise Wachstumsziele nennen.

Warum sind die Firmen bei der Kreditbeschaffung zuversichtlich?

Marty: Grosse Firmen oder solche, die Zugang zu den Kapitalmärkten haben, haben kaum Probleme bei der Mittelbeschaffung. Schwieriger könnte es für kleine und mittlere Firmen in Branchen mit beschränktem Wachstumspotenzial werden.

Viele KMU klagen, die Banken legten neuerdings strengere Massstäbe bei der Kreditvergabe an. Was raten Sie den Betroffenen?

Marty: Businesspläne müssen so aufgestellt sein, dass sie nicht dem Renditehunger eines einzelnen Investors ausgesetzt sind. Zudem ist bei Übernahmen immer auf eine langfristige Finanzierung zu achten.