Wie tiefe Spuren wird die Krise, in denen sich die Schweizer Grossbanken befinden, in der Schweizer Wirtschaft hinterlassen?

Aymo Brunetti: Um diese Frage zu beantworten, müssen wir sowohl die direkten als auch indirekten Effekte auf das Schweizer BIP beurteilen. Ein direkter Effekt wäre, wenn die Wertschöpfung der Banken in der Schweiz beeinträchtigt würde. Dies ist zwar möglich, aber momentan wirkt sich die Kreditkrise vor allem auf die Wertschöpfung der Schweizer Banken in den USA aus. Denkbare indirekte Effekte kämen über eine Verschlechterung in anderen Sektoren der Schweizer Wirtschaft, etwa wegen einer Kreditverknappung oder über Rückgänge in der Nachfrage. So könnten die vielen negativen Nachrichten bei den Banken indirekt auch die Konsumenten oder Investoren in der Schweiz vorsichtiger stimmen, oder die schlechtere Wirtschaftslage in den USA könnte die Exporte stark beeinträchtigen.

Rechnen Sie nach all den Hiobsbotschaften aus der Bankenwelt mit einem schwächeren Wachstum der Schweizer Wirtschaft?

Brunetti: Die Risiken für die Konjunktur in der Schweiz haben merklich zugenommen. Die Schweizer Wirtschaft wird sich 2008 verlangsamen. Derzeit erwarten wir nach wie vor ein Wachstum von 1,9%, was gegenüber den beinahe 3% von 2007 doch ein deutlicher Rückgang der Dynamik wäre. Allerdings ist die Unsicherheit insbesondere über die Entwicklung der US-Konjunktur deutlich gestiegen, seit wir unsere letzte Prognose im Dezember 2007 erstellt haben. Das Ausmass dieser Effekte und deren Auswirkungen auf die Realwirtschaft für das Jahr 2008 in der Schweiz sind noch schwer zu prognostizieren.

Werden Sie Ihre Wachstumsprognose nach unten korrigieren?

Brunetti: Für allzu grosse konjunkturelle Schwarzmalerei besteht zumindest derzeit noch kein Anlass. In vielen Wachstumsmärkten bleibt die Konjunkturentwicklung bisher lebhaft. Auch unter der Voraussetzung einer zwar merklich verlangsamten, nicht jedoch abstürzenden Weltkonjunktur sollte die Schweizer Wirtschaft 2008 weiter wachsen. Wir werden Mitte März die nächste Neubeurteilung vornehmen. In der Grössenordnung scheint mir aber die Prognose nach wie vor richtig. Zwar festigt sich der Eindruck, dass die US-Kreditkrise noch länger nicht ausgestanden ist, aber die Schweizer Konjunktur als Ganzes befindet sich gemäss verschiedenen Indikatoren weiter in einer robusten Verfassung.

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Allerdings trägt der Finanzsektor überdurchschnittlich zum konjunkturellen Wachstum in der Schweiz bei.

Brunetti: Das stimmt. Die Wertschöpfung des Finanzsektors ? Kredit- und Versicherungsgewerbe ? könnte negativ betroffen sein ? und die macht immerhin rund 12% des Schweizer BIP aus. Zudem haben die tieferen Gewinne oder sogar Verluste bei den Banken einen Einfluss auf die Steuereinnahmen, auf die Boni und dann wieder auf die Konsumausgaben. Wir gehen daher davon aus, dass dies einen klar negativen Wachstumsimpuls gibt. Allerdings gilt es die Relationen zu wahren: Beinahe 90% des Schweizer BIP kommen nicht vom Finanzsektor und die entsprechenden Indikatoren sind nach wie vor mehrheitlich gut.

Werden die Banken bei der Kreditvergabe restriktiver?

Brunetti: Es ist schwierig abzuschätzen, wie und ob überhaupt die Banken in der Schweiz gegenüber Unternehmen oder für Wohnbaufinanzierungen ihre Politik verändern werden. Da es hierzulande wenige Indizien für grosse Übertreibungen gibt, sind aus heutiger Sicht wohl keine grossen Anpassungen in der Kreditvergabepolitik zu erwarten.

Sind wir bei der Kreditkrise bereits am Ende des Tunnels?

Brunetti: Das wissen wir nicht. Die grosse Schwierigkeit ist die Bewertung der betroffenen Finanzmarktprodukte. Es kann noch weitere Abschreiber geben. Die Unsicherheit ist immer noch gross.

Wann wird es für die Konjunktur hierzulande gefährlich?

Brunetti: Problematischer für die Schweizer Wirtschaft würde es, wenn sich die Finanzkrise auch auf das Vermögensverwaltungs- und andere Geschäfte der Banken, das zu einem grossen Teil aus der Schweiz heraus betrieben wird, übergreifen würde.

Die Notenbanken warnen ebenfalls vor weiteren Risiken an den Finanzmärkten: Warum wurden die Warnungen von den Banken nicht schon viel früher erhört?

Brunetti: Sowohl Konjunkturexperten als auch die Notenbanken hatten schon früh auf die Gefahren der Überhitzung auf dem US-Immobilienmarkt hingewiesen. Wir waren in den letzten Jahren in einer klassischen Bubble-Situation. Man kann an den Finanzmärkten auch mit solchen Luftblasen viel Geld verdienen. Der Herdentrieb war stark und der Druck auf die Finanzakteure, sich prozyklisch zu verhalten, entsprechend gross.

Wie gefährlich ist die Kreditkrise?

Brunetti: Bleibt es bei dem, was wir bisher gesehen haben, sind wir mit einem blauen Auge davongekommen. Die grösste Gefahr liegt in der Möglichkeit, dass die amerikanische Wirtschaft noch stärker und langanhaltend in Mitleidenschaft gezogen würde. Auf der anderen Seite darf man etwas nicht vergessen: Die US-Wirtschaft hat sich im letzten Jahrzent als ausgesprochen widerstandsfähig gegenüber verschiedensten Schocks erwiesen. Das ist der Hauptgrund, warum wir im Moment zwar über Risiken sprechen, aber nicht von einer Gewissheit einer längeren US-Rezession. Und es ist mit ein Grund, warum die Konjunkturprognosen bisher generell nicht stark angepasst werden; angepasst wird das wording ? «deutlich höherer Risiken» ?, aber nicht so sehr die Grössenordnung der prognostizierten Werte.

In den USA verdichten sich die Anzeichen, dass die Wirtschaft in eine Rezession abgleitet. Auch die US-Notenbank warnt vor einer Abschwächung. Von welchem Szenario gehen Sie aus?

Brunetti: In den ersten beiden Quartalen 2008 könnte die US-Wirtschaft stagnieren oder sogar einen Rückgang erleiden. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob dieser Trend länger anhält. Ich hoffe, dass wir nur eine kurze Rezession in den USA erleben werden und sich die US-Wirtschaft rasch wieder auffängt. Dazu könnten auch die aggressiven konjunkturpolitischen Massnahmen beitragen.

Allerdings fördern die aggressiven Zinssenkungen der US-Notenbank die Inflation.

Brunetti: Dieses Risiko besteht tatsächlich, und das scheint mir mittelfristig fast besorgniserregender als die unmittelbare Gefahr einer Rezession. Kurzfristig sollten die Massnahmen aber den Abschwung abfedern.

Die USA sind nach der EU der zweitwichtigste Handelspartner der Schweiz: Eine Rezession in den USA würde doch nicht spurlos an den Schweizer Firmen vorbeigehen?

Brunetti: Ein kurzer Abschwung würde die Schweiz wohl nicht sehr stark tangieren. Falls es aber zu einer länger anhaltenden Rezession in Amerika käme, würde dies die Wirtschaft in der Schweiz beeinträchtigen. Trotz der breiteren Diversifizierungen der Exportwirtschaft nach Asien würde eine US-Rezession bei den Schweizer Firmen eindeutig negative Spuren hinterlassen, auch weil sich dem andere Weltregionen nicht entziehen könnten.

Welche konjunkturelle Entwicklung prognostizieren Sie für den Euro-Raum?

Brunetti: Die mit der Kreditkrise verbundene Unsicherheit sowie die konjunkturelle Verlangsamung in den USA werden sich zweifellos auf die europäische Wirtschaftslage auswirken. Damit wird sich die Konjunktur auch im Euro-Raum etwas abschwächen.

Welche Risiken ergeben sich aus einer Euro-Stärke?

Brunetti: Gegenüber dem Schweizer Franken sehen wir seitens des Euro derzeit nur geringe Risiken. Genau im Auge behalten sollte man aber den Dollar.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Dollar nochmals deutlich nachgibt?

Brunetti: Ich halte Szenarien, die davon ausgehen, dass der Dollar nochmals stark unter Druck gerät, für nicht unplausibel. Eine starke Rezession in den USA und die Vertrauenskrise im Finanzsektor könnten den Dollar noch stärker in Mitleidenschaft ziehen. Ein plötzlicher Absturz wäre schwieriger zu verkraften als eine langsamere Abwertung, die angesichts des nach wie vor hohen Leistungsbilanzdefizits eh zu erwarten ist.

Wie hoch sind die Inflationsrisiken in der Schweiz?

Brunetti: Die Inflation scheint in der Schweiz im Moment unter Kontrolle. Wir haben zwar ausgelastete Kapazitäten und starke Erhöhungen der Rohstoffpreise, die Inflationserwartungen sind aber nicht zuletzt dank der lang anhaltenden Preisstabilität und auch dem steigenden internationalen Wettbewerbsdruck tief.

Wird die Arbeitslosenquote angesichts der Probleme im Bankensektor 2008 überhaupt noch weiter sinken?

Brunetti: Es zeigt sich, dass der Schweizer Arbeitsmarkt sehr dynamisch funktioniert, sowohl von der Beschäftigung wie auch von der Dynamik der Arbeitslosigkeit her. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit hat sich zwar in den letzten Monaten saisonbereinigt etwas verlangsamt, die Arbeitslosenquote wird gemäss unserer Prognose 2008 im Durchschnitt aber tiefe 2,5% betragen.

Welche Branchen werden tendenziell nach Ihrem konjunkturellen Szenario profitieren?

Brunetti: Extrem gut gelaufen sind die exportorientierten Sektoren. Weil sich die Weltkonjunktur aber verlangsamt, dürfte der Exportboom etwas zurückgehen. Praktisch alle Sektoren der Schweizer Wirtschaft haben weiterhin relativ gute Aussichten, wenn wir einmal von den Problemen im Finanzsektor absehen.