Adval Tech, Arbonia Forster, Dätwyler, Feintool, Komax, OC Oerlikon, Rieter, Schurter, Sia Abrasives, Straumann, Stahl Gerlafingen, Sultex, Tornos: Die Liste bekannter Unternehmen, die Kurzarbeit anmelden, wird immer länger. Die Meldungen häufen sich in derart rasantem Tempo, dass die aktuellste offizielle Statistik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) mit 712 registrierten Kurzarbeitern für den Monat September längst überholt ist. Das bestätigen die Zahlen, welche die «Handelszeitung» bei verschiedenen kantonalen Ämtern für Wirtschaft und Arbeit (Stichtag 15. Dezember) erhoben hat.

Im Kanton Aargau reichten seit Anfang November über 60 Firmen Gesuche für Kurzarbeit ein.In Bern liegen Gesuche von 134 Firmen für 2800 Beschäftigte vor.Im Thurgau wollen 40 Firmen mit 1600 Beschäftigten kurzarbeiten. In St. Gallen arbeiten 3500 Angestellte mit reduziertem Pensum. In Solothurn gibt es inzwischen über 40 Betriebe mit Kurzarbeit - im August war es erst ein Betrieb. In Zürich sind nach 52 Gesuchen im November allein in der ersten Dezemberhälfte von 60 weiteren Betrieben entsprechende Gesuche eingereicht worden. Betroffen sein dürften auch hier einige tausend Beschäftigte. Zurückzuführen ist die Kurzarbeitswelle auf den massiven Auftragseinbruch, der im Oktober den Industriesektor und die Baubranche erfasst hat.

Rechnet man diese Zahlen hoch, wird klar: Nach den Weihnachtsferien dürften über 20000 Beschäftigte in der Schweiz kurzarbeiten. Das sind bereits mehr Personen als auf dem Höhepunkt der vergangenen Rezession im Februar 2002. Damals gab es knapp 19000 Kurzarbeiter mit mehr als 1 Mio Kurzarbeitsstunden. Der gegenwärtige Anstieg erfolgt geradezu explosiv, das Tempo dürfte historisch einmalig sein. «Wir haben so etwas noch nie erlebt», sagt David Reichart, Stellvertreter des Leiters des Amtes für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Aargau.

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Mit der Kurzarbeit will der Staat verhindern, dass Unternehmen in wirtschaftlich schlechten Zeiten Mitarbeiter entlassen. Die Bewilligung der Kurzarbeit ist zwar streng geregelt. Wenn der Arbeitsausfall unvorhersehbar war und die Firma nichts unterlassen hat, um ihn aufzufangen, geben die Beamten in der Regel grünes Licht.

Die Vorteile der Kurzarbeit für die Unternehmen skizziert Roland A. Müller von der Geschäftsleitung des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes: «Die Kosten können relativ schnell heruntergefahren werden, schneller als bei Entlassungen, die in der Regel frühestens nach drei Monaten kostenwirksam werden.» Kurzarbeit erweise sich als ideal zur Überbrückung einer schnell vorübergehenden konjunkturellen Delle.

Darauf hofft zum Beispiel Joachim Kaufmann, CEO von Feintool, wo am Standort Schweiz aktuell 300 Angestellte von Kurzarbeit betroffen sind. «Wir sind zuversichtlich», sagt er, «dass die Krise in unserem Umfeld gegen Herbst 2009 zu Ende sein wird, und Feintool wird in der Autoproduktion mit seinen Komponenten für treibstoffsparende Systeme dann an vorderster Front mit dabei sein.» Silvio A. Magagna, Finanzchef des Industriezulieferers Dätwyler, bei dem am Standort Schattdorf ab 9. Januar 170 von 450 Beschäftigten mit einem um 40% reduzierten Pensum arbeiten werden, bestätigt: «Mit der bis auf weiteres unbefristeten Kurzarbeit wollen wir das Know-how in unserem Betrieb erhalten.» Für Swissmem-Direktor Peter Dietrich steht fest: «Die Kurzarbeit ist ein sinnvolles Instrument, wenn sie nicht der Strukturerhaltung dient.»

Bezahlen müssen alle

Zum Nulltarif gibt es aber auch die Kurzarbeit nicht: Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen solidarisch in die Arbeitslosenversicherung. Auf 40000 bis 50000 Kurzarbeiter ist dort mit Mehrausgaben von 1 Mrd Fr. pro Jahr zu rechnen. Leisten kann sich das die ALV mit dem heute auf 100000 Arbeitslose ausgerichteten Finanzierungsmodell nicht. Stellt man auf die jüngsten Beschäftigungsprognosen des Bundes mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote von 2,6 auf 4,3% ab, dürfte der Schuldenberg von rund 4,5 Mrd Fr., den die ALV vor sich herschiebt, bis Ende 2009 auf über 7 Mrd Fr. anschwellen.

Das bringt den Bundesrat in Zugzwang. Laut Gesetz muss er, wenn die Verschuldung bei 2,5% der Lohnsumme oder in absoluten Zahlen bei rund 6,5 Mrd Fr. angekommen ist, die Beitragssätze erhöhen. Diese liegen aktuell bei 2 Lohnprozenten. Serge Gaillard, Leiter Direktion für Arbeit beim Seco, erwartet, dass 2010 der Beitragssatz um 0,3% auf 2,3% steigt. Der Bundesrat könnte zwar bis zu 0,5% in eigener Kompetenz aufschlagen, was Gaillard aber für unwahrscheinlich erachtet.

Die erhöhten Beiträge werden kaum dem Schuldenabbau dienen, wie einst vorgesehen, sondern die gestiegenen Kosten abdecken. Offen bleibt, wie hoch der Schuldenberg der ALV letztlich am Ende der Rezession sein wird. Denn niemand weiss wirklich, wie lange sie dauert.