Wie ist die Stimmung bei Ihren Kunden? Kehrt der Optimismus zurück?

Patrick De Maeseneire: Es ist regional sehr unterschiedlich: In Asien ist die Zuversicht gross, und auch in Amerika gibt es Optimismus. In Europa dagegen ist die Stimmung eher verhalten optimistisch.

Weshalb?

De Maeseneire: Trotz der Lösung für Griechenland werden weitere Probleme in Portugal, Spanien oder Italien befürchtet. Dies drückt in Europa auf die Stimmung.

Was bedeutet dies für Adecco?

De Maeseneire: Unsere Zahlen haben sich seit August 2009 Woche für Woche verbessert. Im Laufe des 1. Quartals 2010 sind wir in unseren grossen Märkten wieder zu Wachstum zurückgekehrt. In den übrigen Ländern holen wir auf. Normalerweise sollten wir angesichts des aktuellen BIP-Wachstums in Europa kaum solche Wachstumsraten erzielen. Denn unser Wachstum ist stark an das BIP gekoppelt.

Weshalb gelingt es trotzdem?

De Maeseneire: Der Grund dafür ist, dass die Firmen so stark auf die Kostenbremse getreten sind, dass allein für den Lageraufbau und eine leichte Zusatznachfrage bereits wieder zusätzliche Arbeitskräfte benötigt werden. Diese Nachfrage wird vor allem über Zeitarbeiter abgedeckt.

Adecco hat 2009 20% des Personals abgebaut. Stellen Sie nun wieder Personal ein?

De Maeseneire: In Osteuropa oder Indien etwa stellen wir zusätzliche Leute ein. Für Westeuropa und die USA werden wir im 1. Halbjahr kein zusätzliches Personal rekrutieren. Erst Mitte des Jahres werden wir aufgrund der Wachstumsperspektiven der einzelnen Länder entscheiden. Mit dem Abbau von 9000 Angestellten haben wir unsere Strukturen und Prozesse angepasst. Wir haben mehr Flexibilität, um mit dem bestehenden Personal zu wachsen.

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Können Sie in den Schwellenländern dieses Jahr zweistellig wachsen?

De Maeseneire: Wir sind sehr zuversichtlich für das Wachstum in den Schwellenländern. In Indien beispielsweise wachsen wir über 40%, und zwar nicht von einem tiefen Niveau aus. Dort beschäftigen wir bereits heute rund 11% aller Zeitarbeitskräfte weltweit. Auch in Osteuropa und Lateinamerika wachsen wir enorm.

Wie wirkt sich das Auslaufen der Konjunkturförderprogramme auf die Zeitarbeit aus?

De Maeseneire: Einige Programme sind bereits beendet. Erfreulich ist auch, dass die Nachfrage in einzelnen Ländern diesen Wegfall kompensiert hat. In Deutschland steigen die Exporte, die Automobilindustrie legt langsam wieder zu. Die treibende Kraft dahinter sind insbesondere die Exporte nach Asien. Dennoch sind wir sehr vorsichtig für das 2. Halbjahr 2010. Wir werden bis Ende des Sommers abwarten, um zu beurteilen, was der Wegfall der Stimulationsprogramme bewirkt. Kurz-fristig werden wir daher keine Kosten hinzufügen. Danach sehen wir weiter.

Werden Sie weiter restrukturieren?

De Maeseneire: Nein. Das haben wir abgeschlossen.

Von welchen Szenarios gehen Sie aus?

De Maeseneire: Wir gehen von einem moderaten Wachstum aus.

Das heisst?

De Maeseneire: Da unsere Industrie nur über eine geringe Visibilität verfügt, geben wir keinen Ausblick für das gesamte Jahr.

Anders gefragt: Ihr Wachstum ist an das BIP gekoppelt. Die Ökonomen erwarten in Europa ein Wachstum von 1,5%.

De Maeseneire: Normalerweise wachsen wir zwei- bis dreimal so schnell wie die Wirtschaft. Dies ist aber vom Konjunkturzyklus abhängig.

Gelten die Wachstumsziele von 7 bis 9% nach wie vor?

De Maeseneire: Wir haben im März ein neues Ebita-Ziel von über 5,5% ausgegeben. Das ist für uns derzeit der wichtigste Wert. Es ist ein mittelfristiges Ziel, denn wir kommen soeben erst aus einer Abschwungphase.

Wie wollen Sie diese 5,5% erreichen?

De Maeseneire: Wir haben unsere Kostenstruktur drastisch reduziert. Man darf nicht vergessen: Wir haben zirka 30% unseres Umsatzes verloren, sprich 6,3 Mrd Euro in zwei Jahren. Wir können unser Ziel nur mit einer tieferen Kostenstruktur und mit einer besseren Positionierung in der Fachkräftevermittlung erreichen. Diese haben wir über die Akquisitionen von Spring und insbesondere MPS Group erlangt. Der Anteil in der Fachkräfte-Vermittlung in unserem Portfolio beläuft sich heute auf 28%, nach 17% im Jahr 2008. In diesem Bereich werden höhere Margen erzielt. Gleichzeitig brauchen wir auch ein Wachstum um mehrere Milliarden, um an unser mittelfristiges Ziel zu gelangen.

Ihr Ziel von 5,5%-Ebita ist allein über organisches Wachstum erreichbar?

De Maeseneire: Ja, unser Fokus liegt auf dem organischen Wachstum. Wir haben zum richtigen Zeitpunkt die Zukäufe getätigt, die wir tätigen wollten. Es gibt zwar viele Opportunitäten im Markt. Wir verfügen heute über eine hervorragende Marktposition, mit der wir sowohl im Zeitarbeitsgeschäft als auch in der Fachkräfte-vermittlung wachsen können. In den nächsten zwei Jahren brauchen wir keine grossen Akquisitionen zu tätigen.

Dennoch, wo sehen Sie noch Potenzial?

De Maeseneire: Längerfristig möchte ich den Health-Care-Bereich stärken. Denn dort wird es zu einem enormen Mangel an Arbeitskräften kommen. Was die Zukäufe betrifft, so muss ich präzisieren: Für Akquisitionen standen uns knapp 1 Mrd Euro zur Verfügung. Noch sind 100 bis 150 Mio Euro übrig, die wir für kleinere Zukäufe nutzen können. Dabei fokussieren wir uns auf die Emerging Markets oder auf ergänzende Services, die wir heute noch nicht haben oder gezielt verstärken möchten.

Wie kommt die Integration von Spring und MPS voran?

De Maeseneire: Wir sind auf Kurs. Der Hauptsitz von MPS wird in Jacksonville bleiben. Wir haben entschieden, sämtliche Fachkräfte-Dienstleistungen in Jacksonville zu konzentrieren. Die neuen Führungskräfte sind bestimmt. In den nächsten Wochen werden wir die weitere Organisationsstruktur aufzeigen. Im Laufe dieses Jahres sollen dann jene Bereiche zusammengeführt werden, in denen es bei Adecco und MPS Überschneidungen gibt. Dazu benötigen wir mehr Zeit, um am Ende nicht Marktanteile zu verlieren.

Welche Massnahmen treffen Sie in Grossbritannien?

De Maeseneire: In Grossbritannien haben wir sogar im Aufschwung Umsatz verloren. Es musste etwas geschehen. Da wir schnell handeln mussten, habe ich mich für die Akquisition von Spring entschieden. Dadurch haben wir zusätzliche Skaleneffekte, einen zusätzlichen Umsatz von rund 450 Mio Pfund sowie ein erfahrenes Management-Team, welches den Markt und auch Adecco gut kennt. Ich bin zuversichtlich, dass dieses Team erfolgreich sein wird. Darüber hinaus haben wir über die MPS-Akquisition einen Umsatz von 350 Mio Pfund hinzugewonnen. Wir sind nun die Nummer eins in Grossbritannien mit rund 1,7 Mrd Pfund Umsatz, was eine Grösse ist, mit der sich in diesem schwierigen Markt Geld verdienen lässt.

Wie entwickeln sich die Preise in Ihrem Geschäft?

De Maeseneire: Im Gegensatz zu 2001/ 2002 haben wir uns als Marktleader für die Preisdisziplin entschieden. Im 4. Quartal 2009 lag unsere Bruttomarge bei 17,4%, genauso wie im 3. Quartal. Wie erwartet und auch üblich für den Zyklus in dem wir uns befinden, spüren wir den Preisdruck nach wie vor. Ab dem Sommer 2010 sollte der Preisdruck nachlassen.

Haben Sie in Ihren Märkten entsprechend Marktanteile verloren?

De Maeseneire: In den meisten Ländern sind wir mit dem Markt gewachsen. In unserem grössten Markt, Frankreich, sind wir stärker gewachsen, in Deutschland, Australien oder Holland läuft es etwas weniger gut. Marktanteile zu gewinnen, war nicht unser Ziel, wichtiger waren die Margen.

Adecco-Präsident Rolf Dörig sagte bei Ihrer Nominierung, Sie würden Adecco auf den nächsten Level bringen. Was verstehen Sie darunter?

De Maeseneire: Bei meinem Jobinterview standen drei Punkte im Vordergrund. Das eine ist das Professional Staffing, das 2009 auf einer Pro-forma-Basis 28% zum Umsatz beisteuerte. Ich habe bereits 2001 gesagt, dass Adecco dort noch stärker sein muss, weil dort die hohen Margen, das grössere Wachstum und künftig die Engpässe sein werden. Ein weiteres wichtiges Ziel ist, die Baustelle England aufzuräumen. Mit der Übernahme von Spring haben wir jetzt ein kompetentes Management, das den Turnaround bringen wird. Ich erwarte für 2011 eine klare Wende.

Und der dritte Punkt?

De Maeseneire: Wir haben einen finanziellen Fünfjahresplan. Es ist meine Verantwortung, diesen mit dem Management zu erreichen, sonst bin ich weg. Ich bin überzeugt, dass wir unser Ziel erreichen.

Welche Langzeitvision verfolgen Sie?

De Maeseneire: Diese Firma braucht Kontinuität. Eines meiner persönlichen Ziele ist, einen internen Nachfolger aufzubauen. Ausserdem würde es mich freuen, wenn Adecco langfristig zirka 40% mit dem Professional Staffing verdienen könnte. Ein wichtiges Ziel ist zudem, unsere Fluktuationsrate weiter zu senken. In England lag sie zwischenzeitlich bei 70%. Ich sage immer: Alle Manager, die Personal verlieren, sollten sich schlecht fühlen und in den Spiegel schauen. Die Menschen arbeiten für die Manager und gehen, wenn diese schlecht sind.