Sie haben als erfolgreichster Unternehmer Grossbritanniens einige Krisen überlebt. Wie bewerten Sie die gegenwärtige?

Richard Branson: Es handelt sich um eine grosse Krise. Doch jede Krise birgt immer grosse Chancen. Es entstehen neue Unternehmen, es werden neue Vermögen gebildet. Jeder unternehmerisch denkende Mensch sollte jetzt nicht wehklagen, sondern vor allem das Potenzial in dieser Krise sehen.

Wo konkret?

Branson: Es wurden im letzten Jahr zahlreiche Werte halbiert. In einigen Immobilienmärkten brachen die Preise um 40 bis 50% ein. Für ein Schiff zahle ich heute 5 bis 10% weniger als vor einem Jahr, für ein Flugzeug sind es 30 bis 40%. Deshalb wiederhole ich, die Zeit für neue Firmen und neue Geschäftsfelder ist jetzt fantastisch.

Wie ergreifen Sie als Unternehmer, der über 200 Firmen besitzt und 50000 Personen beschäftigt, neue Chancen?

Branson: Virgin ist ein grosser Konzern. Deshalb können wir etwas anders vorgehen als ein Jungunternehmen. Virgin will primär anders sein, das heisst, wir unterscheiden uns von bestehenden Ideen und Firmen. In der Transportindustrie entwickeln wir neuartige, saubere Treibstoffe für Flugzeuge, Autos und Züge.

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Sie engagieren sich stark für Alternativenergie. Muss die grüne Revolution Ihrer Meinung nach von den Unternehmen oder vom Staat kommen?

Branson: Die Revolution muss mit neuen Ideen, Businessmodellen und Technologien kommen, also von den Unternehmen. Gleichzeitig sollte der Staat diese mit Steuerpolitik fördern. Erst wenn die grünen Errungenschaften preislich attraktiv werden, können sie sich auch durchsetzen.

Was heisst das für Jungunternehmer?

Branson: Die Energiefrage wird die Zukunft dominieren. Der Preis fürs Erdöl wird wieder ansteigen und die Rekordhöhen von 150 Dollar pro Fass überschreiten. Grund sind die schwindenden Vorräte. Mit neuen Erfindungen eröffnen sich für Jungunternehmer riesige Chancen.

Gibt es auch andere Bereiche?

Branson: Es ist wichtig, in jenen Märkten tätig zu sein, wo die Akteure nicht optimal aufgestellt sind. Ich habe häufig aus einer Frustration heraus ein neues Unternehmen gegründet. Der diesjährige Swiss-Economic-Award-Preisträger 3+ ist für mich ein Beispiel. Der kleine private TV-Sender hat eine Lücke entdeckt und diese intelligent gefüllt. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass es noch kein Raumschiffunternehmen gibt, das Weltraumreisen für Privatpersonen anbietet. Also haben wir Virgin Galactic gegründet und entwickeln neue Technologien. Meine Familie wird den ersten Flug machen.

Wann?

Branson: In rund 18 Monaten. Virgins Philiosophie ist es immer gewesen, uns zu differenzieren. Die Airline Virgin America wurde gegründet, weil auf vielen inneramerikanischen Flügen Service und Qualität schrecklich sind. In Italien, um ein weiteres Beispiel zu erwähnen, gab es keine guten Health Clubs - das ist dank Virgin nun anders. So gehen wir vor.

Das Wort «Fun» ist bei Ihnen immer wieder zu hören. Bereitet Ihnen Arbeit wirklich nur Spass?

Branson: Das Leben macht riesig Spass. Ich liebe die Menschen und geniesse jede Sekunde. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Arbeit, Freizeit und Spielen. Spass steht immer im Vordergrund. Natürlich trage ich als Unternehmer auch Verantwortung. Wenn ich ein Ziel vor Augen habe, dann arbeite ich hart, um dieses zu erreichen.

Menschen, die zu viel Spass haben, werden in der Wirtschaftswelt nicht immer ernst genommen. Wie haben Sie es geschafft?

Branson: Virgin hat als Unternehmen bis jetzt noch keine gravierenden Ausrutscher gehabt. Wir halten unsere Versprechen. Ich persönlich verbringe die meiste Zeit nun mit sozialen Anliegen, das hilft wohl auch dem Image von Virgin.

Ihre erste Firma, Virgin Records, mit der Sie Mike Oldfield entdeckten, bildete den Grundstein Ihres Imperiums. Bereuen Sie den Verkauf des Plattengeschäfts nicht?

Branson: Ich habe in meinem Leben noch nie etwas bereut. Ich hatte das Glück, in einer Zeit in der Musikindustrie tätig zu sein, als diese ihre absolute Blütezeit hatte. Wir arbeiteten mit Rolling Stones, Janet Jackson, Sex Pistols, Phil Collins und vielen anderen zusammen. Heute befindet sich die Musikindustrie leider in einem schlechten Zustand und bereitet nicht mehr gleich viel Spass wie damals. Das hört sich jetzt wie ein Grossvater an, der über die heutige Musik spricht Doch Virgin organisiert Festivals. So sind wir immer noch mit der Musik und den Stars verbunden.