Die Fakten verheissen wenig Erfreuliches: Ins Uhrenjahr 2009 ist der wichtige Schweizer Exportzweig im Rückwärtsgang gestartet. Im Vergleich zum Vorjahr brachen die Exporte Januar und Februar um 22,0% ein; sie stürzten von 2,53 auf 1,98 Mrd Fr. ab. Seit November 2008 werden damit nur noch Minuswerte geschrieben, allerdings ausgehend von Rekordzahlen. Die hiesige Uhrenindustrie muss - wie übrigens auch der Handel - für 2009 davon ausgehen, dass sie, je nach Verlauf der Krise in den nächsten neun Monaten, um oder gar über 20% schrumpft. Das trifft sie hart, scheint aber verkraftbar.

Die Devise heisst jetzt: Sparen

Jährlich zweistellige Wachstumsraten gehören damit vorerst definitiv der Vergangenheit an. Wer heuer die keineswegs schlechten 2007er Zahlen erreicht, darf sich absolut glücklich schätzen; eher werden wir uns auf dem Niveau von 2006 bewegen. Denn die Märkte sind schlichtweg in Unordnung. Geld ist generell knapp geworden. Selbst die Mega-Reichen wie auch die umworbenen Net Worth Individuals mussten in finanzieller Hinsicht teilweise heftig Federn lassen. Somit heisst es sparen. Das geschieht am ehesten bei Dingen, von denen man schon reichlich hat - oder die schlichtweg verzichtbar sind. Autos gehören beispielsweise dazu. Und Uhren. Exzessive Opulenz ist in mageren Zeiten häufig fehl am Platz. An ihre Stelle wird künftig spürbar mehr Diskretion treten.

Bis diese Einstellungen und Haltungen bei allen Uhrenfabrikanten ankommen, wird freilich eine gewisse Zeit verstreichen. Vieles von dem, was während der diesjährigen Messen bisher präsentiert wurde und diese Woche an der «BaselWorld» zu sehen ist, steckte schon in der Pipeline, als das ganze Ausmass des wirtschaftlichen Desasters noch gar nicht abzusehen war. Deshalb dürfte manchen Herstellern, vor allem solchen, die ihr Glück aus immer neuen Tourbillons und verrückteren Komplikationen ableiteten, eine schmerzliche Durststrecke ins Haus stehen. Ihre Stammkundschaft - beispielsweise in Russland - plagen momentan andere Sorgen.

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Banken sperren Handel Kredite

Das trifft auch auf die Importeure und Fachhändler zu, welche unter exorbitanten Kreditzinsen von 20% und mehr leiden. Da vergeht schnell die Orderlaune, zumal der gewohnt schnelle Durchverkauf teurer Stücke alles andere als gewiss ist. Bei längerem Liegen in den Vitrinen verkehrt sich die keineswegs üppige Marge angesichts enormer Zinslasten schnell in einen satten Verlust. Die Folge: Sinkende Risikobereitschaft.

Dazu kommt, dass die ganze Welt kränkelt. Russland ist freilich nicht der einzige Not leidende Markt. Die Konsumlaune in den USA hustet ob der sattsam bekannten Faktoren wie sinkenden Immobilienpreisen, steigender Arbeitslosigkeit und fehlenden Bonuszahlungen. Dazu kommt erschwerend die noch ins Haus stehende Problematik rückzahlbarer Kreditkartenschulden hinzu. In Japan liegt die Kaufbereitschaft für Luxusgüter ebenfalls am Boden. In Westeuropa heissen die offenkundig Kranken Spanien und Irland, während sich Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und die Schweiz hinsichtlich des privaten Konsums - derzeit noch - erstaunlich gut halten. Wie lange, das kann und mag niemand prognostizieren. Firmenpleiten und drohende Verluste des Arbeitsplatzes motivieren auch hier nicht unbedingt zum freizügigen Geldausgeben.

Schliesslich dürften viele Uhrenfabrikanten das finanzielle Damoklesschwert über den osteuropäischen Ländern und dem Baltikum mit Sorgenfalten auf der Stirn beobachten. Hier scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis so manches kreditfinanzierte Kartenhaus in sich zusammenfällt und den prosperierenden Markt für kostspielige Luxusgüter unter sich begräbt.

Angesichts all dieser Verwerfungen stellt sich sehr schnell die Frage nach wirksamen Gegengiften. Patentrezepte kann und wird es nicht geben. Aber Agonie und Lethargie sind mit Sicherheit die falschen Wege aus der Misere.

Es braucht krisenerprobte Chefs

Zuvorderst sind krisenerprobte Firmenchefs und Produktstrategen gefragt. Viele der aktuellen Manager kennen das Wort «Uhrenkrise» nämlich nur aus den Chroniken. Dabei gehören derartige Szenarien zur Uhrenindustrie wie das Salz zur Suppe. Erinnert sei bei dieser Gelegenheit an die Amerikanische Krise des Jahres 1876, an den wirtschaftlichen Tiefschlag, welchen der Börsencrash des Jahres 1929 und die anschliessende Weltwirtschaftskrise vor allem der eidgenössischen Uhrenindustrie versetzten, und an die bitteren Folgen der Quarz-Revolution in den 1970er Jahren. Das waren nur die sogenannten «Hämmer». Dazwischen ging es in chronometrischen Dingen regelmässig auf und ab, denn kostspielige Uhren sind nun mal extrem konjunkturanfällig. Schon kleinere Störungen im ökonomischen Gefüge wie zum Beispiel 9-11 oder SARS reichten, um das Geschehen negativ zu beeinflussen. Schönwetterkapitäne, die es in den zurückliegenden Jahren gewohnt waren, dass man ihnen ihre Uhren irgendwo auf diesem Globus für aberwitzige Summen aus den Händen riss, werden sich definitiv schwer tun.

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Damit zu einem wirklich hausgemachten Problem der Industrie. Angesicht immer neuer Höhenflüge wurden die Preise nicht mehr kaufmännisch kalkuliert, sondern schlichtweg daran ausgerichtet, was der boomende Markt hergeben könnte. Mit dem Nehmen, was irgendwie möglich ist, dürfte es vorbei sein. Fortan heisst es bei neuen Erzeugnissen, knallhart rechnen, denn die Kunden werden vergleichen und prüfen, welchen Gegenwert sie für ihr gutes, weil extrem knappes Geld bekommen. Genau das zeigte sich im Umfeld des Genfer Uhrensalons. So mancher Fantasiepreis für eine Neuvorstellung fiel fast über Nacht dem marktbedingten Rotstift zum Opfer. Plötzlich ging es auch einige 100 oder 1000 Fr. billiger. Ergo musste irgendwo Luft sein im scheinbar ausgefeilten System.