Krisen gehören zur Uhrenindustrie wie das Salz zur Suppe. Die «Amerikanische Krise» von 1876, die Krise nach dem Wall-Street-Börsencrash des Jahres 1929, die Quarz-Revolution der 1970er Jahre und die Nach-9/11-Krise 2001 sind nur einige Beispiele. Aus allen diesen misslichen Situationen ging die hiesige Uhren- und Schmuckindustrie zwar durchgeschüttelt und verändert, aber stets gestärkt hervor. Ob es am Ende der Subprime- und Finanzmarktprobleme ähnlich sein wird, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand mit letzter Sicherheit vorhersagen.

Weiterhin gibt es mehr oder minder versteckte Risiken beispielsweise aus Forderungen gegenüber – hauptsächlich – amerikanischen und britischen Kreditkarteninhabern. Auch hier können Ausfälle in Milliardenhöhe auf die Bankenlandschaft zukommen.

Kein Grund zur Resignation

2007 war für die Uhrenindustrie das vierte Wachstumsjahr, welches so manche Rekorde gebrochen hat. Anzeichen von Schwäche gab es nicht. Die Exporte erreichten mit 16 Mrd Fr. und einem Wachstum von 16,2% gegenüber 2006 einsame Höhen. Allein 14,8 Mrd Fr. entfielen dabei auf 25,9 Mio fertige Uhren aller Art. Nur 4,2% Wachstum bei den Stückzahlen gegenüber 16,2 Wertprozenten weisen auf deutlich gestiegene Durchschnittspreise hin. Und auch die ersten neun Monate dieses Jahres brachten bisher ein zweistelliges Wachstum (siehe Tabelle). Dieses hätte übrigens noch deutlich höher ausfallen können, gäbe es da nicht weiterhin bemerkenswerte Produktionsengpässe.

Mehrheitsaktionär Johan Rupert verweist beispielsweise darauf, dass die Marken seines Richemont-Konzerns nur etwa 60% der weltweiten Nachfrage befriedigen konnten. Ins gleiche Horn stösst auch Nick Hayek, wenn er betont, dass «bei Spitzenmarken wie Omega und Breguet ein Überhang an Bestellungen vorliegt». Anderseits signalisiert der Swatch-Group-CEO aber auch eine sinkende Nachfrage Amerika-orientierter Marken. Dafür «verzeichnen wir in China weiterhin ein ungebremstes Wachstum. Und in Russland laufen die Geschäfte ebenfalls gut.»

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Das alles sind freilich nur Betrachtungen zur Gegenwart, die sich dann sehr schnell verändern können, wenn die bislang üppigen Bonuszahlungen am Jahresende spürbar sinken oder sogar ganz wegfallen. Aber: Richemont erzielte im 1. Halbjahr 2008 (per Ende September) ein Wachstum von 10% auf 2,8 Mrd Euro. Im Oktober allerdings sackte das Wachstum noch auf 1,6% ab; rückläufig waren die Verkäufe in den USA und in Europa. Dennoch: Die Genfer signalisieren Optimismus.

Der eidgenössische Uhrenfachhandel sieht derzeit ebenfalls noch keinen Grund, in tiefe Depressionen zu verfallen. «Die momentanen Turbulenzen werden sicher Bremsspuren hinterlassen. Wir sind jedoch zuversichtlich, denn unsere überdurchschnittlichen Aufwendungen für unsere lokale Kundschaft bewähren und beweisen sich erfahrungsgemäss gerade in schwierigen Perioden», konstatiert Bucherer-CEO Adelbert Bütler. An der Zürcher Bahnhofstrasse residiert René Beyer mit seinem Luxusuhren-Geschäft. «Seit dem Börsencrash ist hier eigentlich nach wie vor Business as usual. Eine spürbare Umsatzeinbusse würde sich in etwa einem bis sechs Monaten einstellen.»

In hohem Masse sturmerprobt ist Jean-Claude Biver. «Das ist die dritte Krise, welche ich in meiner beruflichen Laufbahn erlebe. Und zum dritten Mal spüre ich: Es ist wie beim Velofahren. Es geht bergauf und dann eben wieder bergab. Für kreative Unternehmer mit Mut und Visionen bestehen hervorragende Chancen zur Weiterentwicklung. Insofern hat diese Krise positive Seiten.» Biver: «Gründe zur Angst gibt es nicht. Im 2. Semester 2009 wird sich helleres Licht am Horizont zeigen. 2010 sollte der Spuk überwunden sein.»

Es wird Bereinigungen geben

Gute Zukunftschancen sieht auch Thomas Morf von Carl F. Bucherer: «Die Finanzkrise wird den Uhrenmarkt bereinigen. Unternehmen, die wie wir ein fundiertes internationales Distributionsnetz aufgebaut und einen nachhaltigen Markenaufbau betrieben haben und daher über eine gesunde Substanz verfügen, werden daraus gestärkt hervorgehen.»

Deutlich zurückhaltender äussert sich Karl-Friedrich Scheufele, Co-Präsident des Hauses Chopard: «Es ist noch zu früh, um abschätzen zu können, wie stark sich die Finanzkrise auf die Uhrenindustrie auswirkt. Es kann jedoch zu einem Geschäftsrückgang kommen, welcher je nach Kontinent verschieden stark ausfällt.» Der Tenor von Luigi Macaluso fällt ebenfalls eher verhalten aus. «Diese Finanzkrise nimmt grosse Ausmasse an, sowohl emotional als auch für die Volkswirtschaft. Es ist schwierig, ihre Konsequenzen und ihre Dauer vorherzusehen. Somit ist es wichtig, sehr vorsichtig zu bleiben. Ich glaube aber an die Stärken der Schweizer Haute Horlogerie allgemein und an die der Sowind Group insbesondere.»

Zenith-CEO Thierry Nataf schliesslich ist «der festen Überzeugung, dass sich die Zeiten ändern. Im Licht dieser Rückwärtsbewegung der Weltwirtschaft werden sich die Uhrenliebhaber auf das Wesentliche der Zeit besinnen: Absolute Qualität.»