Die Fronten zwischen Ökologie, Ökonomie und Politik sind zurzeit verhärtet. Die wabernde globale Krise der Finanzindustrie kommt den Klassenkämpfern in der Energieszene daher zupass: Managergier und Finanzkapitalismus werden längst auch den «Strombaronen» unterstellt, also «Managern» von Unternehmen, deren Dotationskapital hierzulande zu rund 80% bei den Kantonen und Kommunen – also der öffentlichen Hand – liegt.

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Ja selbst nüchterne, unverdächtige Physiker geraten in den Verdacht der Parteilichkeit, wenn ihre Resultate nicht den Zeitgeist – oder das, was die Politik dafür hält – treffen. Stefan Hirschberg, Leiter des Labors für Energiesystem-Analysen am renommierten Paul-Scherrer-Institut (PSI), wird regelmässig öffentlich abgewatscht, wenn seine Sicht der Dinge im Spannungsfeld von Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft bestimmten Vorstellungen bestimmter Politiker widersprechen.

Dabei anerkennt der international reputierte Experte die immensen Fortschritte von Solarthermik, Photovoltaik und die Nutzung von Biomasse. Sein Urteil bezieht die Kosten, Versorgungssicherheit, Ressourcenschonung, Umwelt- und Klimabelastungen sowie schliesslich die gesellschaftliche Akzeptanz mit ein. Gerade hier gibt Hirschberg den Öko- Energieträgern hervorragende Noten: «Sie werden in Bezug auf ihre langfristige Bedeutung leider deutlich unterschätzt», kritisiert er – ist aber gleichzeitig überzeugt, dass «sie kurzfristig ebenso deutlich überschätzt werden.»

Darin sind sich Hirschberg und das Bundesamt für Energie (BfE) einig. Beide schätzen die Energietechnologien in einer «liberalen und marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft» hoch ein, bringt es auch Walter Steinmann, Direktor BfE, auf den Punkt. Dies betrifft nicht nur Technologien für die Energieerzeugung, sondern auch die Förderung der Energieeffizienz.

Welches sind die Ziele?

Welche Ziele nimmt die Schweizer Energiepolitik ins Visier? Steht die Verringerung der CO2-Emissionen aus der Energienutzung über allem? Das beträfe die Ablösung der fossilen Heiz- und Treibstoffe durch Solarthermik und Strom – Wasserkraft und Kernenergie würden über Nacht die wichtigsten Partner für die neuen Erneuerbaren. Oder will der Gesetzgeber die Abkehr von der Grosstechnologie hin zur dezentralen, kleinräumigen Produktionsstruktur?

Das wurde schon in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts durch die Expertengruppe Ener-gieszenarien Schweiz (EGES) angedacht und würde heute durch die Förderung von Wärme-Kraft-Koppelung (WKK) auf der Basis von politisch verträglichen, also biologischen und nachhaltigen Brennstoffenm, sowie durch die Förderung aller erneuerbaren Stromproduktionsformen geschehen. Ein grundlegender Systemumbau würde die Zukunft der Kernenergie zumindest hierzulande ins Mark treffen.

Wie weit Anspruch und Realität auseinanderklaffen, offenbart sich im behördlichen Tagesgeschäft: Der Bund fördert derzeit nur noch jene Solarstromanlagen, die zwischen 2006 und Ende April 2008 in Betrieb gegangen sind sowie «einige wenige der grössten angemeldeten Anlagen mit mehr als 2000 kW Nennleistung». Das bedeutet, dass mehr als 3000 Gesuchsteller leer ausgehen – vor allem Landwirte und Hausbesitzer. Die durch die Marktöffnung anfallenden 330 Mio Fr. jährlich fliessen also nach Auffassung des Bundes an andere Projekte.

Erfolgsstory Solarkollektoren

Davon unbeeindruckt hat sich die Wärmegewinnung aus Sonnenkollektoren zu einer Erfolgsstory entwickelt. Die Verkäufe für Sonnenkollektoren für Warmwasser und Heizung werden bis zum Jahresende um rund 30% zunehmen. Damit sind sie bereits zur Selbstverständlichkeit geworden, vor allem auf Einfamilienhäusern, immer öfter aber auch auf Mehrfamilienhäusern.

Nach Schätzungen des Schweizerischen Fachverbandes für Sonnenenergie (Swissolar) wird heute etwa auf jedem fünften neu erstellen Einfamilienhaus eine Sonnenkollektoranlage installiert. «Immer mehr Hausbesitzer sehen die eigene Solaranlage als eine Unabhängigkeitserklärung, denn die Sonne scheint gratis, auch wenn der Öl- und Gaspreis weiter ansteigten», freut sich David Stickelberger, Geschäftsleiter von Swissolar.

Befeuert wird die Ökoenergie-Szene wirkungsvoll durch verschiedene überregionale Projektideen – etwa das Projekt «100 jetzt!» der von Basel aus wirkenden Stiftung Energie Zukunft Schweiz. Geschäftsführer Aeneas Wanner ist überzeugt, damit einen Beitrag an eine nachhaltige Energieversorgung zu leisten.

Daran beteiligen sich inzwischen zahlreiche namhafte Stromversorgungsunternehmen aus der Nordwestschweiz, darunter auch die Solothurner AEK Energie AG, eine Tochter von Atel und BKW. Deren Hauptinnovation liegt seit einigen Jahren allerdings abseits von Volt und Ampere: AEK ist landesweit der grösste Produzent von Holzpellets und ein namhafter Anbieter von Fernwärme und Contracting-Dienstleistungen.

«Unsere Teilnahme am Solarwärmeprojekt ‹100 jetzt!› fügt sich nahtlos in die Reihe unserer Ökoenergie-Vorhaben und unterstützt unsere Bestrebungen, möglichst viel CO2 einzusparen», erklärt AEK-Chef Walter Wirth. Allein die von AEK initiierte Ferndampfleitung zwischen der Kehrichtverbrennungsanlage Zuchwil und der Papierfabrik M-real in Biberist bzw. dem DHL-Zentrum in Derendingen dürfte pro Jahr mehr als 60000 t CO2 vermeiden. Längst befeuern unter AEK-Contracting stehende Gross-Pelletskessel von bis zu 800 kW Leistung Industriebetriebe und Gemeinde-Nahwärme-Verbünde – Skala nach oben offen.

Derweil können sich die Wasserkraftwerker in Bezug auf CO2 beruhigt zurücklehnen. Sämtliche Energieszenarien bestätigen, dass Wasserkraft neben der Kernenergie die geringsten externen Kosten in Bezug auf Luftschadstoffe und Klimagase erzeugt. Aber neue Anlagen dürften sich wegen ihrer hohen Kosten nur schwer gegen konventionelle Stromerzeugungen aus Kernkraft, Steinkohle oder etwa Gaskraftwerke durchzusetzen. Darum will die Branche Wasserkraft sozial legitimieren und die ökologischen Vorzüge deutlich kommunizieren.

Längst sind die wichtigsten Erzeuger von Strom aus Wasserkraft hierzulande unter dem Gütesiegel «Naturemade» vereint, einem Siegel, das sich von der Grüngutvergärung über die energetische Nutzung von Holz und Altholz, Klärgas, landwirtschaftlichem Biogas, Strom aus Solarzellen bis hin zur Trinkwasser-Turbinierung allem annimmt, was unter dem Öko-Label hält, was es verspricht.

Mengenmässig die grössten Beiträge liefern zurzeit die Wasserkraftwerke – immerhin rund 6,7 Mrd kWh im Jahr. Der zertifizierte Strom lässt sich gut absetzen: Stetig stärker legt auch die Industrie Wert auf eine kommunizierbare Vernunft durch den Einsatz von ökologisch erzeugtem Strom. Sämtliche grossen Wasserkraftwerke – von Grande Dixence über die EWZ-Anlagen im Bündnerland bis hin zu den Kraftwerken Oberhasli – sind im Boot.