Nun sind wir im 21. Jahrhundert angekommen: Die Formen und Typen ändern sich in breiterer Front, was manche schon pünktlich zur Jahrhundertwende einforderten. Das bisher «Klassisch-Moderne» sieht daneben alt aus – falls man auf der Seite der Zukunftsorientierten steht. Die Avantgarde hat den Durchbruch geschafft. Jetzt arbeitet eine Generation, die ganz selbstverständlich mit Computergeriertem Design umgeht. Die Jungen folgen, die als «Native User» den PC schon aus Kindertagen kennen und sich lustvoll auf das Spiel mit dem Rechner einlassen. Sie geniessen den kreativen Hype.

Futuristischer Fluss

Revolutionär ist heute die Verschmelzung der Disziplinen, so zum Beispiel von Architektur und Design. Anfang des 20. Jahrhunderts wandte man auf der Suche nach futuristischen Formen noch das Abstrahieren und Dekonstruieren an. Heute werden Grenzen gesprengt: Alles kommt in Fluss und ist bereit, sich kontinuierlich neu zu formieren. Eine der Protagonistinnen ist die Architektin Zaha Hadid, deren Computerarchitektur lange als unbaubar galt. Inzwischen greifen Technik und neue Formensprache Raum. Zu den innovativen Nutzern digitaler Hilfsmittel gehört auch Architekt Ben van Berkel mit seinem Amsterdamer Unstudio. Sein spektakuläres Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart zeigt den neuen Fluss der Dinge geradezu exemplarisch. Raum am «laufenden Band» hat die üblichen Geschossebenen abgelöst. Bei seinem Sitzmöbel «Circle» für den Baden-Württembergischen Möbelhersteller Walter Knoll gehen Bereiche mit korrekter Sitzhaltung fliessend in Relax-Zonen über. Die Gestaltungsfreiheit am Computer birgt auch Tücken: Wird der Entwurf in realer Grösse gebaut, bedarf so manche dynamische PC-Linie der intensiven Überarbeitung per Handarbeit.

Multioptional stellen sich viele der neuen Möbeldesigns dar: Sie wirken dynamisch, sind vielseitig benutzbar und überschreiten oft die Grenzen der Typologien. Zwei junge Designer aus Ostdeutschland, Studio Vertijet, haben für Cor mit «Lava» ein futuristisches Polsterpuzzle entworfen, das Sitz- und Liegefläche sowie Teppich miteinander vereint. Es sieht cool aus, ermöglicht die «junge» bodennahe Lagerung und ist definitiv am PC entstanden. Diese frische Haltung zeigen auch die «neuen Hybriden»: Das sind Gegenstände, die man auf den ersten und auch auf den zweiten Blick nicht so klar einzuordnen vermag. Wozu dienen sie? Sind sie Zeitungsständer, Tisch oder Regal? Sie sind immer alles, eine Verschmelzung von Typen, eine neue Spezies. So die Kunststoffelemente «Panier», entworfen von den Brüdern Bouroullec aus der Bretagne. Man könnte sie auch als Austernkörbe benutzen.

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Liebenswert lebendig

Konstruktion und Dekoration gehen bei den neuen Computer-entwürfen Hand in Hand. Oft entsteht eine besondere Atmosphäre: fantasievoll, heiter, verspielt und sogar ein bisschen menschlich, sympathisch. Man glaubt fast, dass da etwas Lebendiges entstanden ist. So wie die bunten Luftblasen-Kringel des Designerinnenduos Olze & Wilkens über die Wand tanzen, die eigentlich Garderobenhaken sind. Oder wie eine wundersame filigrane Blüte im Raum schwebt, die eigentlich ein Sessel ist.

Digitale Kreativität

Computergesteuerte Produktion macht solche früher nicht einmal mit immensem handwerklichem Aufwand realisierbaren Kunststücke möglich. Auch Stoffe bekommen durch Laser-Cut ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten, länger schon in der Haute Couture, wie von Jakob Schlaepfer in St. Gallen und anderen innovativen Herstellern. Auch in der Grossproduktion profitieren wir von den neuen Möglichkeiten: Der italienische Hersteller Kartell fertigt Tischchen mit filigran dessinierten Platten aus farbigem Kunststoff, Patricia Urquiola hat sie entworfen. Sie versteht es perfekt, aufwändige kunsthandwerkliche Effekte auf höchst dekorative und preiswerte Serienprodukte zu übersetzen. Dank digitaler Teamgefährten.