Das Missverhältnis ist offensichtlich: 1574 Coiffeusen und Coiffeure haben 2007 erfolgreich ihre Berufslehre abgeschlossen. Und wie viele am Markt dringend benötigte Informatiker? Genau 1456. Der Vergleich fällt noch krasser aus, stellt man die Lehrlingsquoten des Dienstleistungsbereichs (rund 70% aller Beschäftigten in der Schweiz) jenen von Bau, Industrie und Gewerbe (etwa 25% der Beschäftigten) gegenüber: Während es in Bau und Industrie zwischen 11 und 12 Auszubildende pro 100 Erwerbstätige gibt, sind es bei den Dienstleistungen nur zwischen 5 und 6.

Bloss 15,6% aller Unternehmen im Tertiärsektor bilden Lehrlinge aus, in Bau und Industrie sind es hingegen 26,2%. Das Bundesamt für Statistik spricht angesichts der zunehmenden Tertiarisierung der Schweizer Wirtschaft von einer «Überrepräsentierung» des zweiten Sektors in der beruflichen Grundbildung. Es stelle sich in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Ausbildungsbeteiligung des immer stärker werdenden dritten Sektors.

Strahm kritisierte das System

Schärfer kommentiert der Ökonom und Preisüberwacher Rudolf Strahm das heutige Berufsbildungssystem: «Es entspricht mit seiner Lehrberufsverteilung der Wirtschaftsstruktur vor 20 Jahren und hinkt der Wirtschaftsentwicklung hinterher», schreibt er in seinem eben erschienenen Buch «Warum wir so reich sind». Seine Forderung: «Mehr Lehrstellen im Dienstleistungssektor.»

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6,1 Lehrstellen pro 100 Beschäftigte sind nach Strahm in den einzelnen Branchen ein idealer Sollwert, den auch die Firmen in der Dienstleistungsbranche erreichen müssten (siehe Grafiken). Nur so könne man den «Mobilitätssog» vom zweiten in den dritten Sektor verhindern, der hohe volkswirtschaftliche Kosten verursache.

Mit Geldern aus einem neuen Berufsausbildungsfonds sollen jetzt im Kanton Zürich unter anderem Anreize geschaffen werden, um das Angebot an Lehrstellen in neuen Berufen zu erhöhen. So könnten etwa Lehrstellenverbünde unterstützt werden, in denen gerade Kleinstunternehmen aus dem Dienstleistungssektor ihr Ausbildungsangebot zusammenlegen können. Am 28. September wird über dieses neue Instrument abgestimmt.

«Ich habe als früherer Direktor des Branchenverbands Clima Suisse immer wieder erlebt, dass teuer ausgebildete Branchenfachleute mit höheren Löhnen von Unternehmen geködert worden sind, die nichts in die Lehrlingsausbildung investiert hatten», sagt Lucius Dürr, Direktor des Schweizerischen Versicherungsverbands und Chef der CVP-Fraktion im Zürcher Kantonsparlament. Deshalb befürworte er den Berufsbildungsfonds. Dürr: «Es geht nicht, dass man sich gegenüber den Branchen, welche sich seit Jahrzehnten für die Berufsbildung engagieren, so unsolidarisch verhält und von den Leistungen anderer profitiert.» Solche Trittbrettfahrer sollen jetzt zur Kasse gebeten werden (siehe Kasten).

Gewerbe gegen Staatsfonds

Gegen den Ausbildungsfonds ist das Gewerbe. Es spricht von einer Lehrstellensteuer und weist auf die verschiedenen Ausbildungsfonds hin, die in einzelnen Branchen bereits erfolgreich existierten. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV), betont, dass das Angebot an Lehrstellen immer noch wachse: «Die Wirtschaft hat kein Problem, das man auf diese Weise lösen müsste. Es ist auch so, dass mit dem demografischen Wandel bald Lehrstellen fehlen könnten, dann haben wir eine Struktur aufgebaut, die wir dann auf Kosten der Betriebe teuer unterhalten müssen.»

Für branchenspezifische Ausbildungslösungen, wie sie das Berufsbildungsgesetz vorsieht, plädiert auch Hugo Barmettler, stellvertretender Leiter Berufsbildung im Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT). «Die Wirtschaft kennt ihre eigenen Bedürfnisse besser als der Staat und kann schneller reagieren, falls sich diese verändern.» Eine gute Berufslehre bilde immer noch die Basis «für einen erfolgreichen Weg in der Arbeitswelt, wo auch immer».

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«Einverstanden», erwidert Ralf Margreiter, Ressortleiter Jugend im KV Schweiz und grüner Zürcher Kantonsrat, «aber es ist klüger, die richtige Ausbildung gleich im richtigen Beruf zu machen.» Es sei zwar richtig, den Einfluss des Staates in der Berufsbildung niedrig zu halten, doch «bildet die Wirtschaft heute nicht unbedingt aus, was sie in fünf Jahren braucht».