Seit dem 1. Mai 2010 ist das Rauchen in der ganzen Schweiz in den meisten Restaurants und Bars sowie am Arbeitsplatz verboten. Das Nikotinvergnügen findet also immer häufiger im Freien statt. Die Gefahr steigt, dass dort die Raucherinnen und Raucher die Zigarettenkippen achtlos wegwerfen, wenn sich nicht gerade ein Aschenbecher in Reichweite befindet. Die Überreste des Rauchens sind denn auch eines der wesentlichen Littering-Probleme, wie Sauberkeitserhebungen in den grösseren Schweizer Städten belegen. Bezüglich Stückzahl bilden Zigarettenstummel die häufigste, bezüglich Menge die drittgrösste Abfallkategorie im öffentlichen Raum, nach Take-away-Verpackungen und Gratiszeitungen.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Es wird mehr draussen geraucht

Von den 12 Mrd jährlich in der Schweiz gerauchten Zigaretten wird also ein beträchtlicher Teil «gelittert». Die Abfälle häufen sich überall dort, wo die Leute warten, also an Tram- und Bushaltestellen, auf den Perrons der Bahnhöfe, vor öffentlichen Gebäuden und neuerdings vor allem auch vor Bars und Restaurants. Wenn Zigarettenstummel die Plätze und Trottoirs verschmutzen, ist das für die Betreiber von Geschäften im Einzugsbereich imageschädigend. Der Branchenverband Gastrosuisse empfiehlt deshalb den Wirten in Zusammenhang mit dem Rauchverbot, vor den Lokalen möglichst viele Aschenbecher zu platzieren.

Auf die gleiche Massnahme setzen die Anbieter des öffentlichen Verkehrs (ÖV):

Die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ) haben ihre sogenannten Abfallhaie an den Haltestellen konsequent mit Aschenbecheraufsätzen bestückt. «Um den Rauchern möglichst den Weg zur Entsorgung zu verkürzen», wie VBZ-Sprecherin Daniela Tobler erklärt.

Die SBB installierten in den letzten Jahren Tausende Aschenbecher, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Viele Zigarettenkippen landen weiterhin auf den Gleisen und dem Schotterbett.

«Zigarettenstummel und -verpackungen sind ein wesentlicher Teil eines sich laufend verschärfenden Littering-Problems», betont Norbert Schmassmann, Direktor der Verkehrsbetriebe Luzern (VBL).

Die ÖV-Anbieter sehen sich deswegen jährlich mit zusätzlichen Reinigungskosten in Millionenhöhe konfrontiert.

Industrie zeigt kaum Einsehen

Die Betreiber des ÖV und mit ihnen weite andere Kreise ärgern sich nicht nur über die «Litterer», sondern auch über deren Versorger, also die Zigarettenindustrie. Alex Bukowiecki, Geschäftsführer Kommunale Infrastruktur beim Schweizerischen Städteverband, wird deutlich: «Wir sind enttäuscht über die Tabakindustrie, die ihre Verantwortung nicht wahrnimmt.» Die Littering-Experten wünschen schon länger, dass sich die Zigarettenhersteller der Interessengemeinschaft für eine saubere Umwelt IGSU anschliessen. Diese Organisation koordiniert die Bemühungen zur Linderung des Problems in der Schweiz und schafft verbindliche Instrumente, um die Verursacher an den Folgen und Kosten zu beteiligen.

Alibiübungen und Kosmetik

Mathieu Janin, Sprecher von British American Tobacco (BAT), dem grössten Zigarettenhersteller auf dem Schweizer Markt, signalisiert zwar grundsätzliche Bereitschaft, mit der IGSU zu kooperieren. Er relativiert aber: «Die IGSU will die Littering-Problematik allgemein angehen, und das entspricht leider nicht unseren Zielen.» BAT verteilte bislang vor allem an Grossveranstaltungen Taschenaschenbecher. «Bis heute mehr als 200 000 Stück», so Mathieu, «und wir möchten dies künftig noch intensivieren.»

Diesen Bemühungen können die Littering-Experten wenig abgewinnen. Florian Erzinger, Littering-Beauftragter beim Bundesamt für Umwelt (BAFU), spricht von einer Alibiübung, die das Problem gar noch verschärfe (siehe auch Seite 61). «Zum Zigaretten-Littering kommt das Littering der Taschenaschenbecher neu hinzu», verdeutlicht er. Zwar nahmen die Zigarettenhersteller im November 2009 an jenem runden Tisch teil, zu dem das BAFU alle am Problem Beteiligten eingeladen hatte. Doch zu konkreten Schritten, wie sie sich das BAFU und die IGSU wünschten, kam es nicht. Thomas Meyer, Geschäftsführer des Dachverbandes Swiss Cigarette, spricht zwar von «einem konstruktiven Dialog». Zudem verweist er auf firmenspezifische Sensibilisierungskampagnen wie etwa das Aufdrucken von «Keep Switzerland Beautiful»-Parolen auf den Verpackungen. Das wiederum kritisieren Littering-Experten als «reine Kosmetik».